China

Hotel Shanghai

von Barbara Geldermann

„Von der Brücke nach Osten blickend, sah man am jenseitigen Whangpoo‐Ufer die klobigen ausländischen Speicher und Werftbauten wie riesige Urwaldungeheuer in der Dämmerung kauern und tückisch aus tausend elektrischen Augen blinzeln. Nach Westen schauend, erschrak das Auge förmlich vor der grellen Neon‐Röhren‐Lichtreklame, die hoch oben von der Dachfront des Broadway‐Mansion‐Hochhauses in abwechselnd roter und grüner Flammenschrift unermüdlich und aufdringlich die drei Worte an den Himmel schrieb: Light, Heat, Power!“ Das Shanghai um 1930, wie es es der Literat Mao Dun beschreibt, existiert nicht mehr. Die Stadt, die damals das Industrie‐, Handels‐ und Finanzzentrums Chinas war, verändert ihr Gesicht und ist doch mit ihrer Geschichte bis heute faszinierend, geprägt von der Welt der Kolonialmächte, von Okzident und Orient, von Erfolg und Niedergang. Dieses alte Shanghai war zudem Heimat und Handelsplatz einer kleinen erfolgreichen Gemeinschaft: der bagdadisch‐jüdischen Gemeinde.
In die chinesische „Altstadt“ mit ihren engen lauten und schmutzigen Gassen, drang die koloniale Welt nicht ein. Im Verhältnis zur chinesischen Bevölkerung lebten in Shanghai nur sehr wenige Ausländer. Die ausländischen Shanghaier kamen in eine eigene Welt, abgegrenzt von anderen ausländischen Gruppen und von der chinesischen Umwelt. Als wäre sie ein riesiges internationales Hotel, kamen Menschen aus Amerika, Großbritannien, Deutschland, Frankreich für ein paar Jahre in die Stadt. Sie wollten dort arbeiten und dann wieder weg. Heimisch werden war nicht vorgesehen. Am Bund, dem Gesicht Shanghais, erstreckten sich klassizistische Hochhäuser. Unter den bis zu 15stöckigen Gebäuden stach das neunstöckige Sassoon‐Haus ins Auge. Es beherbergte das legendäre Cathay Hotel, heute Peace Hotel oder „Heping binguan“. Mit seinem Glamour und seinem dekadenten Stil bildete es einen Mittelpunkt für die Shanghaier Gesellschaft wie für berühmte Gäste aus aller Welt. Eigentümer des luxuriösen Hauses war Sir Victor Sassoon, Nachkomme von David Sassoon, dem Gründer der bagdadisch‐jüdischen Gemeinde in Shanghai. Sir Victor, der 1929 sein Vermögen und seinen Wohnsitz von Bombay hierher verlegt hatte, residierte in einer Appartementwohnung in seinem Hotel. Als Mitglied in exklusiven englischen Klubs, leidenschaftlicher Reiter und Jäger unterschied er sich nicht von englischen Gentlemen der Shanghaier Gesellschaft. Hundert Jahre ist es her, daß Sassoon sich in Shanghai niederließ. Die Lebenswelt der bagdadischen Juden hatte sich im Vergleich zu den Gründerjahren da schon grundlegend verändert.
Die Juden waren durch den kolonialen Handel nach China gelangt. Berühmtester Vertreter war die Sassoon Familie. Ursprünglich kamen die Sassoons aus Bagdad. Ende des 18. Jahrhunderts verließen sie die Metropole, weil das Leben unter der osmanischen Herrschaft immer schwieriger wurde. Bedeutende Familien der jüdischen Gemeinde von Bagdad, wie die Sassoon, gelangten über die Hafenstadt Basra nach Bombay in Indien, das zum britischen Empire gehörte und deshalb gute Handelsmöglichkeiten bot. Bombay war der Ausgangshafen für den Handel mit Opium und Baumwolle. Das berühmteste Chinahandelshaus, Jardine & Mattheson, ließ Schiffe vollbeladen mit Opium von Bombay aus nach China segeln, und zwar als Zahlungsmittel für Tee. Um ein Handelsdefizit seiner indischen Besitzungen gegenüber China zu vermeiden und ein Zahlungsmittel für den steigenden chinesischen Teeimport zu haben, drang England darauf, immer mehr indisches Opium nach China zu exportieren. China wurde auf dem Höhepunkt des Freihandelsimperialismus mit Hilfe der „Kanonenbootdiplomatie” gewaltsam geöffnet.
Das Sassoon‐Handelshaus betätigte sich zuerst im Baumwollhandel, konzentrierte sich jedoch zwischen 1850 und 1890 auf Opium. Ein Jahr nach dem ersten Opiumkrieg 1842 eröffnete David Sassoon schon Filialen in Hongkong und Shanghai. Im Jahr 1850 lebten in Shanghai nur vier jüdische Mitarbeiter der Firma Sassoon. Anfang des 20. Jahrhundert existierte aber schon eine kleine Gemeinde von 50 Familien. In den ersten Jahren der internationalen Niederlassung bestand die ausländische Gemeinschaft aus jungen Männern, die in den Geschäftshäusern ihrer Firmen lebten und arbeiteten. Die bagdadischen Juden gehörten der ausländischen Bevölkerung an, jedoch trennte die strenge Einhaltung der religiösen Traditionen sie von der Lebenswelt der vorwiegend christlichen Ausländer. Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts läßt sich eine Veränderung beobachten. Die traditionelle Kleidung wurde abgelegt, man übernahm die englische Mode. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in den Familien jüdisch‐arabisch, außerhalb der Familie englisch und mit der chinesischen Bevölkerung Pidgin‐Englisch gesprochen. Für die meisten Ausländer waren die Chinesen Exoten, deshalb fand meist nur eine oberflächliche Annäherung statt. Auch die bagdadischen Juden übernahmen äußere und innere Werte der englischen Kultur, nicht der chinesischen.
Mit Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr die ausländische Gemeinschaft eine Veränderung. Bisher gehörten die Ausländer der reichen Schicht an. Doch nun waren einige der großen Vermögen in chinesischem Besitz, während es umgekehrt auch den Typ des „armen Weißen“ gab. Insbesondere viele der zwischen 1919 und 1922 etwa 19.000 geflohenen Russen gelangten in den zweifelhaften Ruf, gescheiterte Existenzen zu sein. Die Juden unter diesen Neuankömmlingen wurden von der etablierten bagdadischen Gemeinde nicht sehr freundlich empfangen. Die große Zahl armer Juden in der internationalen Niederlassung schien die Integration der etablierten Juden zu gefährden. 1924 gab es in Shanghai zwischen 800 und 1000 russische Juden. Die Flüchtlinge fanden nur sehr schwer Arbeit. Ein großer Teil blieb arbeitslos und war auf die Hilfe wohltätiger Vereine angewiesen. Außer dem sozialen Gefälle zwischen den wohlhabenden bagdadischen Juden und den vielen mittellosen russischen Juden gab es auch Unterschiede in der Ausübung ihres Glaubens. Vor 1905, nachdem die russische Gemeinde eigene Synagogen errichtet hatte, besuchten aschkenasische und sefardisch‐bagdadische Juden die gleichen Synagogen. Danach wurden unterschiedliche Gemeindeorganisationen gegründet, da sie Wert auf eine Trennung legten.
Mit den ersten Flüchtlingen aus Europa Mitte der dreißiger Jahre wurde das „weltoffene“ Shanghai zu einer der letzten Fluchtburgen vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Diese Flüchtlinge waren gezwungen, sich in vielerlei Hinsicht, und mehr als die anderen Ausländer, den chinesischen Einwohnern anzupassen. Die drei jüdischen Gemeinden jener Zeit verstanden sich nicht als eine Gemeinschaft, sondern waren auf ihre Unterschiede bedacht. Kontakte basierten nahezu ausschließlich auf Hilfsinitiativen der bagdadischen und russischen Juden für ihre europäischen Glaubensgenossen.
Geschichten über das Zusammentreffen von unterschiedlichen menschlichen Gruppen, die voneinander sowohl geographisch als auch durch eine andersartige Kultur und Geschichte getrennt sind, üben immer wieder eine große Faszination aus. Obwohl der Zeitraum, den die bagdadische Gemeinde in Shanghai existierte, mit hundert Jahren kurz erscheint, prägte der Aufenthalt in China die Nachkommen bis heute. Die bagdadischen Gemeindemitglieder fanden sich nach Shanghai an keinem anderen Ort wieder zusammen, der für sie zu einer neuen, gemeinsamen Heimat wurde. Viele wanderten nach Israel oder in die USA aus. Aber bis heute ist es ein verbindender Teil ihrer Identität, ein ehemaliger „Shanghaier“ zu sein. Diese Identität ist nicht chinesisch geprägt. Sie ist dem Traum vom einzigartigen, kosmopolitischen Ort Shanghai geschuldet.

Barbara Geldermann studierte Sinologie, Orientalische Kunstgeschichte und Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn und Taibei (Taiwan). Über die bagdadisch‐jüdische Gemeinde Shanghai promovierte sie im Fach Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Heute trainiert sie Unternehmer, Fach‐ und Führungskräfte für den chi‐nesischen Markt und den Umgang mit chine‐ sischen Besuchern. www.china-transfer.com

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