Lala Süsskind

„Ich bin nicht die Nette“

Frau Süsskind, Sie sind jetzt seit gut 100 Tagen Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Haben Sie es schon bereut, dieses Amt übernommen zu haben?
süsskind: Nein, nicht wirklich. Aber wir – mein Team und ich – waren schon etwas blauäugig. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt, dass es so arbeitsintensiv sein würde. Fast alle von uns sind berufstätig. Es gibt Vorstandsmitglieder, die sich Urlaubstage nehmen, damit sie hier ihrer ehrenamtlichen Aufgabe nachkommen. Da muss man viel Enthusiasmus mitbringen. Und auch ei‐
ne mächtige Portion Wut im Bauch.

Warum Wut?
süsskind: Wegen der Zustände, die unter unseren Vorgängern geherrscht haben. Man musste sich ja schämen, wenn man sagte, dass man Mitglied dieser Gemeinde ist. Und der Slogan unseres Wahlbündnisses „Atid statt Austritt“ war keine Floskel. Das war ernst gemeint. Hätten sich die Verhältnisse nicht geändert, wären wir ausgetreten.

Die neue Gemeindeführung wurde mit viel Vorschusslorbeeren bedacht. Nach ersten Negativschlagzeilen im Zusammenhang mit der Rabbinerentlassung sagen einige, Sie seien auch nicht besser als Ihre Vorgänger. Schmerzt Sie das?
süsskind: Natürlich tut das weh. Wer etwas macht, macht auch Fehler. Aber alle von uns versuchen, das Beste zu tun. Das kommt nicht immer bei jedem gut an. Vor allem nicht, wenn es um die wirklich unattraktiven Maßnahmen geht, die mit finanziellen Kürzungen verbunden sind. Aber wenn wir jetzt nicht handeln, müssen wir in zehn Jahren die Gemeinde schließen. Das kann doch wirklich niemand wollen. Die in vier Jahren die Führung der Gemeinde übernehmen werden, sollen etwas besser aussehen als wir.

Wo ist am meisten zu tun?
süsskind: Fragen Sie mich mal, wo wir nicht arbeiten müssen.

Wo denn?
süsskind: Gute Frage. Es gibt eigentlich keinen Bereich, wo wir nicht anpacken müssen. Denn diese Gemeinde ist wie eine Kleinstadt. Mit Kindergarten, Schule, Krankenhaus und Friedhof.

Kleinstädte haben hauptamtliche Bürgermeister. Braucht die Gemeinde auch einen vollbezahlten Chef?
süsskind: Darüber denken wir nach. Wir haben zwar einen Geschäftsführer, aber wir brauchen bei rund 400 Mitarbeitern auch einen hauptamtlichen Finanzmanager. Der würde nicht nur Geld kosten, sondern langfristig eine Menge einsparen können. Er könnte die Verwaltung straffen und zusätzliche Finanzmittel akquirieren.

Die Gemeinde hat ein Millionen‐Defizit. Wie gehen Sie damit um?
süsskind: Man kann ein solches Defizit nicht in vier Jahren abtragen. Wir fangen an, Beschränkungen und Einschränkungen vorzunehmen, aber wir können die Gemeinde nicht auf Null fahren.

Handlungsbedarf besteht bei der Versorgungsordnung. Was tut sich da?
süsskind: Wir haben seit Jahren überhöhte Rentenzahlungen gehabt. Das ist erst Mitte 2005 vom Senat moniert worden. Wir werden jedes Jahr geprüft, seit Jahrzehnten. Und das ist den Herrschaften dort nicht vorher aufgefallen? Na gut. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Also müssen wir nun im September die erste Rate von einer halben Million Euro zurückzahlen.

Viele ehemalige Mitarbeiter sind auf je‐
den Cent der Versorgung angewiesen. Wird es eine Härtefallregelung geben?
süsskind: Wir werden selbstverständlich einen Härtefond einrichten müssen. Es kann nicht angehen, dass diejenigen, die aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns gekommen sind und hier gearbeitet haben, zukünftig am Hungertuch nagen müssen. Wir haben im Mo‐
ment kein Geld, doch wir haben einige lukrative Grundstücke. Da wird uns nichts anderes übrig bleiben, als eines zu verkaufen, das Geld in einem Fonds anzulegen und von den Zinsen diese Menschen zu unterstützen.

Vielleicht mit dem Verkauf des Vorderhauses Joachimstaler Straße?
süsskind: An wen wollen Sie ein Objekt verkaufen, in dessen Hinterhaus sich eine Synagoge, ein Jugendzentrum und eine Mikwe befindet? Was mit diesem Gebäude ge‐
schieht, ist offen. Das Landeskriminalamt hat unserer Verwaltung gesagt, es sei dort zu gefährlich. Da ist man in einer Nacht‐ und Nebel‐Aktion rausgezogen. Ich hätte das erst getan, wenn ich für das Haus ein Konzept gehabt hätte. Das müssen wir jetzt finden.

Was gibt es zudem für Herausforderungen – etwa die Bildung?
süsskind: Wir versuchen sie auf hohem Ni‐
veau zu halten. Die Oberschule platzt aus allen Nähten und braucht zusätzliche Räume. Ich hoffe, dass auch die Grundschule bald überfüllt ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass Chabad eine eigene Schule hat und Lauder eine einrichtet.

Ist es in dieser Situation richtig, das Schulgeld zu erhöhen?
süsskind: Man muss sich mal die Zahlen anschauen. Das Schulgeld ist im niedrigsten Bereich um 10 oder 15 Euro erhöht worden. Und ich denke, dass man das für die Bildung seines Kindes ausgeben kann. Wir können leider nicht weiterhin aus dem Vollen schöpfen. Das ist letztendlich auch eine Frage der Mentalität. Deshalb bin ich empört über jedes Mitglied, das austritt, um Steuern zu sparen, und das dabei womöglich noch Steuerschulden hinterlässt. Ich bin nicht die Nette. Ich lasse das nicht so stehen. Ich habe mit meinem Finanzdezernenten gesprochen, die Leute werden jetzt angeschrieben. Und wenn sie dann nicht zahlen, müssen sie mit Konsequenzen rechnen.

Gibt es viele Austritte?
süsskind: Natürlich treten Leute aus und ein. Das ist in den vergangenen Jahren nicht mehr und nicht weniger geworden.

Die öffentliche Darstellung ist dringend verbesserungsbedürftig. Wenn man sich nur einmal die Internetpräsenz der Ge‐
meinde anschaut – mit „aktuellen Mel‐
dungen“ von 2005. Da war Ihre PR im Wahlkampf aber sehr viel besser.
süsskind: Das wird auch in der Gemeinde besser. Ich hoffe, dass noch in diesem Jahr unser Internetauftritt neu gestaltet werden kann. Es gibt schon Konzepte. Und Menschen, die sie umsetzen wollen.

Zur Darstellung gehört die Sprache: Wie kommen Sie mit den russischsprachigen Mitgliedern der Gemeinde zurecht?
süsskind: Ich suche stets das Verbindende. Ich spreche zwar kein Russisch, aber es gibt ja Dolmetscher. Ich werde von den Älteren nicht verlangen können, dass sie noch unsere Sprache lernen. Aber deren Kinder und Enkelkinder, die werden eines Tages so gut Deutsch sprechen wie wir. Die Mehrheit kann es schon heute. Ich bin übrigens auch dafür, dass Russisch auf unseren Schulen angeboten wird. Viele Kinder können es noch sprechen, aber schon nicht mehr schreiben. Das wäre doch schade, wenn sie ihre Sprache verlieren würden.

Apropos verlieren: Der Vorstand hat Rabbiner Chaim Z. Rozwaski die fristlose Kündigung ausgesprochen, er klagt sich vor dem Arbeitsgericht wieder ein. Sind Sie mit dieser Situation glücklich?
süsskind: Nein, natürlich nicht. Aber es ist sehr schwer, sich zu einigen, wenn die eine Seite schon zum Gericht gegangen ist. Wir hätten im Vorfeld gerne ein klärendes Ge‐
spräch geführt. Aber es ist leider nicht dazu gekommen, der Rabbiner ist unserer Einladung nicht gefolgt. Er hätte so vieles aus dem Weg räumen können. Deshalb glaube ich, dass die Repräsentantenversammlung – die ja eine Zweidrittelmehrheit braucht, um ihn des Amtes zu entheben – das auch so gesehen hat. Dort herrschte die Meinung vor, dass auch ein Rabbiner gewisse Kriterien zu erfüllen hat. Die Verfehlungen waren nicht so gering. Im Detail kann ich mich wegen des laufenden Verfahrens aber nicht äußern.

Hat Ihre Gruppe das Wahlversprechen, die Synagogen zu stärken und die Gabbaim und Beter bei wichtigen Entscheidungen zu beteiligen, gebrochen?
süsskind: Ich finde es wunderbar, dass die Beter in der Synagoge Pestalozzistraße hinter ihrem Rabbiner stehen. Dennoch muss man auch mal Signale setzen und sagen, dass auch ein Rabbiner bestimmte Spielregeln einhalten muss. Und die hat er verletzt. Wir versuchen, gut, lieb und nett zu sein. Aber es gibt Grenzen.

Gibt es andere personelle Konzepte für den liberalen Bereich?
süsskind: Nein. Das ist nicht so einfach. Zumal wir dafür eigentlich auch kein Geld haben. Dass wir Bedarf haben, ist doch klar. Die Leute wollten eine Rabbinerin, die haben wir jetzt. Aber nicht jeder, der liberal ist, kommt auch mit einer Frau in diesem Amt zurecht. Wir brauchen also auch einen Mann. Doch woher bekommt man einen zu uns passenden Rabbiner?

Sie haben ja für diese Suche noch etwas Zeit. Knapp vier Jahre. Gibt es für Sie selbst definitiv keine zweite Amtszeit?
süsskind: Definitiv. Sie müssen bedenken, dass viele in meinem Alter in Rente gehen, und ich starte jetzt noch einmal durch. Aber irgendwann ist es dann auch genug.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Detlef David Kauschke.

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