zuwanderer

»Ich hatte Glück«

von Thomas Lachenmaier

Heute muß sie selber darüber lachen. Äußerst präzise war Elena Korotines Zielvorgabe, als sie zum ersten Mal daran dachte auszuwandern. »Wir wollten so weit wie möglich weg von Rußland, so weit wie möglich in den Süden von Deutschland und so weit wie möglich in den Westen.« In Frage gekommen sei da nur Baden-Württemberg. »Wir konnten dieses Wort damals noch nicht mal aussprechen«, sagt sie und lacht. Doch dann wird sie ernst. »Und wir wollten so weit entfernt wie möglich von den Standorten ehemaliger Konzentrationslager sein«. Elena Korotine trägt einen kleinen, schmucken Davidstern an ihrer Halskette. Die 38jährige hat eine sehr lebendige Vorstellung von ihrer jüdischen Identität. Aber das war nicht immer so.
Der Abschied von St. Petersburg liegt inzwischen 14 Jahre zurück. Das materielle Zeichen einer gelingenden Integration ist der Anbau an ein älteres Haus in Ettenheim, einer Kleinstadt zwischen Freiburg und Offenburg, das die Familie 1999 gekauft hat. Der Weg zur neuen Haustür führt noch über Schotter, der Klingelknopf baumelt an einem Kabel vor der unverputzten Wand. Die Hauserweiterung ist fast abgeschlossen, das Leben verläuft in geregelten Bahnen. Aber der Weg von St. Petersburg ins Badische war für Elena Korotine mehr als eine materielle Verbesse- rung. Er war auch ein religiöser Aufbruch und begann mit der Perestroika: »Zuvor hatte ich gar nicht gewußt, daß es in St. Petersburg eine Synagoge gibt«. Den Kommunisten war jeglicher religiöser Glaube suspekt und wurde unterdrückt. Auch die meisten Kirchen waren zweckentfremdet. Aber dann wehte ein frischer Wind durch St. Petersburg, und er erreichte auch die Synagoge. An den jüdischen Feiertagen versammelten sich die jungen Leute vor dem Gebäude, und Elena gehörte zu ihnen. Für sie begann die Suche nach ihrer jüdischen Identität. Schnell spürte sie, daß jüdisch zu sein etwas anderes bedeutet als der Eintrag im sowjetischen Paß: »Nationalität: jüdisch«.
Zuvor war es in der Sowjetunion verboten gewesen, Hebräisch zu lernen. Ende der 80er Jahre aber machte sich Elena, Studentin an der Technischen Hochschule für Chemische Technologie, auf den Weg zum Hebräischkurs. Mehr als eine Stunde Fahrt mit der Metro nahm sie in Kauf. Nach einem halben Jahr brach sie den Kurs wieder ab, denn sie fürchtete sich auf der langen nächtlichen Rückfahrt. Doch er war der Beginn einer Wegstrecke. »Ich habe bewußt empfunden, daß ich Jüdin bin«, und man spürt ihre Freude über die innere Entwicklung, die sie seither gemacht hat.
Daß sie in ihrem Leben mehr sehen wollte als Rußland, war ihr immer klar gewesen. »Ich brauchte Bewegungsfreiheit« sagt sie, »wie alle jungen Leute.« Der Gedanke an Auswanderung war ihr und ihrem Mann Wladimir, den sie 1990 geheiratet hatte, nicht fern. Am Vortag der offiziellen Vorstellung ihrer Diplomarbeit, das war im Februar 1991, erfuhr sie von der Möglichkeit, nach Deutschland auszuwandern. Im Mai brachte sie den Antrag zum Konsulat, im September erhielt sie die Zusage.
Als Elena Korotine und ihr Mann 1992 in eine ungewisse Zukunft starteten, war sie im siebten Monat schwanger. Die erste Zeit verbrachten sie in einem Übergangswohnheim in Esslingen, später lebten sie ein Jahr in Simmersfeld, einem Schwarzwalddorf fernab jeder größeren Stadt. Eine schwierige Zeit für Elena, die im Zentrum der Millionenstadt St. Petersburg aufgewachsen ist. »Für Rentner oder für den Urlaub kann man das sehr gut empfehlen, aber nicht für junge Leute«, sagt sie. Doch sie sieht auch das Positive an dieser Zeit: »Die gesunde Luft war bestimmt gut für das Baby.« Am liebsten würde sie in einer Großstadt wie Hamburg oder Bremen wohnen. »Vielleicht klappt es eines Tages, wenn die Kinder aus dem Haus sind.« Die ersten Jahre waren nicht leicht. Ihr Mann konnte in Deutschland nicht in seinem Beruf als Jurist arbeiten. Er hat hier eine technische Ausbildung und einen Fernkurs zum System-Administrator absolviert. Inzwischen hat er eine feste Anstellung als Wartungstechniker gefunden.
In ihrem gelernten Beruf wollte Elena Korotine nicht arbeiten. Schon beim Abschluß des Examens war ihr Wissensstand nicht auf westlichem Niveau. Sie besann sich auf ihr medizinisches Interesse und machte eine Krankenpflegeausbildung. Im Klinikum in Lahr hat sie eine 40-Prozent-Stelle. Jetzt richtet sich die junge Familie ihr Leben in Ettenheim ein. Zu der inzwischen 14jährigen Babette kamen noch Daniel und David, der noch den Kindergarten besucht. Die Eltern legen großen Wert darauf, daß die Kinder über die schulische Ausbildung hinaus eine musikalische bekommen. Babette spielt Klavier und Klarinette, David Akkordeon in einem Musikverein, und vor einigen Monaten hat er noch mit Posaune angefangen.
Elena Korotines Weg zu einem bewußten Judentum verlief nicht ohne Rückschläge. Sie berichtet von schlechten Erfahrungen, die sie mit der damals neu ent- stehenden Gemeinde Baden-Baden machte. Da ihr Mann kein Jude ist – und damit auch nicht zum Minjan beitragen kann – habe man sie dort nicht akzeptiert. Aber das ist Vergangenheit, lieber spricht sie über die Freiburger Gemeinde: »Freiburg hat mich zum Glauben zurückgeführt«. Hier besucht Elena Korotine den Gottesdienst, hier hat sie ihre geistliche Heimat gefunden.
Wie sieht ihr gelebtes Judentum aus? Liest sie regelmäßig in der Tora? »Oh ja!« antwortet Elena Korotine impulsiv und strahlt. Sie ist glücklich über diese Entwicklung. Anfangs erlebte sie das Judentum nur als diskriminierenden amtlichen Eintrag im Paß, dann kam die Zeit des Kennnenlernens und schließlich wurde es Teil ihrer Identität. Elena hält die Fastentage ein und besucht regelmäßig den Tora-Unterricht in Freiburg. Die Tora hat sie als das heilige Buch kennengelernt, über dessen Dimension sie nur staunen kann. Voller Begeisterung spricht sie davon. Die beiden älteren Kinder besuchen den Religionsunterricht.
Elenas Mann trägt die Verpflichtungen mit, die sich im Alltag aus dem praktizierten Judentum ergeben. Er nimmt an der feierlichen Begrüßung des Schabbats teil, und soweit es möglich ist, ernährt sich die Familie koscher. Am Samstag steht der Rasenmäher still, und es ruhen die Arbeiten an der Hauserweiterung. »Wir vermeiden alles, was nicht unbedingt getan werden muß und auf den nächsten Tag verschoben werden kann«, erklärt Elena und berichtet von den Konflikten, in die man dabei kommen kann. Etwa wenn Tochter Babette an einem Samstag einen Wettkampf in rhythmischer Sportgymnastik hat, oder daß sie vor einigen Jahren an Jom Kippur bei einem Freundschafts-Wettkampf den 1. Platz belegte.
Elena Korotine versucht nicht, ihren Mann dazu zu bewegen, zum Judentum überzutreten. »Ich dränge ihn auf keinen Fall.« Aber sie würde sich sehr freuen, wenn das eines Tages geschieht. Sie strahlt geduldige Hoffnung aus: »Er hat ja noch Zeit!« Für die Entwicklung ihrer eigenen Religiosität hat ihr Engagement in der Chewra Kadischa, die sich der Toten- und Hinterbliebenenbetreuung widmet, eine große Rolle gespielt. »Das ist nicht nur praktische Arbeit, das hat mir auch spirituell viel gebracht.« Der Austausch in Seminaren habe ihr sehr geholfen. Man müsse akzeptieren, daß es »mit dem Glauben langsam geht«. Es brauche eben seine Zeit.
Eine große Lücke sieht Elena Korotine im Angebot der Gemeinden für die Menschen mittleren Alters. Während es für Jugendliche und Senioren Programme gebe, sehe es bei den 30- bis 60jährigen schlecht aus. Auch für junge Eltern, »die ja die Religion weitergeben könnten«, gebe es wenig. Es stimme sie traurig, sagt sie, zu sehen, daß es hier so viel Unwissen gebe. »Ich selbst hatte Glück, weil ich die Seminare der Chewra Kadischa besucht habe«.
Am Herzen liegt Elena Korotine noch ein Wunsch, den sie sich bislang nicht erfüllen konnte. Als Kind hat sie ihre Großeltern manchmal Jiddisch sprechen hören. Diese Tradition der Familie würde sie gern wieder beleben und selbst Jiddisch lernen. Aber die Tage der 38jährigen Mutter sind vielfältig ausgefüllt. Doch sie ist zuversichtlich: »Das ist so wie mit Bremen oder Hamburg. Irgendwann klappt es.«

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