Natalia Gorbatyuk

»Ich hatte Heimweh«

von Christine Schmitt

Wenn Natalia Gorbatyuk ihre Mantel- und Einkaufstaschen zu Hause ausleert, muss sie aufpassen, dass sie nicht ihre Gedanken in die Mülltonne schmeißt. »Ich schreibe meine Gedichte überall auf – oft auf kleine Zettel, die ich gerade finde. Manchmal auch auf einen Kassenbon«, sagt die kräftige Frau und lächelt vergnügt. »Seitdem ich denken kann, dichte ich. Es ist in meinem Kopf und muss heraus.«
In einem kargen Raum inmitten unzähliger Bücher sitzt die 51-Jährige und trinkt Kaffee. Umgeben von Literatur fühlt sich Natalia Gorbatyuk sichtlich wohl. Fast täglich zieht es sie in die Bibliothek des Potsdamer Kultur-, Integrations- und Begegnungszentrums (KIBuZ). Der Ort sei ihr inzwischen »ein bisschen Heimat« geworden, sagt sie.
Ihre ersten Gedichte schrieb Natalia mit sieben Jahren: Naturlyrik – Blumen und Felder. Mit neun Jahren stand der Krieg im Mittelpunkt. »Ich war sehr patriotisch eingestellt«, sagt sie und schüttelt den Kopf. Als 16-Jährige ging es in ihren Gedichten überwiegend um die Liebe. Und seit fast zwölf Jahren gibt es noch ein weiteres Thema: ihre Ausreise nach Deutschland. 1995 kam sie mit Ehemann, Tochter, Mutter, Stiefvater und Hund von Odessa nach Potsdam.
»Ich wollte nicht«, sagt sie. Aber ihre Familie träumte von einem neuen Leben in Deutschland. Und da Natalia sich wünschte, dass es ihrer Familie gut ginge, und weil sie bei schweren Entscheidungen eigentlich immer einlenke, habe sie der Ausreise schließlich zugestimmt.
Bis zur Perestroika hätten sie einigermaßen zufrieden gelebt, sagt Natalia Gorbatyuk. Fast allen sei es gleich ergangen: Man hatte kein Auto, keine Datsche, und jeder musste anstehen, um etwas zu kaufen. Doch nach der Perestroika habe sich vieles verändert: Manche seien wohlhabend geworden, andere nicht. Die Gorbatyuks gehörten zu den Letzteren. Natalias Mann verlor seine feste Anstellung als Ingenieur, und das Forschungsinstitut, in dem Natalia als Konstrukteurin arbeitete, wurde privatisiert. Zwar ging sie weiterhin jeden Morgen zur Arbeit, doch sie erhielt kaum noch Lohn. Später meldete das Institut Konkurs an, und Natalia wurde arbeitslos. Als dann die Tochter von einer Nachbarin als Jüdin beschimpft wurde, beschloss die Familie auszuwandern.
»Ich dachte, das wird sowieso nichts, oder es dauert ewig. Aber schon nach einem Jahr war es soweit.« Sie kündigten die zwei kleinen Zimmer, in denen sie zu dritt wohnten. »In diesen Räumen hatte schon meine Großmutter gelebt.« Die sprach noch Jiddisch, Natalia habe ihr immer gern zugehört. »Ich war als Kind nicht wie die anderen«, sagt sie. Schon allein ihr Mädchenname, Weinbaum, ließ sie anders sein – auch wenn sie so gut wie ohne Religion aufwuchs. »Die war ja nun einmal verboten.«
In Potsdam bekamen sie, ihr Mann und ihre Tochter zwei Räume in einer Drei-Zimmer-Wohnung zugewiesen. Dass sie nicht komfortabel wohnten, spielte keine Rolle. Wichtiger war ihnen, dass die Tochter rasch Deutsch lernte und das Gymnasium besuchen konnte.
Doch Natalia Gorbatyuk ertrug ihre neue Umgebung nicht lange. Sie bekam Herzschmerzen, wurde schwermütig und wollte nach drei Monaten zurück nach Odessa. »Was willst du dort?«, fragte ihr Mann, der sie nicht verstand. »Heimweh« nannte sie eines ihrer ersten Gedichte in Deutschland: »Ich habe eine Wohnung, Mann und Kind und liege dennoch in den Nächten wach, lausche deutschen Birken bis zum Morgenwind, die ukrainisch singen, ach, ach, ach.«
Natalia ließ sich nicht aufhalten und fuhr mit ihrer damals 15-jährigen Tochter nach Odessa. »Aber in der kurzen Zeit hatte sich dort so viel verändert«, sagt sie. Ihr jüngerer Bruder saß auf gepackten Koffern und wartete auf die Ausreise in die USA. Etliche Freunde waren bereits nach Israel oder Deutschland gegangen. Allmählich wurde Natalia bewusst: »Da gibt es nichts mehr – nur noch unsere Erinnerungen.« Als sie dann wieder in Deutschland waren und auf einem Berliner Bahnhof auf den Zug nach Potsdam warteten, habe ihre Tochter gesagt: »Ein Glück, dass wir wieder zu Hause sind.« Seitdem weiß Natalia Gorbatyuk, dass sie in Odessa nicht mehr zu Hause ist. »Unser Leben ist hier. Wir versuchen, uns hier wohlzufühlen.«
Da sie am Anfang kaum ein Wort verstand, machte sie einen Deutschkurs. Heute beherrscht sie die Sprache so gut, dass sie deutsche Gedichte ins Russische übersetzt. Nach dem Sprachkurs sah es zunächst so aus, als ob alles klappen würde. Sie konnte mit ihrem Mann eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Plattenbau beziehen und einen Fortbildungsplatz zur Büroassistentin antreten. Danach allerdings ging es beruflich nicht mehr weiter. Natalia bekam gerade noch einen Praktikumsplatz, dann stand sie enttäuscht vor dem beruflichen Nichts. »Ich wollte niemals Sozialhilfeempfängerin sein. Ich bin ehrgeizig und dachte, dass ich es schaffen würde. Aber ich bin wohl zu alt.«
Resignieren will Natalia aber nicht. Sie schreibe immer weiter Bewerbungen, sagt sie. »Wenn es gut läuft, kriege ich eine Absage, wenn es schlecht läuft, höre ich nie wieder etwas.« Auch ihr Mann ist Hartz-IV-Empfänger. »Da bleibt kaum etwas zum Leben.«
Dafür gibt es viel Zeit zum Nachdenken. Doch das tue nicht immer gut. Isoliert habe sie sich oft gefühlt. Damit die Autoren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nicht in die gleiche innere Isolation gerieten wie sie, gründete Natalia Gorbatyuk vor drei Jahren die Literarisch-künstlerische Werkstatt im KIBuZ. Zweimal im Monat treffen sich die Schriftsteller, um ihre Texte miteinander zu besprechen und voneinander zu lernen. Natalia Gorbatyuk ist außerdem Mitglied des Literatur-Kollegiums Brandenburg sowie Herausgeberin des »Potsdamer literarischen Blattes« und der russisch-deutschen Almanache »Lichtschatten« und »Konturen«. Darin werden Texte russischer Autoren veröffentlicht: im Original und in der deutschen Nachdichtung.
»Von Montag bis Freitag« und »Schlaflosigkeit« heißen ihre eigenen Gedichtbände. »Wenn ich meinen Gefühlen Worte geben kann, ihren Klang aufspüre, einen Rhythmus und manchmal sogar ein poetisches Bild – dann bin ich glücklich«, sagt Natalia Gorbatyuk. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Familie gesund bleibt. Kürzlich hat sie ein Enkelkind bekommen, und ihre Tochter ist mit Mann und Baby in die Wohnung über ihr gezogen. Die über 70 Jahre alte Mutter wohnt mit dem Stiefvater ein paar Minuten entfernt. Einen weiteren Wunsch hat Natalia noch: Sie möchte einen Kranz von 15 Sonetten dichten. Eine sehr schwere Arbeit sei das. Sieben Sonette habe sie schon geschrieben. »Ich hoffe, es in diesem Jahr noch fertig zu kriegen«, sagt sie. Und diesmal nicht auf Zetteln, sondern auf dem Computer.

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