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»Ich erinnere mich an alles«

Seit 61 Jahren bin ich verheiratet. Ich bin sehr expressiv, während meine Frau eher zurückhaltend ist, das passt gut zusammen. Wir leben ein geruhsames Leben hier in Hamburg. Mittlerweile kenne ich mich in der Stadt ganz gut aus, uns gefällt es hier, auch wenn meine Frau noch kaum Deutsch spricht. Meine Enkel und Urenkel, die hier in Hamburg wohnen, kommen oft vorbei, meine Frau kocht dann für uns. Sie kocht sehr gut. Meine Enkel bitten mich immer, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Du hast so viel erlebt und so viel gesehen, sagen sie zu mir. Und ich erinnere mich tatsächlich besser an alles, was vor 60, 70 Jahren geschah, als an etwas, das erst eine Stunde her ist.
Ich wurde 1923 in Jedwabne geboren. Das liegt etwa 150 Kilometer nordöstlich von Warschau. Es ist ein Ort, den heute jeder kennt. Als ich dort war, lebten etwa 3.000 Menschen in dem Dorf, die Hälfte davon waren Juden. Mein Großvater mütterlicherseits war der Rabbiner des Ortes. Mein Vater war Wagenbauer, im Winter machte er Schlitten für mich und meinen kleinen Bruder. Der hieß Leib, das jiddische Wort für Löwe, und war vier Jahre jünger als ich. Wir lebten alle zusammen bei meinem Großvater. Jiddisch spreche ich heute noch, das ist hängen geblieben. Ich nehme hier in Hamburg von der Gemeinde aus Unterricht bei einer sehr netten Dame. Es ist mir wichtig, das Jiddische beizubehalten, denn es wäre schade, wenn die Sprache nach und nach verloren ginge.

kindheit Bis ich sechs Jahre alt war, ging ich auf eine jüdische Schule, dann kam ich auf eine polnische Schule, die ich bis zur siebten Klasse besuchte. Mehr Klassen gab es in Jedwabne nicht. Die jüngste Schwester meiner Mutter hatte Jura studiert und lebte als Anwältin in Wilna, dem heutigen Vilnius. Wilna war damals ein Zentrum jüdischer Kultur und Literatur in Europa. Meine Tante verdiente gut und half, mich auf eine weiterführende Schule zu schicken. Ich ging in Bialystok zur Schule und fuhr die etwa 70 Kilometer nach Hause nur in den Ferien und an den Hohen Feiertagen. 1939 marschierte Hitler in Polen ein und unsere Stadt fiel an Weißrussland. Ich war in diesen Ferien bei meiner Tante zu Besuch. Meine Schule wurde geschlossen, da hatte ich erst drei von sechs Jahren für mein Abitur absolviert.
Ich habe einfach Massel gehabt: Am
22. Juni 1941 wurde ich mit meiner Tante, die mittlerweile als Juristin für eine sowjetische Bank arbeitete, aus Wilna evakuiert. Am 24. Juni marschierten die Deutschen ein. Meine Familie war in Jedwabne geblieben, meine Mutter wollte ihre Schwester nicht mit zwei Jungen belasten. Ich habe sie in den Winterferien 1940/41 das letzte Mal gesehen: meine Eltern, meinen Großvater, meinen Bruder. Beim Pogrom am 10. Juli 1941 ist meine gesamte Familie ums Leben gekommen. Polnische Bewohner von Jedwabne sperrten sie ein und zündeten das Gebäude an. Lange wurde in Polen gesagt, dass es die Deutschen waren, aber das stimmt nicht, auch wenn sie es zuließen. Es war ein kleiner Teil der Bewohner, Antisemiten, die nach dem jüdischen Eigentum gierten.

lektüre Von der wahren Geschichte Jedwabnes habe ich aus einem Buch erfahren. Ich bin ein historisch interessierter Mensch und lese viel über Geografie, Ökonomie. Ich habe ein dokumentarisches Interesse an diesen Dingen. Die jüdische Gemeinde hier hat zum Glück sehr viele russischsprachige Bücher. Einmal im Monat lese ich auch eine russische Zeitung, die in Berlin erscheint. Ich lese sie komplett von vorne bis hinten durch, das interessiert mich immer noch. Aber seitdem ich in Deutschland lebe, informiere ich mich vor allem über die jüdische Geschichte, darüber wurde in der Sowjetunion nicht viel veröffentlicht, deshalb tue ich das jetzt so gerne.
Meine Tante und ich flohen damals mit der Eisenbahn nach Saratow, nicht weit von Stalingrad an der Wolga. Es war ein unglaublich kalter Winter 1941. Minus 40 Grad. Wir hatten kaum zu essen. Man schickte uns nach Usbekistan, dort musste ich in einer Textilfabrik arbeiten. Das war die schwerste Zeit. Ich bekam Malaria und musste trotzdem weitermachen.
Später war ich in einer Waffenfabrik und wohnte mit 20 Kollegen in einem Zimmer. Zwölf‐Stunden‐Schichten, Tag und Nacht. Doch dann führten die Russen eine »Schule für die Arbeiterjugend« ein, unsere Zeiten wurden dafür auf sechs Stunden verkürzt, und wir wurden von den Nachtschichten entbunden. So konnte ich 1945 doch noch Abitur machen.
In Taschkent besuchte ich die Hochschule für Ökonomie und Finanzen. Ich bekam ein Stipendium und wohnte im Studentenwohnheim. Dort lernte ich eine junge russische Kommilitonin kennen. Mit ihr bin ich bis heute verheiratet. Meine Frau ist keine Jüdin, ich selbst bin nicht sehr religiös. Ich besuche die Hamburger Synagoge eigentlich nur zweimal im Jahr, an den Hohen Feiertagen.

beruf Ich habe nach meinem Studium lange in Moskau für ein Ministerium gearbeitet. Mein Fachbereich war die wirtschaftliche Seite der Kohleindustrie. Meine Frau lehrte an der Universität, ebenfalls Ökonomie. Meine Tante, mit der ich geflohen war, lebte mit uns zusammen in Moskau. Sie starb am gleichen Tag wie Stalin, am 5. März 1953.
Wir haben zwei Söhne, einer hat auch Wirtschaft studiert, in Moskau. Der jüngere ist Ingenieur geworden. Er arbeitete wie ich früher in der Kohleindustrie. Über ihn sind wir nach Hamburg gekommen. Seine erste Frau lebt hier und unsere Enkel, mit denen wir uns sehr gut verstehen.
Bei ihnen geht die Integration viel schneller als bei uns Alten. Meine Urenkel sprechen schon besser Deutsch als Russisch. Ich denke, es braucht immer drei Generationen, um sich anzupassen.
Zwei Jahre hat es damals gedauert, bis wir ein Visum für Deutschland bekamen. Seit 1999 wohnen wir jetzt hier. In den 60er‐Jahren war ich das erste Mal in Deutschland, auf einer Dienstreise. Wir besuchten die DDR: Berlin, Leipzig, Dresden. Ich brachte meiner Frau Meißener Porzellan mit und trank Bier mit Fabrikarbeitern in Weimar. Damals habe ich auch das erste Mal das frühere Konzentrationslager Buchenwald besucht. Mich interessiert die deutsche Geschichte, ich mag die Sprache und gucke viel Fernsehen mit Untertiteln, um besser Deutsch zu lernen. Wir hatten Ende der 90er‐Jahre auch überlegt, nach Israel auszuwandern, aber das Klima dort ist nicht gut für uns, einfach viel zu heiß.

rückkehr Mittlerweile reisen wir nicht mehr so viel. Zweimal waren wir in Polen, in meiner Heimat. Den Tag, an dem ich das erste Mal wieder zurückkehrte, werde ich nie vergessen. Das war im Mai 1999, ein schöner sonniger Tag. Der jüdische Friedhof dort ist zerfallen, das Grab meiner Großmutter zerstört.
2001 gab es einen Gedenktag in Jedwabne, an dem auch der polnische Präsident Kwasniewski teilnahm. Vertreter aller Religionen außer der katholischen Kirche waren dabei. Dort traf ich einen alten Mann, einen Rabbi aus Amerika, der eine Rede hielt. Als ich zu ihm ging und mich als Enkel des früheren Rabbiners vorstellte, schaute er mir ins Gesicht und sagte: »Du bist Meer.« Er kannte meinen Namen und die meiner ganzen Familie. Er erinnerte sich an jeden Einzelnen von uns! Nach diesem Treffen habe ich einige Verwandte wiedergefunden. Eine Cousine wohnt in Israel, wir telefonieren oft miteinander und haben sie schon dort besucht. In Israel leben auch noch weitere Verwandte, die vor dem Krieg nach Südamerika ausgewandert sind. Und einmal im Jahr fahren wir nach Tschechien, um meinen Sohn zu sehen. Aber die meiste Zeit leben wir einfach ein ruhiges Leben hier in Hamburg.

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