leon kolossenko

»Ich kann hart arbeiten«

Seit Anfang Januar 2008 betreibe ich im Berliner Stadtteil Reinickendorf als hausärztlicher Internist eine eigene Praxis. Zu mir kommen Patienten aus den verschiedensten Ländern: Deutsche, Polen, einige Russen, und, da die Praxis an der Grenze zum migrantisch geprägten Bezirk Wedding liegt, auch viele Menschen arabischer und türkischer Herkunft.
Obwohl ich an der Tür eine Mesusa angebracht habe, auf meinem Schreibtisch ein Porträt des Lubawitscher Rebben steht und sich an den Wänden viele jüdische Motive finden, hat es aber noch nie Probleme gegeben. Hinderlich in meiner Berufsausübung ist eher die komplizierte Kommunikation mit den Behörden, aber diese nervenaufreibenden Hemmnisse kennt wohl jeder Arzt.

herausforderung Nachdem ich über zwei Jahrzehnte in Krankenhäusern gearbeitet habe, sehe ich den Aufbau meiner eigenen Praxis als große Herausforderung. Immerhin ist man als niedergelassener Arzt oft ein Leben lang damit verbunden. Daneben betreue ich die Bewohner des jüdischen Pflegeheims in der Herbartstraße. Die medizinischen Behandlungen dort haben einen ganz anderen Charakter und erfordern viel psychologisches Gespür. Oft sind die betreuten Senioren Holocaust‐Überlebende. Sie haben schreckliche Dinge erleiden müssen, die psychisch und physisch bis heute nachwirken.
Vielen ist es wichtig, in einem dezidiert jüdischen Pflegeheim zu leben, da nicht betroffene Deutsche den Nazi‐Terror oftmals schon vergessen haben. So erzählte eine ehemalige Auschwitz‐Gefangene, dass eine Krankenschwester während eines Klinikaufenthaltes ihre in den Arm tätowierte Häftlingsnummer gesehen hätte und aus Unwissenheit lachend nachfragte, ob sie sich denn eine Telefonnummer merken wolle.
Dass ich die Betreuung des Heims neben dem anstrengenden Praxisberuf übernehme, macht mir nicht viel aus, ich habe zeit meines Lebens hart gearbeitet. Während meiner ersten medizinischen Anstellung in einem städtischen Krankenhaus in Moskau war ich von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends im Einsatz und anschließend habe ich von sieben bis neun in einer Praxis Akupunktur und andere ärztliche Dienste angeboten. Um als Jude 1983 in Russland einen Medizinstudienplatz zu bekommen, musste man doppelt so viel leisten wie andere.
Von meiner Berufswahl bin ich absolut überzeugt: Nicht nur, dass schon meine Mutter Chefärztin für Pathologie war, auch glaube ich, dass es kaum eine sinnvollere Betätigung gibt. Darüber hinaus bietet die Medizin eine enorme Bandbreite an Aufgaben, jeder kann die für ihn passende Tätigkeit finden: Wenn man lieber weniger mit Menschen arbeiten möchte, kann man ins Labor oder in die Wissenschaft gehen, wenn man eher der handwerkliche Typ ist, geht man in die Orthopädie. Wenn man gut zuhören kann und sich für die verborgenen Probleme der Menschen interessiert, wird man Psychotherapeut. Und wenn man eine Kombination aus allem wünscht, wird man Hausarzt, so wie ich.

auswanderung 1997, als ich nach Deutschland ausgewandert bin, war das Krankenhaussystem in Russland richtig marode. Neue Medikamente wurden oft nur dann auf die Station geliefert, wenn irgendwo ein Schmuggler gefasst und seine Ware beschlagnahmt worden war. Nicht nur ich habe dort keine Perspektive mehr gesehen. Als sich die Möglichkeit bot, kam es zu einem regelrechten Exodus von Ärzten. In meiner Klinik gab es viele jüdische Mediziner, eine ganze Station musste geschlossen werden, weil alle Mitarbeiter das Land verließen.
Der Antisemitismus, der zehn Jahre früher noch viel massiver präsent war, spielte für meine Ausreise allerdings keine Rolle. Zu dem Zeitpunkt entwickelte sich in Moskau ein blühendes jüdisches Leben. Ich habe mich aber auch schon in der Zeit davor als Jude gefühlt und mich sowohl bei Chabad in Moskau als auch bei der Studentenorganisation Hillel engagiert.
Generell liegt mir das Judentum und seine Weitergabe an die nächsten Generationen sehr am Herzen. So bin ich mit meiner Frau, die ich in Homburg kennengelernt habe, aus dem Saarland nach Berlin gezogen, weil hier ein richtiges jüdisches Leben für uns besser praktizierbar war als dort. Und vor allem, weil unseren drei Kindern mit dem jüdischen Kindergarten und der jüdischen Schule die Möglichkeit zu einer wirklichen religiösen Erziehung geboten wird. Natürlich gehen wir jeden Schabbat in die Synagoge, ansonsten bleibt aber neben der Arbeit und den Kindern wenig Zeit für Freizeitaktivitäten.
Ich glaube, die Zukunft des Judentums liegt bei der orthodoxen Strömung, aber nicht, weil ich das liberale und konservative Judentum für schlechter hielte. Für jeden sollte die passende Form der Religiosität existieren. Und wenn jemand in die liberale Synagoge geht, finde ich es viel besser, als wenn er zu Hause bliebe. Ich habe nur Bedenken, was die richtige Wei‐
tergabe des Judentums betrifft.
Wichtig ist doch, ob die Kinder sich selbst als Juden verstehen und ihre Religiosität auch leben. Bei einem Einzelkind, das in einem religiös uninteressierten Elternhaus aufwächst, ist dies sicherlich erheblich schwieriger, und die Tradition wird abgeschnitten. Ohne die Vergangenheit verschwindet auch die Zukunft. Dabei hoffe ich, dass sich das gesamte Judentum in all seinen Facetten gut weiterentwickelt und die Leute nicht nur für sich und vor sich hin leben, sondern sich mit anderen in der Gemeinde versammeln. Das ist übrigens auch vom medizinischen Standpunkt aus relevant: Man hat herausgefunden, dass Menschen, die zweimal pro Woche zum Gottesdienst gehen, drei Jahre länger leben als »Abstinenzler«.

spiritualität Durch die Religion erreicht man eine ganz andere Lebensqualität: Durch die Spiritualität fühlt man sich geborgen und hat mehr Energie, es ist, als bekäme man einen Kraftschatz überantwortet, in dem die Weisheit von mehreren Jahrtausenden enthalten ist und der einen lehrt, die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Wenn ich morgens die Tefillin lege, fühle ich mich wie ein ganz anderer Mensch, als würde die Perspektive von schwarz‐weiß in bunt wechseln.
Ich glaube, ohne diese Nahrung für die Seele kann niemand wirklich leben, andererseits findet auch jeder etwas anderes und für ihn Passendes in der Religion, es ist da ein wenig wie mit der Medizin. Im Chabad‐Zentrum werden viele Kurse mit sehr vielen Themen zum Judentum angeboten. Leider habe ich zu wenig Zeit, um alles zu belegen, was mich interessieren würde. Doch ich kann nur jedem raten, einfach mal in die Synagoge zu gehen, Schabbat zu feiern und die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Man sollte sich diesem Universum Schritt für Schritt nähern, eine lupenreine Frömmigkeit von Anfang an ist ohnehin illusorisch. Auch ich muss mich noch entwickeln, weiter in der Tora lesen und mich intensiv mit der Kabbala beschäftigen.
Gerne würde ich irgendwann einmal die Zeit finden, um modernes Hebräisch zu lernen. Hauptsache, man macht Schritte nach vorn, denn die Abwesenheit von Entwicklung bedeutet Tod. Lenin hat gesagt: »Lernen, lernen, nochmals lernen«, und ich glaube, er hatte recht.
Das betrifft natürlich auch den Beruf. Einmal wöchentlich gehe ich abends nach der Sprechstunde zu fachlichen Fortbildungsangeboten. Ich habe während meiner Arbeit im Krankenhaus auch an einer Doktorarbeit geschrieben und hoffe nun, dass bald die Arbeit an den Korrekturen beendet wird. Dann wäre ich trotz fortlaufender Weiterentwicklung mit meiner Praxis richtig angekommen.

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