Jonah Sievers

„Ich bin ein Dienstleister“

Herr Sievers, Sie werden Landesrabbiner von Niedersachsen: Ist das eine Würde oder eine Bürde?
sievers: Es ist eine neue – auch würdevolle Aufgabe. Unser Landesverband hatte seit 1995 keinen Landesrabbiner mehr. Außerdem sind wir ein sehr vielschichtiger Landesverband, da ihm orthodoxe und nichtorthodoxe Gemeinden angehören.

Welche Aufgaben hat ein Landesrabbiner in Niedersachsen?
sievers: Wichtig ist zum Beispiel, nach außen zu wirken. Wenn staatliche oder andere Institutionen Fragen an den Landesverband haben oder um Stellungnahmen bitten, dann wäre das sicherlich eine Aufgabe für den Landesrabbiner – immer in Absprache mit den Gemeinden, die es betrifft. Der Landesrabbiner ist nicht Vorgesetzter der Gemeinden, sondern er arbeitet mit ihnen zusammen. Die Gemeinden und die dortigen Rabbiner arbeiten weiterhin autonom. Ich werde eher ein Moderator sein.

Sie werden also ständig auf Reisen sein?
sievers: Nein. Ich behalte die Gemeinden, die ich ohnehin schon betreue. Ich werde auch weiterhin in Braunschweig wohnen. Als Aufgabe wird aber sicherlich die Organisation des Religionsunterrichts hinzukommen.

Kinder sind die Zukunft der Gemeinden, doch die meisten kommen nur bis zu ihrer Bar‐ und Bat Mizwa in die Gemeinde, aber danach bleiben sie ihr fern. Wie kann man sie länger binden?
sievers: Ein erster Schritt ist, dass die Jüdische Gemeinde Hannover einen Kindergarten eingerichtet hat. Und darauf aufbauend kann ein gut funktionierendes Jugendzentrum die Kinder für das Gemeindeleben interessieren. In Hannover gibt es ein solches Jugendzentrum bereits.

Finden die Jugendlichen dann auch den Weg in die Synagoge?
sievers: Das hoffen wir. Wichtig ist das Programm. Jugendliche für Gottesdienste mit der Musik von Lewandowsky zu begeistern wird schwieriger sein, als wenn man ihnen Musik von Carlebach anbietet. Geht man auf die Jugendlichen ein, gibt es Möglichkeiten, sie an den Gottesdienst heranzuführen, egal ob liberal oder orthodox.

Lassen sich da nicht Netzwerke knüpfen, von denen jeder profitiert?
sievers: Sicherlich könnten wir landesweit ein System organisieren, an dem sich jede Gemeinde beteiligen kann. Die ZWSt bietet schon seit langer Zeit Machanot an, an denen auch einige unserer Kinder teilnehmen. Und es hat sich erwiesen, dass die Freundschaften, die bei solchen Ferienfreizeiten geknüpft werden, lange halten.

Auch russischsprachige Mitglieder kommen selten in die Synagoge. Wie kann man sie in den Gottesdienst locken?
sievers: Religiöse Inhalte zu vermitteln, ist sehr schwierig. Ich spreche kein Russisch bis auf einige Brocken, ich kann die Seitenzahl auf Russisch ansagen. Alle meine Predigten oder Vorträge biete ich aber übersetzt an. Außerdem habe ich festgestellt, dass sich jüdische Tradition und Religion über einen geschichtlichen Ansatz besser vermitteln lässt als über einen rein theologischen.

Warum ist die jüdische Gemeinde für viele Zuwanderer unattraktiv?
sievers: Weil 72 Jahre Staatsatheismus ganze Arbeit geleistet haben.

Trotzdem gibt es einige junge Zuwanderer, die sich für Religion interessieren, oder?
sievers: Ja, auch in unserer Gemeinde. Viele, die Anfang der 90er‐Jahre hierherkamen, haben inzwischen studiert und sind in ganz Deutschland verteilt. Und die meisten von ihnen haben Zugang zu einer jüdischen Gemeinde gefunden. Gerade für kleine Gemeinden ist es eine besondere Herausforderung, junge Menschen für sich zu gewinnen.

Es gibt immer wieder Diskussionen über das Verhältnis zwischen Gemeinde und Rabbiner. Ist die Gemeinde für den Rabbiner da oder umgekehrt?
sievers: Der Rabbiner ist immer für die Gemeinde da, er ist ein Dienstleister.
Das gilt also auch für Sie?
sievers: Selbstverständlich.

Woran liegt es dann aber, dass Gemeinden und Rabbiner vielerorts nicht mehr kompatibel sind?
sievers: Manche Gemeinden haben nicht den Rabbiner, der zu ihnen passt.

Die Gemeinden machen sich zu wenige Gedanken darüber, wen sie holen?
sievers: Das Angebot ist ja auch nicht überwältigend groß.

Wie können Sie helfen, dass eine Gemeinde den richtigen Rabbiner findet?
sievers: Ich kann Kontakte herstellen. Wenn die Gemeinden eher traditionelle Rabbiner suchen, werde ich versuchen, entsprechende Verbindungen aufzubauen. Das Gleiche gilt für liberale Rabbiner.

Das Abraham‐Geiger‐Kolleg, Lauder und die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg bilden aus. Wie lange wird man in Deutschland noch auf auswärtige Rabbiner angewiesen sein?
sievers: Ich hoffe, dass wir mithilfe von Heidelberg, Lauder und Geiger bald über genügend eigene Rabbiner verfügen. Es ist aber sicherlich noch ein mühsamer Weg. Wir sind selbst gefordert, den Beruf attraktiv zu machen. Wir müssen Jugendliche begeistern. Sie werden sich nicht für den Rabbinerberuf entscheiden, weil sie hier tolles Geld verdienen. Wir Rabbiner müssen diejenigen sein, die sie sich zum Vorbild nehmen können. Dabei ist es vollkommen egal, ob sie liberal oder orthodox sind.

Sie selber engagieren sich in der Allgemeinen Rabbinerkonferenz. Ihr Landesverband ist religiös sehr heterogen. Wie ist Ihr Verhältnis zur Orthodoxen Rabbinerkonferenz?
sievers: Mein Verhältnis zu den Kollegen war und ist gut. Der Landesverband muss in seiner Vielfältigkeit repräsentiert werden. Orthodoxe wie liberale Gemeinden müssen sich gleichermaßen vom Landesrabbiner vertreten fühlen.

Sie engagieren sich auch im christlich‐jüdischen Dialog. Bekommt Ihre Stimme jetzt ein größeres Gewicht, wenn sie Landesrabbiner sind?
sievers: Das glaube ich nicht. Ich werde den Dialog in Zukunft zwar weiter führen, zum Beispiel im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee deutscher Katholiken, aber mich dabei vor allem auf Niedersachsen konzentrieren.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Heide Sobotka.

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