Dalia Atzmon

»Ich bin ein wandernder Jude«

Für meine Kunst habe ich alle Zeit der Welt. Da muss ich mich an keinen Terminplan halten oder in den Kalender schauen. Ich komme täglich in mein Atelier in Hochfeld und male. Manchmal bin ich auch unterwegs zwischen Israel und Rheinhausen, wo ich wohne. Aber selbst dann, wenn ich hier bin, ist immer ein bisschen Israel um mich herum. Ich teile das Atelier mit einem Kollegen, wir sprechen Hebräisch, und ich male israelische Landschaften. Die Leute sagen oft, dass man in meinen Bildern die Sehnsucht nach der Heimat sieht. Ich denke aber, dass ich israelische Landschaften deshalb male, weil mir bestimmte Strukturen und Farben gefallen, die es eben nur da gibt. Auch das Licht, das ist dort so besonders. In Italien ist es nicht so, in Frankreich nicht, in Spanien nicht. Es ist aber auch möglich, dass diese Interpretation schon wieder viel zu subjektiv ist und die Leute doch Recht haben.
Dieser Tage hat mein Kalender noch weniger Struktur als sonst. Mein Vater ist gestorben, Abraham Atzmon. Er war in Israel ein bekannter Maler. Deshalb waren auch immer Bilder um mich herum. Ich habe die Bezalel‐Akademie in Jerusalem besucht und in Florenz noch Kunst studiert.
Wegen des Todes meines Vaters war ich gerade lange in Israel. Ich konnte dort sogar noch in meinem Zimmer im Haus meiner Eltern wohnen. Ich wurde 1944 in Tel Aviv geboren. Als ich sechs Jahre alt war, sind wir in dieses Haus in Holon gezogen, und seitdem war es mein Zimmer – auch nachdem ich 1994 nach Deutschland kam. Jetzt sind diese Wurzeln weg, und ich werde sehen, was passiert. Aber frei war ich vorher schon. Die Freiheit, die man beim Malen hat, kann einem niemand nehmen. Wenn ich male, dann bin ich nicht »die Frau von dem«, »die Tochter von dem« oder »die Schwester von dem«. Ich bin dann ich. Ich suche keine neuen Wege, keine neuen Erkenntnisse. Ich möchte das, was ich sehe, durch meine Hand auf die Leinwand bringen – ohne viel darüber nachzudenken. Und das letzte Wort möchte ich auch nicht haben. Es sollen offene Fragen bleiben.
Bei dieser Reise jetzt habe ich eine Menge Bilder für eine Ausstellung mitgenommen. Und arbeiten konnte ich dort auch. Was mir fehlt, in Deutschland und in Israel, sind die Vermittlung und das Marketing. Ich suche noch den richtigen Galeristen. Denn ich selbst bin immer mit der Arbeit beschäftigt. Anstatt mich darum zu kümmern, die fertigen Bilder nach draußen zu bringen, arbeite ich schon wieder am nächsten. Das ist eigentlich schade, denn ich möchte meine Kunst ja teilen und nicht selbst sammeln.
Wenn ich in Deutschland bin, habe ich einige feste Termine. Montags und mittwochs zum Beispiel gebe ich Yoga‐Kurse. Gerne würde ich noch mehr machen, zum Beispiel regelmäßig in der Volkshochschule unterrichten, aber das klappt zeitlich nicht. Dienstags sind Proben. Ich singe im »Statt‐Chor«. Wir haben politische Lieder im Repertoire, auch lustige. Und der Chor singt sogar ein hebräisches Stück. Wir sind einmal bei einer Veranstaltung aufgetreten, zu der auch Gäste aus Israel eingeladen waren. Sie haben am Ende gefragt, woher aus Israel denn dieser Chor kommen würde. Das war eine große Ehre für uns.
Ja, und samstags nehme ich an einem Salsa‐Kurs teil, man muss schließlich auch körperlich lebendig bleiben. Wenn ich so darüber nachdenke, kommen ja doch eine Menge Termine zusammen – ich empfinde es aber nicht so.
Wenn ich zwischendurch Zeit habe, greife ich auch gerne zur Gitarre. Manchmal spiele ich im Duett mit einer Freundin. Weit in die Klassik hinein komme ich nicht, ich spiele einfach immer ein bisschen. Die Noten, die ich in Deutschland habe, warten auch in Israel auf mich. Die sind doppelt, wie so vieles andere auch. Das fängt beim Gitarrenständer an und endet damit, dass ich auch in Israel in einem Chor singe – eigentlich sind es dort sogar zwei. Und in beiden Ländern habe ich einen großen Freundeskreis. Der in Deutschland besteht etwa zu 80 Prozent aus Ausländern. Ob hier oder dort, meine Freunde sind sich so ähnlich, obwohl sie aus verschiedenen Welten kommen. Es wäre schön, wenn alle zusammenleben könnten, ohne Grenzen. Oder doch nicht, denn ich könnte dann nicht mehr hin‐ und herreisen. Aber ich würde mir dann wohl neue Ziele suchen. Es gibt noch genug zu entdecken auf der Welt.
Bei meinen deutschen Freunden war am Anfang Israel oft ein Thema. Es hat mir weh getan zu hören, wie manche über uns denken. Irgendwann habe ich aufgehört zu diskutieren. Ich versuche, nur noch wenig über Politik zu sprechen. Die meisten Leute haben ihre Informationen schließlich nur aus dem Fernsehen. Dass es Probleme gibt, das weiß ich. Und ich ignoriere es nicht, das ist das falsche Wort. Ich möchte mich nur auf etwas anderes konzentrieren.
Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es wäre, mehr Zeit in Israel zu verbringen, vielleicht ganz zurückzukehren. Aber ich kann das nicht, ich muss immer wieder raus. Ich bin eben ein wandernder Jude. Wenn ich zu lange in Israel bin, wirkt es auf mich wie ein Gefängnis. Es gibt keinen toten Moment, ständig ist es hektisch, lebendig. Ich brauche aber meine Ruhe. Die finde ich hier, auch wenn es manchmal langweilig ist. Das ist dann aber nicht schlecht. Und so ruhig bleibt es – zumindest um mein Atelier herum – nicht lange. Ich bin damit im Jahr 2000 auf das Gelände eines Stahl‐Herstellers gezogen, in ein nicht mehr benutztes Gebäude. Es fahren ständig Lastwagen vorbei, aber die stören mich nicht mehr.
Die Zeit der Ruhe, die ich mir ab und zu nehme, brauche ich unbedingt. Dann kann ich nachdenken und planen. Und außerdem: Wenn ich die Dinge in Israel von hier aus mit Abstand betrachte, erkenne ich Kleinigkeiten manchmal noch besser. Dass zum Beispiel die Familien dort so stark zusammenkleben, sieht von Weitem zwar schön aus. Wenn ich aber dort bin, stört es mich, dass sich jeder überall einmischt. Vielleicht reizt es mich deshalb nicht, ganz nach Israel zurückzugehen. Nur sterben, das möchte ich unbedingt dort. Das plane ich nicht, doch es muss wohl irgendwann kommen.
Aber bis dahin habe ich noch etliches vor. Ohne Kinder hat man viele Möglichkeiten. Ich kann all das tun, was ich eben tue. Das hört sich manchmal ziemlich gut an. Doch ich weiß auch, dass es schön ist, eine Familie zu haben. Aber ich will nicht klagen. Bei dem Thema fällt mir auch ein, was ich nicht doppelt habe: meinen Hund, ein Pudel. Baci ist mein Schatten und kommt überallhin mit. Auch im Atelier ist sie immer bei mir, wenn ich arbeite.
Normalerweise male ich große Formate mit Acryl und Öl. Ich stelle mich vor die Leinwand, und dann kommt etwas. Das passiert von ganz allein, einfach bei der Arbeit. Die Vorlagen stammen von Fotos, die ich selbst gemacht habe. Wenn ich Bilder von Israel male, zeige ich damit das Land aus einer anderen Perspektive. Es muss nicht immer die politische Sicht sein. Es gibt noch andere, schöne Seiten. Die Vergangenheit und die Gegenwart sind dann an diesen Stellen eins. Basare und Ruinen haben noch die Stimmung der Vergangenheit, aber sie stehen in der Ge‐ genwart. Und die unberührten Plätze, die das israelische Volk schon vor langer Zeit gesehen hat, haben sich nicht verändert – bis auf den einen oder anderen Baum, der dazugekommen ist. Und wenn ich die Golanhöhen male, dann ohne Konflikt. Ab und zu gelingen mir auch Bilder von Landschaften, die nicht in Israel liegen, Cannes zum Beispiel, oder Nizza. Viele sind es aber nicht. Es war auch mal eine deutsche Landschaft dabei: Bad Neuenahr.
Aber jetzt male ich ein Porträt von meinem Vater. Damals, als meine Mutter starb, habe ich sie gemalt. Ich brauchte das, um mich zu verabschieden. Jetzt muss ich es wieder tun. Dann bin ich ganz frei.

Aufgezeichnet von Zlatan Alihodzic

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US‐Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019

Frankfurt

»Emotionaler Anker«

Die Bildungsabteilung im Zentralrat veranstaltet eine Tagung zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung

von Eugen El  06.06.2019

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi‐Gruß ist«

Torwart des Première‐League‐Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019