Philip Egbune

„Ich habe viel vor“

Eigentlich ist meine Kippa eine muslimische Mütze. Ich bin ja sowieso schon ein Exot mit meiner dunklen Haut. Mich haben mal Nazis im Supermarkt angemacht, da versuchte ich es mit einer Basecap. Aber die schwarze Mütze gefällt mir besser. Wir haben hier in Nordhausen einen echt guten Draht zur muslimischen Gemeinschaft. Das ist schon lustig, in diesem knapp 50.000-Seelen-Ort: eine jüdische und eine muslimische Gemeinde, die aktiv in der Stadt sind und, anstatt sich gegenseitig zu ärgern, lieber zusammen Tee trinken.
Seitdem ich einen Job habe, muss ich jeden Tag um 7 Uhr raus. Das ist hart. Aber sonst schaffe ich nicht alles. Seit November arbeite ich bei der gemeinnützigen Lift‐GmbH, einem Beratungsbüro für bleibeberechtigte Flüchtlinge. Das ist ganz neu, wir bauen hier erst etwas auf. Zum Glück lässt sich das gut mit all den anderen Tätigkeiten kombinieren. Zum Beispiel noch mit der Arbeit beim Integrationsbeirat, beim Bündnis gegen Rechts oder beim Lokalen Aktionsplan. Hier ist wirklich viel los. Ein großer Spielplatz zum Austoben. Nur die Büroarbeit liegt mir nicht so sehr. Ich muss raus, unter die Leute. Am Dönerstand – wir haben hier einen richtig guten! – kann man doch viel mehr erreichen, weil man auf der Straße ist, mit den Leuten ins Gespräch kommt. Ich muss immer in Bewegung sein.
Manche Woche kann ich mich vor Arbeit kaum retten, da werden’s schnell mal 60 Stunden. Es gibt Tage, da bin ich erst gegen 23 Uhr zu Hause. Aber das ist schon okay, ohne Arbeit würde mir die Decke auf den Kopf fallen. Wenn ich bei Lift fertig bin, gehe ich zur Gemeinde. „Schalom“ heißt sie. Ich führe sie relativ autonom vor Ort, aber natürlich läuft alles Offizielle über Erfurt. Ich bin sozusagen das öffentliche Gesicht von „Schalom“. Da muss man ganz schön diplomatisch sein – nicht immer leicht für mich.
Was mir wirklich schwer fällt, ist, Privates und Öffentliches auseinanderzuhalten. Da kommt es zu Konflikten. Mein Handy klingelt ständig. Philip, kannst du mal kommen, Philip ich brauch das, Philip, die Beauftragte fragt, ob du … Da bleibt wenig Zeit für Familie und Freunde. Mittlerweile kann ich aber schon delegieren. Ich muss echt aufpassen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Reicht man einmal den kleinen Finger, wird gleich die ganze Hand genommen. Am liebsten würden sie mich rund um die Uhr in Beschlag nehmen. Manchmal ruft jemand zu Hause an, fragt, ob ich ihn zum Arzt begleite. Es ist schwer, nein zu sagen. Jeder hat irgendein Wehwehchen. Ich muss es noch lernen, die Leute auf Abstand zu halten, denn es wird mir einfach zu viel.
Aber unsere Gemeindemitglieder sind schon liebenswürdige Typen. Und unser harter Kern, wir verstehen uns wirklich gut. Mittwochs sitzen wir zusammen, zwei Stunden lang, beraten all die Gemeinde‐ dinge. Ich switche ständig hin und her zwischen Deutsch, Russisch, Englisch. Hebräisch geht noch nicht so. Das brauche ich auch nicht im Alltag. Aber die Gebete in der Synagoge, die würde ich schon gern sprechen können.
Seit 2005 bin ich Mitglied des Integrationsbeirates Nordhausen. Inzwischen führe ich auch dort den Vorsitz. Letztes Semester habe ich sogar an der Fachhochschule gelehrt. Ich hoffe, dass ich auch im Frühjahr wieder etwas machen kann. Daneben gibt es noch das Projekt „Miteinander“, wo wir jugendliche Bildungsarbeit mit zwölf‐ bis achtzehnjährigen Ausländern machen. Manchmal ruft auch ein Lehrer an und fragt, ob ich in seiner Klasse mal etwas übers Judentum erzählen kann. Dann gehe ich zwei Stunden hin und rede.
Wir machen auch ganz praktische Sachen. Zum Beispiel haben wir eine kleine Bibliothek eingerichtet. Auch DVDs zu jüdischen Themen gibt es. Schüler können sich das ausleihen, was allerdings noch selten genutzt wird. Wenn sie zu uns in die schöne alte Villa kommen, dann sehen sie auch gleich den kleinen Synagogenraum hinter dem Vorhang – Judentum zum Anfassen. Wir machen oft Veranstaltungen, auch öffentliche, zeigen zum Beispiel einen Dokfilm und hängen Plakate in der Stadt auf. Zweimal im Monat, leider nicht jeden Freitag, kommt Gennadi Kaplan, der Kantor aus Erfurt, und feiert mit uns Schabbat. Vor einigen Wochen haben die Leute in Nordhausen nicht schlecht gestaunt, als wir zum fünften Jahrestag der Gemeinde nach über 70 Jahren in einer Prozession die erste Torarolle durch die Stadt trugen.
Ich sehe zu, dass ich jede Woche zweimal den kleinen Sohn von meiner, wie soll ich sagen, Lebensabschnittsgefährtin, übernehme. So richtig hat es mit uns nicht geklappt. Es ist sehr schwierig, wenn man versucht, einen jüdischen Alltag zu leben. Es kann schon gehen, wenn die Partnerin keine Jüdin ist. Aber ideal wäre eine Jüdin. Verrückt. Ich nehme das so ernst inzwischen. Dabei hat mir meine Mutter erst mit 15 Jahren offenbart, dass ich Jude bin. Man munkelte davon in der Verwandtschaft, aber kapiert hatte ich es nie. Im ersten Moment war das ein Schock. Es ist ja schon schwierig, mit zwei Kulturen aufzuwachsen, der nigerianischen und der russischen. Und dann noch das.
Ich glaube, meine Mutter hatte ihr Jüdischsein immer verdrängt. Aber als es zu chaotisch wurde in den Jelzin‐Zeiten, stand plötzlich die Frage im Raum: Deutschland oder Israel? So landeten wir 1996 im thüringischen Aschara. Ich habe Moskau anfangs so vermisst! Alle meine Freunde waren dort. Stattdessen dann dieses öde Heim, wo nichts los war. Wir sind später noch in ein zweites Heim, eine ehemalige „Russenkaserne“ an der Grenze, umgezogen, wo es nur uns sogenannte Kontingentflüchtlinge gab. Wir waren wie eine große Familie. Dort bin ich zum ersten Mal mit dem Jüdischen in Berührung gekommen. Und später, nach einigen Besuchen in Russland, da hatte ich das Gefühl, in Deutschland zu Hause zu sein.
Ich wusste lange nicht, was ich werden will. Irgendwas zwischen Koch und Kellner. Als ich mein Fach‐Abi in Erfurt gemacht habe, bin ich jeden Tag hin‐ und hergependelt, abends jobbte ich in Nordhausen bei einem Italiener. Später hatte ich Glück, dass die Fachhochschule in Nordhausen eine Ausländerquote hatte. So konnte ich Diplomsozialwirt werden. Während der Ausbildung habe ich viel interkulturelle Arbeit gemacht. Und plötzlich wusste ich: Das ist meine Berufung! Irgendwann traf ich eine Jüdin, wir haben zusammen Tee getrunken und die Idee gesponnen, etwas für russisch‐jüdische Migranten anzubieten. Denn für die gab es in Nordhausen nichts. So ist der Verein „Schrankenlos“ entstanden. Wir haben dort Familien zusammengebracht, und später entstand die jüdische Kulturinitiative. Aus der ist 2006 eine echte Gemeinde geworden. Durch „Schrankenlos“ bin ich selbst noch viel stärker auf das Jüdische gekommen. Ein anderer Markstein auf diesem Weg war eine Studienfahrt nach Auschwitz.
Bei mir ist die Hinwendung zum Judentum stark autodidaktisch gelaufen. In Nigeria bin ich ja christlich aufgewachsen. Der erste Schabbat zu Hause, damals noch mit meiner Freundin, einer Aussiedlerin. Für sie war es ein bisschen erschreckend und interessant zugleich zu sehen, wie sich ein Mensch schlagartig verändern kann. Alles ging so schnell. Ich habe mich richtiggehend hineingesteigert, wurde fast orthodox. Ich fühlte mich, als sei ich endlich nach Hause gekommen. Natürlich gab es Konflikte mit meiner Lebensgefährtin und jede Menge Fettnäpfchen. Und lange Zeit saß ich zwischen den Stühlen. Christlich, jüdisch? In mir war Tumult. Mein Bruder brachte es schließlich auf den Punkt und fragte: Was bist du eigentlich? Du musst dich mal entscheiden!
Nach Möglichkeit sehe ich meine Mutter zwei‐, dreimal die Woche. Das ist mir sehr wichtig, sie wird dieses Jahr 71. Sie hat manchmal Heimweh nach „ihrer“ Sowjetunion.
So gern wäre ich dieses Jahr nach Nigeria gereist zu meinem Vater. Ich wollte ihn endlich wiedersehen, mit ihm reden. Darüber, wie es damals war, als ich dort aufgewachsen bin. Der nigerianische Teil meiner Familiengeschichte ist immer zu kurz gekommen. Wir haben Afrika verlassen, als ich zwölf war, 1991. Leider habe ich erfahren, dass mein Vater inzwischen gestorben ist. Das war knallhart. Ich werde ihn nie fragen können, nie wieder eine Chance haben, ihn noch einmal richtig kennenzulernen.
Ob ich trotzdem nach Nigeria reise, weiß ich nicht. Aber Israel sollte es dieses Jahr wenigstens sein. Als Jude muss ich doch dahin. Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr. Ich habe viel vor 2009, schließlich werde ich 30: Endlich die richtige Frau finden, nach Israel und, das wartet ja auch irgendwie, die Beschneidung. Ich möchte die jüdische Linie gern weiterführen.

Aufgezeichnet von Carsten Dippel

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