Maya Bobylev

„Ich chatte mit Dozenten“

Vor einigen Wochen bin ich 50 geworden. Mein Geburtstag fiel mit einem Blockseminar meines Studiums zusammen, sodass ich von meinen Kommilitonen umsorgt wurde. Das war schön, ich musste weder kochen noch putzen.
Mit 50 Jahren drücke ich noch mal die Hochschulbank: in einem neuen berufsbegleitenden Studiengang für jüdische Sozialarbeit an der Fachhochschule Erfurt. Dank meines Engagements in der Lübecker Gemeinde habe ich rechtzeitig davon erfahren. Ich bin seit dem Jahr 2000 im Gemeinderat und seit einem Jahr im Vorstand.
Von Beruf bin ich Chemie‐Ingenieurin, aber ich konnte in Deutschland nicht Fuß fassen. Als ich 1996 mit meinen beiden kleinen Söhnen nach Lübeck kam, vermittelte man mir zunächst eine geförderte befristete Stelle als medizinisch‐technische Assistentin an der Uni. Leider wurde sie nicht verlängert. So versuchte ich es eine Zeitlang als Helferin in einer Zahnarztpraxis, aber auch diese Stelle war nur befristet. Danach klappte es bei mir beruflich überhaupt nicht mehr. Entweder war ich „überqualifiziert“ oder hätte nach Hamburg umziehen müssen. Doch ich fühlte mich in Lübeck bereits zu Hause. Inzwischen waren auch meine Eltern hierhergekommen, und ohne ihre Unterstützung hätte ich es mit zwei Kindern nicht geschafft.
Ich bin fast jeden Tag in der Gemeinde, und auch wenn ich zu Hause bin, heißt es noch lange nicht, dass ich keine Anrufe tätige oder bekomme. Wir sind zu dritt im Vorstand, und jeder muss sich in allen Bereichen des Gemeindelebens auskennen. Wir haben etwa 800 Mitglieder. Der Vorstand organisiert das Kulturprogramm, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ich bin auch in der Redaktion des Rundschreibens für die Gemeinden in Schleswig‐Holstein. Also bin ich von 10 bis 18 Uhr da und habe kaum eine ruhige Minute.
Als ich nach Deutschland kam und zum ersten Mal in meinem Leben eine Synagoge besuchte, sah ich es als meine Verantwortung, das brutal zerstörte jüdische Leben wieder aufzubauen. In diesem Bewusstsein mache ich meine ehrenamtliche Arbeit. Meine deutschen Freunde finden es übrigens toll, dass ich mich nicht nur gemütlich in Deutschland eingerichtet, sondern auch eine Aufgabe übernommen habe.
Zur Zeit suchen wir nach Möglichkeiten, unsere Synagoge zu renovieren. Das Haus ist 1880 eingeweiht worden. In der Nazi‐Zeit wurde es zwar nicht zerstört, aber enteignet und umgebaut und seitdem nicht wieder richtig instand gesetzt. Jetzt ist es höchste Zeit. Wir müssen unser Haus unter dem Gesichtspunkt renovieren, dass es religiöses Leben ermög‐licht. Zum Beispiel brauchen wir eine richtige Mikwe. Religiöse Juden lassen sich aus diesem Grund nicht in Lübeck nieder, sondern gehen nach Berlin oder Frankfurt, wo die religiöse Infrastruktur stimmt. Wir hätten gern auch einen eigenen Rabbiner. Seit Jahren kommen keine neuen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion mehr zu uns, und die jungen Leute ziehen weg, weil sie hier keine beruflichen Perspektiven sehen.
Wenn ich meine Aufgaben in der Gemeinde erledigt habe, sehe ich zu, dass ich zügig nach Hause komme, denn die meisten Abende sind fürs Studium reserviert. Das habe ich fest eingeplant: Wir müssen ziemlich viel Stoff bewältigen. Seit Langem lese ich fast kein Buch mehr, sondern nur noch Fachliteratur. Die liegt auf dem Server der Fachhochschule für uns parat, wir können uns da jederzeit einklinken und sehen, welche Texte und Aufgaben wir bekommen haben. Auch chatte ich regelmäßig mit unseren Dozenten und den Kommilitonen. Im September sind wir mit dem theoretischen Teil durch. Anschließend sind sechs Monate Praktikum vorgesehen, danach schreiben wir eine Arbeit.
Freizeit habe ich kaum. Früher habe ich in einem kleinen deutsch‐russischen Chor gesungen, jetzt bleibt mir leider keine Zeit mehr dafür. Nur ab und zu gönne ich mir noch einen Theaterbesuch. Und jeden Mittwoch gehe ich in die Stadtbücherei und blättere Zeitungen und Zeitschriften durch. Aber auch das hat mit meinem Studium zu tun, denn ich bin auf der Suche nach Sozialthemen. Das wird von uns Studenten nicht verlangt, aber ich möchte auf dem Laufenden sein.
Am Freitag arbeitet unser Gemeindebüro bis 13 Uhr. Ich gucke mich ein bisschen in den Räumen um, ob alles schön und warm ist, wie es sein soll, quasi ein kleiner Kontrollgang. Und dann beginnt schon bald der Schabbat. Ich gehe nicht jede Woche in die Synagoge. Manchmal mache ich mir meinen eigenen Schabbat zu Hause, genieße den ruhigen Tag, besuche meine Eltern. Am Abend vorher kommt mein Sohn, und wir essen zusammen.
Mein älterer Sohn Iwan studiert Biotechnologie in Hamburg. Er hat dort ein Zimmer im Studentenwohnheim und kommt jedes Wochenende zu Besuch. Ich bin froh, dass er in der Nähe ist. Denn sein jüngerer Bruder wohnt schon seit fast drei Jahren in einem Internat in Israel. Peter konnte lange nicht mit sich selbst oder mit der Schule hier klarkommen. Einmal hatte er die Schule gewechselt, wurde aber in der neuen auch nicht glücklich. Wir hatten oft Streit. Bei einer solchen Gelegenheit sagte ich ihm: „Dann kannst du es vielleicht woanders versuchen!“ „Wo denn?“ – Ich hatte gerade von einem Projekt gehört: Abitur in Israel. Das hatte ich nicht ernst gemeint, aber er war sofort Feuer und Flamme. Nun wohnt er in der Nähe von Tel Aviv, zusammen mit etwa 200 Kindern aus der ganzen Welt. Das erste Jahr lernten sie vor allem Hebräisch, weil das Abitur auf Hebräisch gemacht wird. Die Kosten trägt die Jewish Agency, Eltern müssen nichts zahlen. In diesem Jahr wird er fertig.
Neuerdings bin ich sonntags in „meinem“ Museum in der Synagoge. Die Idee hatte ich kurz nach der Ankunft in Deutschland. Ich wollte mehr über die Geschichte der Lübecker Juden erfahren, und sobald ich Deutsch lesen konnte, suchte ich entsprechende Bücher. Für meine Eltern habe ich daraus übersetzt oder ihnen Teile nacherzählt. Aber andere Landsleute hatten niemanden, der das tun würde. So kam die Idee, eine kleine Dauerausstellung auf Deutsch und Russisch zu erarbeiten. Einiges haben wir selbst gesammelt, anderes haben uns Lübecker Bürger überlassen. Ein Gemeindemitglied, von Beruf Designer, hat ein tolles Konzept dafür gemacht.
Es geht nicht nur um Vergangenheit, auch unser gegenwärtiges Leben soll in der Ausstellung dokumentiert werden. Es ist wie in der Familie: Wenn keiner sich kümmert und die Geschehnisse aufschreibt und aufbewahrt, geraten sie in Vergessenheit.
Viele Fotos in der Ausstellung stammen von mir: Fotografieren ist seit der Studienzeit in Leningrad meine Leidenschaft. Damals war ich Mitglied in einem fortschrittlichen und sozialkritischen Fotoklub. Manchmal war es sogar gefährlich, bestimmte Szenen mit der Kamera festzuhalten, aber gerade das machte den Reiz aus. Den Fotoapparat habe ich auch jetzt immer dabei.
Am 23. Oktober haben wir unser Jüdisches Muse‐um feierlich eröffnet. Es kamen eine ganze Menge Menschen. Viele Lübecker kannten das Haus, das sehr zentral steht, von außen, hatten aber nicht damit gerechnet, einmal hinter die geschlossenen Tore schauen zu dürfen. Sie sind dankbar, dass wir uns geöffnet haben. Zwar gab es früher Gruppenführungen auf Anfrage, aber Privatpersonen wussten gar nicht, dass es möglich ist, die Synagoge zu besuchen. Weil sie vor dem Gebäude Polizei sehen, denken sie, es ist absolut tabu, uns zu besuchen. Nun macht jeder von uns, der zu den Öffnungszeiten da ist, Führungen durch die Ausstellung, zeigt den Saal, erklärt die jüdischen Bräuche. Alles ehrenamtlich. Manchmal kommen auch viele Touristen, die kein Wort Deutsch verstehen. Da müssen wir wohl demnächst auch englische Texte anbieten.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

Spendenkonto für die Renovierung der Lübecker Synagoge: Sparkasse zu Lübeck, Konto‐Nr. 30011704, Bankleitzahl 230 501 01

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