zuwanderer

„Ich bin stark zufrieden hier“

von Vera von Wolffersdorff

Donya Maslova strahlt, als sie die Tür zu ihrem kleinen Apartment im Münchner Saul‐Eisenberg‐Seniorenheim öffnet. „Kommen Sie, kommen Sie“, ruft sie, dreht sich um und tippelt ein bißchen schwankend die paar Meter durch den schmalen, dunklen Gang zu ihrem Zimmer. Drinnen stützt sie sich kurz auf der Tischplatte ab, manövriert an der Wand entlang um den Tisch herum und läßt sich erleichtert auf einen Stuhl fallen. Sie kann nicht mehr gut gehen, da ist es zweckmäßig, daß alle Dinge, die sie zum Leben braucht, ganz in ihrer Nähe sind: ein Bett, der Tisch, zwei Stühle, eine Wand mit Regalen und Schränken, in der Mitte des Zimmers steht ihr Gehwagen – und all das auf wenigen Quadratmetern.
An den Wänden ringsum lehnen Fotos auf Regalbrettern, manche mit Rahmen, manche ohne: Frau Maslova, wie sie lächelnd auf einem Sofa sitzt und die Hände über dem Bauch verschränkt, Frau Maslova mit einer Enkeltochter, die sich zu ihr beugt und ein älteres Schwarzweißfoto, das schon ein paar Flecken hat. Es zeigt eine gutaussehende junge Frau, Donya Maslovas Tochter, die heute Zahnärztin im Ruhestand ist. „Ja, meine Tochter war sehr hübsch. Wir sind alle hübsch, Männer wie Frauen. Weil ich alle lieb habe“, meint Donya augenzwinkernd. „Ich mache Spaß“, fügt sie noch hinzu. Eng und vollgestopft wirkt dieses Zuhause – und es ist ziemlich warm, wie so oft in den Zimmern älterer Menschen.
Inzwischen hat Frau Maslova es sich in einer lila gemusterten Hausjacke an einer Seite des Tisches bequem gemacht. Wenn sie lacht, sieht man Gold an ihren Zähnen blitzen. Obwohl sie an Diabetes leidet und kaum noch sehen kann, ist sie bester Laune. „Mit 85 Jahren kann ja nicht alles in Ordnung sein“, beschreibt sie ohne Illusionen ihre Lage. Selbst im Sitzen atmet sie recht schwer – und will dennoch viel erzählen. Leicht ist es nicht, sich mit ihr zu unterhalten, denn sie spricht eine Mischung aus Deutsch und Jiddisch und schiebt manchmal ein paar Brocken Russisch oder Ukrainisch dazwischen. Geboren und aufgewachsen ist sie in Kiew, dort ging sie auf eine jüdische Schule. Hin und wieder fragt sie nach, wenn sie eine Frage nicht ganz verstanden hat. Sie sagt dann sehr charmant: „Waswas?“
Seit 14 Jahren lebt Frau Maslova in dem Heim. Damals kam sie mit ihrer Tochter, zwei Enkeltöchtern und einem Urenkel von Kiew nach München. Ihr Schwiegersohn war zuvor an Krebs gestorben, die Familie vermutet, daß die Tschernobyl‐Katastrophe die Krankheit verursacht hat. Vor allem die Tochter wollte weg aus der Ukraine, weit weg aus der radioaktiv verseuchten Zone. Denn von Kiew nach Tschernobyl sind es gerade mal 130 Kilometer. „Meine Enkelkinder waren oft krank“, erzählt Donya Maslova. Und so war es die Hoffnung auf ein besseres, gesünderes Leben, die sie alle auswandern ließ.
Das jüdische Seniorenheim in München hatte zu der Zeit Plätze frei. Träger des Heims ist die IKG München und Oberbayern, betrieben wird es von der Arbeiterwohlfahrt München‐Stadt. Donya Maslova zog gerne ein: Die Aussicht, einmal allein für sich zu leben, schien verlockend. Denn die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie in räumlich eher beschränkten Verhältnissen verbracht. Bis zum Tod ihres Mannes, über den sie sagt: „Wir liebten uns 50 Jahre“, wohnte sie mit ihm, dem Sohn und dessen Frau in einer Vier‐Zimmer‐Wohnung. Sie besaßen zwar eine Datscha etwa 40 Kilometer vor der Stadt, aber viel Privatsphäre blieb da nicht. Deshalb war sie froh, in Deutschland nicht wieder beengt, diesmal mit ihrer Tochter, den Enkeltöchtern und dem Urenkel zusammen leben zu müssen. „Und dann kam ich hierher!“, jubelt sie. Ihre Stimme geht bei diesem Satz eine Oktave nach oben und es schwingt so viel Glück darin, als handele es sich bei dem Heimplatz um einen Lottogewinn.
Auf Fotos in einem bunten Album mit Plastikeinband sieht man Donya auf einer Feier im Betrieb, in dem sie angestellt war, wie sie – ganz in Schwarz gekleidet –, Glückwünsche entgegennimmt. „Da, sehen Sie, ich bin die Dicke in der Mitte!“ Sie lacht. Es ist ihr 60. Geburtstag. Die Belegschaft, hunderte von Mitarbeitern, trägt weiße Arbeitskleidung. „Sie kamen alle, um mir zu gratulieren“, erzählt sie. Vierzig Jahre arbeitete sie bei „Zavod Arsenal“, einer staatlichen Firma, in der zu Sowjetzeiten optische und elektrooptische Spezialgeräte für militärische Zwecke hergestellt wurden, unter anderem für die russische Raumfahrt. „Es ging mir gut dort“, erinnert sich Donya. Die Fotos verraten auf den ersten Blick, daß sie eine gehobene Position im Betrieb hatte. Sie organisierte und koordinierte einzelne Arbeitsabläufe, und sie kontrollierte, wer was tat: „Was jemand gemacht hat und was jemand nicht gemacht hatte – das habe ich überprüft. Wenn jemand etwas gut gemacht hat, habe ich ihn gelobt, und wenn jemand seine Arbeit nicht getan hat, habe ich geschimpft“, faßt sie ihre Tätigkeit zusammen. Das Unternehmen existiert noch heute, unter dem Namen „Kiev Camera“ ist es auch im Westen bekannt, hierzulande vor allem für preiswerte Mittelformatkameras.
Ihr Sohn, Professor für Physik, ist mit seiner Familie in Kiew geblieben. Donya Maslova findet es schade, daß sie ihn und ihre drei Enkelsöhne nicht mehr besuchen kann, aber die Reise ist mittlerweile zu beschwerlich für sie. Dafür kommt der Sohn einmal im Jahr zu ihr nach München. Auch er hätte die Möglichkeit gehabt, auszuwandern, aber sein Beruf hält ihn in der Ukraine. „Er sagt, er könne in Deutschland nicht arbeiten, schließlich schreibt er viele Bücher, und auf Deutsch veröffentlichen – das ist schwierig“, meint Maslova. Vor kurzem feierte er seinen 60. Geburtstag. Einer von Donyas Enkelsöhnen in der Ukraine ist Zahnarzt, genau wie ihre Enkelinnen: Die eine lebt als Zahnärztin in München, die andere ist Kieferorthopädin in Dachau. Der Urenkel, inzwischen 19 Jahre alt, hat eine Konditorlehre gemacht und arbeitet nun als Bäcker in einem Café direkt gegenüber dem ehemaligen Konzentrationslager.
„Als ich hier ankam, vor 14 Jahren, bin ich viel spazierengegangen“, erzählt Donya und hebt bedauernd ihre Hände: Der Englische Garten liegt nur einen Katzensprung vom Heim entfernt, aber selbst dorthin ist es nun zu weit für sie. Weil ihre Kräfte nachlassen, ist es wichtig, daß sie sich gut umsorgt fühlt. „Ich bin stark zufrieden hier“, sie macht bedeutsame Pausen zwischen ihren Worten, um ihnen Nachdruck zu verleihen: „Stark. Stark. Zufrieden. Um acht Uhr bekomme ich meine Spritze, dann gibt’s Frühstück, dann schaue ich ein bißchen fern, und dann gehe ich in den Speisesaal. Der Koch ist freundlich, der Doktor behandelt mich gut, er behandelt mich wie einen Menschen und nicht von oben herab.“ Sie sagt, daß sie ihr Leben lang für andere da war: Sie arbeitete von früh bis spät, kümmerte sich um ihren Mann und um ihre Kinder. Nun scheint sie es regelrecht zu genießen, versorgt zu werden. Eine Friseurin kommt hin und wieder ins Haus. „Und wenn etwas kaputtgeht, kommt der Hausmeister und repariert es. Das habe ich alles nicht gekannt“, staunt Donya über die neue Heimat. „An Feiertagen kommt sogar der Rabbi hierher“, berichtet sie stolz, und wenn sie „Rabbi“ sagt, streckt sie ihren rechten Arm senkrecht nach oben, um zu demonstrieren, um welch hohen Besuch es sich dabei handelt. Dann gehen die Heimbewohner gemeinsam in die Synagoge.
Oft denkt Donya an ihre vielen Bekannten in der Ukraine: „Alte Leute, besonders alte Frauen, haben es sehr schwer in der Ukraine. Ich höre es ja von meinen Kollegen, die mir manchmal schreiben. Es geht ihnen sehr schlecht, sie haben fast kein Geld. Hier bekomme ich Medikamente, Vitamine – alles. Und alle sind so lieb zu mir.“ Dafür ist sie wirklich dankbar. Donya Maslova möchte gern weitergeben, was sie für wichtig hält: „Man soll nicht schimpfen, man muß mit dem, was ist, zufrieden sein. Jeder Mensch sollte mit dem, was er hat, zufrieden sein. Es gibt immer Schwierigkeiten im Leben, das läßt sich nicht ändern.“ Sie jedenfalls ist glücklich: Ihre weite Reise hat ein gutes Ende genommen.

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