Irena Kheyfes

„Ich glaube, mir fehlt etwas“

Die vergangenen Wochen waren schön. Ich bin mit meinem Sohn Stanislav im Urlaub gewesen. Wir haben Freunde in Pforzheim besucht, waren viel spazieren und im Freibad, das haben wir seit Jahren nicht mehr gemacht. Ich habe einen Sonnenbrand bekommen, Stanislav auch. Bei den Freunden, die wie wir aus Moskau nach Deutschland ausgewandert sind, konnte ich meinen russischen Lieblingskanal sehen. Es war schön, wieder einmal die Sendung „Verstehen und entschuldigen“ anzuschauen. Es geht darin um psychische Probleme, ein Psychoanalytiker untersucht sie. Ich finde das sehr interessant.
Sieben Jahre ist es her, dass wir nach Deutschland kamen. Aufgewachsen bin ich in Moskau. Meine Tante und meine Mutter haben mich großgezogen, mein Vater starb, als ich 14 war. Meine Tante war ein wunderschöner Mensch, sehr liebevoll und zugleich energisch. Sie konnte tausend Dinge auf einmal tun, leider hat sie nie geheiratet. All ihre Zärtlichkeit schenkte sie mir. Wir hatten nach dem Tod meines Vaters nicht viel Geld, unser Leben war einfach. Einfach, aber schön. Es gibt ein Foto von mir und meiner Tante am Schwarzen Meer. Wir beide in unseren Bikinis. Fast wie Zwillinge. Der Bikini meiner Tante hatte blaue Blümchen, meiner rote. Ich war ein zierliches schüchternes Mädchen mit einem langen Zopf. Meine Tante hatte wundervolle Zähne – wie eine Hollywoodschauspielerin. Sie hat mich vor der Welt beschützt. Sie sagte immer: „Lassen wir das Kind doch noch ein wenig länger schlafen“ oder „Lassen wir es doch noch ein wenig Spaß haben.“ Sie war eine richtige jüdische Mama. Ein bisschen hektisch war sie. Ganz anders als meine Mutter, die sich wie eine Königin bewegte, langsam und erhobenen Hauptes.
Meine Kindheit und Jugend war schön. Wir waren glücklich und jung und alle fast gleich arm. Es war eine Jugend ohne Computer, Fernsehen und Handy. Wir waren viel draußen, unterhielten uns viel, hatten Freunde. Wir waren bereit, anderen zu helfen. Stanislavs Generation ist fast immer zu Hause, alleine. Als Lehrerin habe ich viele Teenager kennengelernt, sie leben in einer virtuellen Welt, neigen zum Alleinsein. Sie mögen das.
Ich habe Fremdsprachen studiert: Englisch und Italienisch. Mein Sohn Stanislav ist 26 Jahre alt, er hat Epilepsie. Mit 52 Jahren bin ich zusammen mit ihm und meiner Mutter nach Deutschland gekommen. Solange meine Tante noch lebte – sie starb an Krebs –, haben wir zu viert in einer Moskauer Zweiraumwohnung gelebt. Stanislavs Vater hat sich von uns getrennt, als sein Sohn zehn Monate alt war. Wir haben seitdem keinen Kontakt mehr, ich glaube, er lebt noch immer in Moskau. Wir hatten sechs Jahre lang eine schöne Zeit miteinander. Stanislavs Vater ist ein sehr interessanter Mensch, sehr gebildet und humorvoll. Aber er ist nun mal der Typ Mann, der mit seiner Familie vor allem Spaß haben will.
Für mich hat Familienleben immer zwei Seiten. Man muss auch Kompromisse schließen und Verantwortung füreinander übernehmen. Kraft gegeben hat mir meine Arbeit. Ich habe oft schwache Momente gehabt, habe viel geweint. Doch im Unterricht war ich immer supergelaunt. Wenn man diese jungen Gesichter sieht, diese Aura erlebt, diese Gesundheit, dieses Lächeln. Ich bin überzeugt: Eigentlich bin ich ein Schwächling, doch ich sollte eben stark sein. Ich musste für meinen Sohn Mutter und Vater zugleich sein, mich um die krebskranke Tante und später um meine altersverwirrte Mutter kümmern. Mein Beruf gab mir diese Stärke. Ich habe sehr viele Postkarten meiner ehemaligen Schüler mit nach Deutschland genommen, sie sind mein Schatz.
Dass wir überhaupt nach Deutschland gegangen sind, ist Zufall. Ich hatte nie die Absicht. Eine meiner Studentinnen wollte mit ihren Eltern nach Deutschland ziehen. Ich lernte die Familie näher kennen, hörte ihren Gesprächen zu. Sie fragten mich, warum ich denn nicht auch nach Deutschland gehen wolle. Sie gaben mir den Tipp, meine Unterlagen für alle Fälle bei der Botschaft abzugeben. Einfach so, unverbindlich. Fünf Jahre lang habe ich dann immer wieder darüber nachgedacht. Irgendwann hatte ich das Ganze sogar wieder vergessen. Ich habe damals sehr viel gearbeitet, denn nach der Perestroika war alles plötzlich so teuer. Eines Tages klingelte das Telefon, Stanislav ging ran, und plötzlich hatten wir die Zusage – ich war sprachlos. Das stärkste Argument, nach Deutschland zu gehen, war für mich der Sozialstaat. Meine Mutter hatte Alzheimer, in Russland wäre sie langsam vor sich hin gestorben, hier hatte sie die Chance auf ein würdevolles Altern. Auch für Stanislav war es besser so. In Russland schickte ich ihn, als ich noch gut verdiente, zwei Jahre auf eine Privatschule, doch danach gab es für ihn kaum Förderung. Es gibt vor allem keine moralische, keine emotionale Unterstützung für betroffene Familien. In Russland ist es gut, talentiert und gesund zu sein, wenn nicht, hat man ein Problem.
Ich bin wegen meiner Familie nach Deutschland gegangen. Es war nicht einfach, denn mir war klar: Ich verliere alles. Meine über alles geliebte Arbeit und meine Freunde. Weil ich so sehr mit meiner Familie beschäftigt war, konnte ich keinen Deutschkurs besuchen, ich habe mir die Sprache im Selbststudium angeeignet. Mein Alltag? Ich stehe sehr früh auf. Gegen sechs. Dann mache ich mindestens eine Stunde lang Morgengymnastik. Im Bett, denn ich bin faul. Danach frühstücke ich mit meinem Sohn, wir gehen gemeinsam einkaufen, kochen uns etwas. Am liebsten isst Stanislav Reissalat mit Krabben.
Ich glaube manchmal, dass mir etwas fehlt. Dass ich noch etwas anderes im Leben ausprobieren sollte, um es erfüllter zu machen. Eine Zeitlang habe ich ehrenamtlich in einem Oxfam‐Kleidershop gearbeitet. Aber ich passte da nicht hin. Wenn eine Kundin etwas anprobierte, und die anderen Kolleginnen sagten: „Oh wie goldig, oh wie süß“, war ich nur gelangweilt. Am liebsten würde ich wieder als Lehrerin arbeiten. Momentan beziehe ich Arbeitslosengeld.
Seit einiger Zeit gehe ich regelmäßig in ein Integrationszentrum in Groß‐Gerau. Es gibt dort viele kreative Leute, die schreiben, malen, sich mit Literatur beschäftigen. Ich mache mit und übersetze deutsche Texte ins Russische. Wir treffen uns zwei Mal im Monat, diskutieren, lachen viel, essen etwas Leckeres. Wir haben auch schon einen Literaturabend gestaltet. Mit wunderschöner Musik von Chopin und Händel. Das macht mich glücklich.
Dass wir hier in Büttelborn auf dem Lande wohnen und bei uns am Wochenende nicht einmal ein Bus nach Groß‐Gerau fährt, hat uns anfangs nicht gestört. Im Gegenteil, nach der turbulenten Zeit in Moskau fanden wir es sogar schön, an einem ruhigen Ort zu leben. Außerdem war ich täglich im Altersheim bei meiner Mutter, bis zu ihrem Tod im Oktober vergangenen Jahres. Doch dann waren wir plötzlich nur noch zu zweit. Und ich fing an, mich zu langweilen. Mittlerweile steht mein Entschluss fest: Ich werde mich in Frankfurt nach einer Wohnung für uns umschauen. Es gibt dort viele Behindertenwerkstätten, und Stanislav ist ein kluger Junge. Die Jüdische Gemeinde hat dort auch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen gegründet. Außerdem plant die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden ein jüdisches Behindertenheim. Das wäre eine gute Perspektive für uns. Stanislav könnte unabhängiger von mir werden und auch etwas übers Judentum lernen. In Moskau hatten wir dazu keine Möglichkeit. Meine Mutter und meine Tante waren Waisenkinder, so dass auch von familiärer Seite die jüdische Tradition nicht weitergegeben wurde.
Im vergangenen Jahr war ich mit Stanislav auf einem Seminar der Zentralwohlfahrtsstelle in Bad Kissingen. Es tat gut, so viele andere Familien mit ähnlichem Schicksal kennenzulernen. Jahrelang habe ich gedacht, ich sei mit meinem Leben als Mutter eines behinderten Kindes alleine. Wenn Stanislav eines Tages in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung leben würde, wäre das gut für uns beide. Dann würde ich noch vieles machen. Andere Sprachen lernen, zum Beispiel. Vielleicht sogar Chinesisch, das fände ich sehr spannend. Und selbst, wenn ich eigentlich jemand bin, der am liebsten zu Hause mit einem Buch auf der Couch sitzt, werde ich eines dann sicher auch tun: nach Israel reisen.

Aufgezeichnet von Annette Wollenhaupt

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