Alexander Basanska

»Ich habe noch keine Freunde«

von Christine Schmitt

Seine Augen meinen eindeutig »Nein«. »Njet«, sagt Alexander Basanska schließlich auch mit ruhiger, klarer Stimme. Der 39-Jährige braucht keine Hilfe mehr von seinem Vater, um die Treppe hinaufzusteigen, er schafft es alleine. Etwas unsicher und mit steifen Beinen geht er Stufe für Stufe ganz langsam hinauf ins Obergeschoss. Stolz beobachtet ihn Lasar, sein Vater, und auch Talla, die Mutter, schaut ihm zufrieden nach. »Es ist ein Wunder«, sagt sie. Kein Arzt hätte es für möglich gehalten, dass Alexander, sie nennen ihn Sascha, eines Tages wieder gehen und sprechen würde.
Als der junge Mann, von Beruf Techniker im Bergbau, an einem Wintertag vor elf Jahren im Zentrum der ukrainischen Stadt Donezk einen Autounfall hatte, änderte sich mit einem Schlag das Leben der ganzen Familie. Der damals 28-Jährige lag im Koma. Hoffnung gab es kaum, die Ärzte im Krankenhaus hielten sich bedeckt, sie wussten nicht, ob der junge Mann überleben würde. »Aber wir haben die Hoffnung nie aufgegeben«, sagen seine Eltern, die fast immer bei ihm waren, ihn streichelten und mit ihm sprachen, obwohl er nicht darauf reagierte. Als Alexander nach mehreren Tagen schließlich aus dem Koma erwachte, waren alle seine Erinnerungen ausgelöscht. Bis auf seine Eltern konnte er sich an niemanden mehr erinnern. Er hatte seine Sprache verloren und konnte sich nur wenig bewegen. Die Ärzte teilten Talla und Lasar mit, dass sie ihn mit nach Hause nehmen können. Man habe aus medizinischer Sicht alles versucht, was möglich ist. Die Eltern nahmen ihn zu sich in ihre Wohnung, aus der ihr Sohn schon Jahre zuvor ausgezogen war.
»Bis heute kann ich nicht über diese Zeit reden«, sagt Talla Basanska (68) unter Tränen. Zu schwer sind ihre Erinnerungen, die Sorgen der vergangenen Jahre und die Gedanken an die Zukunft. Ihr vergleichsweise unbeschwertes Leben schien damals von einem auf den anderen Moment ausgelöscht zu sein. Stattdessen bestimmten nun die Sorgen um ihren Sohn, der scheinbar so leb- und hilflos in seinem Bett lag, all ihr Denken und Handeln. Anderthalb Jahre schrie er fast nur und weinte. Schlafen konnte er so gut wie gar nicht. Tagsüber arbeiteten die Eltern, da sie Geld verdienen mussten, nachts kümmerten sie sich um ihr erwachsenes Kind. Wenn sie nicht da waren, blieb eine Freundin bei Alexander, so dass er nie allein war. »Es waren fünf sehr schwierige Jahre«, sagt die Mutter, die selber Ärztin ist. Auf Reisen in die USA und Israel versuchte sie Informationen zu erhalten, wie man ihrem Sohn helfen könnte, denn sein Zustand hatte sich auch nach Jahren kaum gebessert. Eines Tages stand die Entscheidung fest: »Wir gehen nach Deutschland.« Dort würde Alexander die besten Chancen für eine Rehabilitation haben.
»Es war eine der schwersten Entscheidungen in meinem Leben«, sagt Talla Basanska. Auf der einen Seite gab es die Arbeit ihres Mannes als Bauingenieur und ihre Tätigkeit als Toxikologin in einem medizinischen Institut. Auf der anderen Seite stand der Wunsch, das Bestmögliche für ihren Sohn zu tun. »Ich liebte meine Arbeit, ich hatte das Institut mit aufgebaut und war Abteilungsleiterin, ich wollte dieses Ar- beitsleben nicht aufgeben.« Sie hatten in der Ukraine alle Möglichkeiten für Alexander ausgeschöpft – es hatte nicht gereicht.
Im Juli 2001 konnte die Familie nach Deutschland ausreisen, nach Schwerin. Fünf starke Männer trugen Alexander auf einer Trage aus der Wohnung die Treppen hinunter. Im Schweriner Auffanglager hörten sie jemanden sagen: »Das ist kein Mensch mehr, sondern nur Fleisch« – Worte, die die Eltern nie vergessen werden. Nach drei Monaten konnte die Familie in eine kleine Vier-Zimmer- Wohnung ziehen und Sascha mit der Reha beginnen. »Wir haben alles ausprobiert, einschließlich Hypnotiseur und Heilpraktiker.« Wenn Talla Basanska von irgendeiner ihnen unbekannten Therapie erfuhr, machte sie gleich einen Termin aus. In Deutschland haben sie erfahren, dass es in der Ukraine mittlerweile ebenfalls viele Therapiemöglichkeiten gibt. Einmal im Jahr fährt nun die Familie für einige Wochen in die alte Heimat, um mit den dortigen Ärzten zu arbeiten.
Doch die beste Therapie für Alexander ist, dass ihn seine Eltern in Schwerin überallhin mitnehmen. Beim Einkaufen, beim Spaziergehen, bei Besuchen im jüdischen Gemeindehaus – Alexander ist immer dabei. Er musste seine schwachen Arme auf die Schultern seiner Eltern legen und so zogen sie los, zu dritt, in der Hoffnung, dass er auf diese Weise wieder laufen lernen würde. Der junge Mann ist zwei Köpfe größer als seine Eltern. Zuerst haben sie ihn eher mitgeschleppt, im Laufe der Zeit konnte er immer mehr Gewicht selbst übernehmen. »Wenn wir einkaufen waren, lehnten wir ihn an die Wand, um alles einzupacken oder zu bezahlen«, sagen Talle und Lasar. Alexander sollte nicht isoliert, sondern mit in den Alltag und ins Leben integriert sein. Und er machte weiter kleine Fortschritte.
Seit einigen Monaten braucht er die Schultern seiner Eltern nicht mehr, sondern kann mit einem Rollator laufen. Und er hat die Sprache wiedergefunden. Zuerst habe er nur Laute von sich gegeben, doch eines Tages plötzlich »Mama« gesagt. Sein zweites Wort war »Papa«. Das ist fünf Monate her. Inzwischen spricht er, wenn auch verlangsamt, so doch mühelos.
Während seine Eltern Sprach- und Integrationskurse besuchten, bekam Sascha vor dreieinhalb Jahren eine Arbeitsstelle in einer Behindertenwerkstatt. »Ich mag meine Arbeit«, sagt er auf Russisch, »aber Freunde habe ich dort keine gefunden.« Seine russlanddeutschen Kollegen sind stärker behindert als er, sie können fast gar nicht sprechen, er kann sich zumindest auf Russisch unterhalten. »Es wäre schön und wichtig, wenn es Deutschkurse für Behinderte gäbe«, sagt seine Mutter. Dennoch ist sie mit dem Leben ihres Sohnes mittlerweile zufrieden. »Das ist doch toll, dass er Arbeit hat«, schwärmt sie. Denn so sei er beschäftigt und sehe seinen Vater und seine Mutter nicht andauernd, meint sie und muss lachen. Die Familie hält immer zusammen. »Wir sind eins«, sagen die Eltern und Alexander lächelt. Die schwere Krankheit hat Sascha mit seinen 68-jährigen Eltern »zusammen überstanden«.
Jeden Morgen um 6.30 Uhr wird Alexander vom Behinderten-Fahrdienst abgeholt. Zuvor hat ihn sein Vater geweckt, und sie haben gemeinsam gefrühstückt. Nachmittags halb vier wird Sascha zurückgebracht. Dann versammelt sich die Familie zu Hause und es wird zusammen gegessen, bevor die tägliche Krankengymnastik beginnt. Spaziergänge zum Schloss und zum See stehen mit auf dem täglichen Programm, denn Alexander ist gerne an der frischen Luft.
»Wir sind sehr zufrieden in Schwerin«, sagen die Eltern. Die jüdische Gemeinde habe viel für sie getan. Alexander liebt es, mit dem Rabbiner zu sprechen. Und den Eltern gefällt es, wie selbstverständlich ihr Sohn aufgenommen worden ist. »Denn wir können nur mit Menschen befreundet sein, die gut zu unserem Sascha sind.«
Für seine Zukunft hat Alexander auch schon Worte gefunden: noch mehr lernen, selbständiger werden, wieder Auto fahren – und dass Natascha nach Deutschland kommen darf. Mit Natascha hatte er vor seinem Unfall zusammengelebt, sie hat an seinem Krankenbett gesessen, fünf Jahre lang. Und noch heute leben die beiden zusammen, wenn Alexander zu Besuch in der Ukraine ist. Aber Natascha kann nicht nach Deutschland kommen, sie ist keine Jüdin. Und Alexander will nicht zurück. »Wir haben alles versucht. Jetzt wollen wir einen Brief an die Bundeskanzlerin schreiben, damit Natascha kommen darf«, meint Talla. Und diesmal sagt Alexander mit Augen und Stimme zugleich: »Ja«.

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