Petra Kaffeesieder

„Ich muss helfen“

Trotz allem, was passiert ist, lebe ich gern in unserem Haus in Eschersheim im Frankfurter Norden. Eingezogen sind wir vor fast 40 Jahren. Wir haben immer ganz offen als jüdische Familie gelebt, wir betrachteten das als Selbstverständlichkeit. Mein Mann Robert war ein im Stadtteil recht bekannter Frauenarzt und hatte ein großes zytologisches Labor. Oft saßen unsere Töchter Sharon und Mirjam mit den Patientinnen im Wartezimmer und erzählten den Frauen von unserem Leben, auch davon, dass wir nicht Weihnachten feiern, sondern Chanukka. Wir haben uns nie versteckt, fühlten uns integriert, angenommen. Im November allerdings passierte etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Meine Tochter rief mich an und sagte, man habe, wie sie von den Nachbarn erfuhr, unser Haus, das ich seit dem Tod meines Mannes allein bewohne, mit Hakenkreuzen und dem Wort „Jude“ beschmiert. Als ich dann zum Hauseingang kam, hatte die Polizei das Geschmiere bereits mit einer Folie bedeckt.
Ich denke, ich werde so weiterleben wie bisher. Doch die Unbefangenheit ist weg. Grundsätzlich bin ich eine furchtlose Frau, vermutlich habe ich das von meinem Vater. Der war Sozialist. Als 68er‐Studentin stand ich immer in vorderster Reihe, immer vor den Wasserwerfern. Wenn ich aber ganz ehrlich bin: Würden meine beiden Töchter und ihre Familien auch hier in Frankfurt leben, dann würde ich nicht so offen Stellung beziehen. Denn als Mutter sorge ich mich um sie.
Das Ganze tut mir vor allem so leid für die alten Juden in Frankfurt, die jetzt anrufen, die wieder Angst haben. Und für meine deutschen Freunde. Das Gute an allem aber ist: Mein Kampfgeist ist wieder da. Ich war bequem geworden. Jetzt befinde ich mich nicht mehr in diesem KoKon, bin wieder in der Wirklichkeit angekommen. Bis zu dem Übergriff schien alles in Ordnung zu sein. Frankfurt kam uns wie eine Insel vor, auf der Menschen aus aller Welt miteinander gut klar‐ kommen. Und wir Juden lebten mit dem Gefühl, wir hätten unseren Teil dafür getan.
Acht Jahre war ich im Vorstand der Jüdischen Gemeinde, als Ignatz Bubis noch den Vorsitz hatte. Als ich dann aber ein Enkelkind nach dem anderen bekam – ich bin inzwischen vierfache Großmutter, und das fünfte Enkelkind ist unterwegs –, war es zu viel für mich. Mittlerweile engagiere ich mich in mehreren Charity‐Vereinigungen. Ich bin Mitglied der WIZO und seit 25 Jahren Vorsitzende des Freundeskreises der Israel Cancer Association. Ich kann einfach nicht nein sagen, wenn mich jemand um Hilfe bittet. Mein Engagement für Krebskranke bedeutet mir besonders viel. Wir bezahlen Kinderonkologen und Nachtschwestern, und vor sechs Jahren haben wir das Projekt „Hope for life“ gestartet. Es fördert krebskranke Kinder während ihrer Chemotherapie, ein Tutor organisiert Nachhilfestunden, vernetzt die Kinder von zu Hause aus mit der Schule, sodass sie dem Unterricht folgen können. 300 Kinder können wir mittlerweile pro Jahr auf diese Weise begleiten. Bis zu 180.000 Euro stehen uns jährlich zur Verfügung. Ich bin sehr stolz darauf. Einmal im Jahr laden wir zu einer großen Benefiz‐Gala ein. Die nächste ist am 9. Februar.
Eines ist uns ganz wichtig: Wir arbeiten ehrenamtlich und absolut spesenfrei. Mein Mann war mir, was das Soziale betrifft, sehr ähnlich. Er hat halb Eschersheim entbunden, und niemand wurde abgewiesen, weil er kein Geld für die Arztrechnung hatte. Wir waren fast 40 Jahre miteinander verheiratet, er ruhte sehr in sich, das hat mir gutgetan, denn ich bin sehr extrovertiert. Politisch waren wir sehr unterschiedlich eingestellt, ich sehr links, er liberal‐konservativ. Auch was Israel betrifft, gingen unsere Meinungen auseinander. Allerdings waren wir beide davon überzeugt, dass wir, die wir nicht dort lebten, nicht das Recht haben, die Politik des Staates Israel zu kritisieren. Ohne Israel würde ich mich nirgends auf der Welt in meiner Identität sicher fühlen. Die Vergangenheit steckt uns allen in den Knochen, auch wenn meine Familie glücklicherweise keine Opfer des Nationalsozialismus zu beklagen hatte. Zwei bis drei Mal im Jahr fliege ich nach Israel, besuche Freunde und Verwandte. In Deutschland zu leben, war eine sehr bewusste Entscheidung von meinem Mann und mir. Die Entwicklung, die das Land nahm, gefiel uns: Dass man begonnen hatte, die Vergangenheit nicht mehr zu verdrängen.
Ich gehe sehr wach durch meinen Alltag und melde mich zu Wort, wenn ich Ungerechtigkeiten wahrnehme. Letzte Woche zum Beispiel. Da habe ich in der U‐Bahn eine junge Mutter beobachtet, die sehr streng mit ihrem Kind war. Ich habe versucht, ihr klarzumachen, dass ein weinendes Kind ein Stück Normalität ist. Ich dachte mir: Hey, beruhige dich, versuch es mal mit reden. Offenheit, mit den Menschen reden, das ist wichtig. Finde ich.
Letzten Monat war ich mit meiner Freundin in Namibia. Wir hatten einen Ranger. Nur für uns. Er fuhr mit uns durch den Etosha‐Nationalpark. Der Ranger hatte einen bildschönen Sohn, aber irgend‐etwas war mit seinen Beinen nicht in Ordnung. Wir kamen ins Gespräch, und plötzlich war da diese Vertrautheit. Wir nahmen spontan eine Kindergartengruppe mit, der Wagen war proppevoll, wir fanden es wunderbar, sangen, redeten, lachten. Zum Schluss sagte der Ranger etwas, das ich nie vergessen werde. Er sagte: „Es gibt Menschen, die möchte man gerne bei sich behalten.“ Ja, so war das in Namibia.
Die Freundin, mit der ich die große Reise gemacht habe, kenne ich schon fast 40 Jahre. Ich teile mit ihr mein Interesse für Kunst und Kultur. Ohne Freunde könnte ich nicht leben. Nach ihrer Religion ausgesucht habe ich sie mir allerdings nie. Zu meinem engeren Bekanntenkreis zählen auch Künstler. Vor einigen Wochen habe ich eine Ausstellung organisiert, in der ehemaligen Praxis meines Mannes und hier bei mir zu Hause. Mit stark vergrößerten Fotografien eines jungen Künstlers. Ich brauche die Kunst. Bilder, finde ich, drücken Emotionen aus, die anders oft nicht zum Klingen kämen. Außerdem sind sie ein Zeichen von Lebensfreude, das gefällt mir. Ich mag vor allem die Maler der „Brücke“, Kirchner ganz besonders. Ab und zu gehe ich ins Städel‐Museum, schaue mir seine Bilder an und bin dann ganz happy. Ich brauche manchmal solche ganz stillen Momente, gerade weil ich ein so extrovertierter Mensch bin.
Kürzlich war ich in Berlin, ein sehr enger Freund meiner Tochter hat geheiratet. Es war ein seltsames Gefühl, ich kenne ihn seit seiner Kindheit, er ging bei uns ein und aus. Es war eine sehr laute, sehr lustige Hochzeit. So wie wir Juden um die Trauer wissen, wissen wir auch um die Lebensfreude. Ich bin mit dem Baby meiner Tochter und ganz vielen bunten Luftballons zum Standesamt gelaufen. Die Hochzeit fand in der Chabad‐Gemeinde statt. Die Synagoge dort ist wunderschön, der junge Rabbiner hat eine sehr traditionelle Trauung vollzogen. Er war aber auch sehr lustig und erzählte Anekdoten über das Eheleben. Gleich am nächsten Tag bin ich dann nach London geflogen, gemeinsam mit meiner Tochter Sharon. Weil sie ihr nächstes Kind erwartet, hatte sie noch wichtige Untersuchungen vor sich, und ich war der Babysitter.
Meine Enkelkinder bedeuten mir sehr viel. Ich versuche, einmal im Monat beide Töchter mit ihren Kindern zu besuchen. Meine Seele braucht das. Das Haus meiner Tochter in England ist wunderschön, es gibt einen großen Garten und viele, viele Treppen. Eben so richtig englisch. Das Wichtigste aber ist: Sharon führt ein ebenso offenes Haus wie ich. Was ich persönlich an den Engländern so schätze, ist ihre wahnsinnig große Offenheit und Freundlichkeit. Hier in Deutschland habe ich immer das Gefühl, ich muss die Initiative ergreifen.

Aufgezeichnet von Annette Wollenhaupt

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