Juden in der Türkei

Hommage in rosa

von Canan Topcu

Er ist überall und doch nicht da. Auf allen Plakaten wirbt ein Chanukka‐Leuchter in Minarett‐Form für die Frankfurter Ausstellung „Jüdische Kultur in der Türkei“. Doch vergeblich sucht ihn der Besucher in den Vitrinen im Frankfurter Museum Judengasse. Schade, denn die Schau ist ohnehin mager bestückt, das Anschauungsmaterial besteht größtenteils aus Text‐ und Bildtafeln.
Warum der Leuchter nicht gezeigt wird, bleibt dem Museumsbesucher verborgen. Wer am Mittwoch vergangener Woche zur Vernissage kam, erfuhr von Johannes Wachten, dem stellvertretenden Direktor des Jüdischen Museums zwar, dass der Chanukka‐Leuchter die „Reise hierher nicht antreten“ konnte. Aber warum das so ist, klärt sich erst auf Nachfrage. „Die türkischen Gesetze“, sagt Wachten – die Behörden hätten keine Ausfuhrgenehmigung erteilt.
Die Türkei ist Ehrengast der diesjährigen Buchmesse und präsentiert sich unter dem Motto „Faszinierend farbig“. Es ist erfreu‐ lich, dass die offizielle Türkei, die viel zu lange die kulturelle Vielfalt ausblendete, sich endlich dazu bekennt und eine Ausstellung zur jüdischen Kultur ins offizielle Rahmenprogramm aufnimmt. Dass die Zollbehörde ausgerechnet die Ausfuhr eines Ausstellungsstücks verhindert, das auf wunderbare Weise die Integration von Juden in der Türkei veranschaulicht, gehört zu den unergründlichen Widersprüchen, die dem Land eigen sind.
„Jüdische Kultur in der Türkei“ – der Titel der Frankfurter Ausstellung klingt vielversprechend. Dass dem Museumsbesucher allerdings keine umfangreiche Darstellung geboten wird, kündigt bereits die Unterzeile „Historische Streiflichter“ an. Es wäre ein Mammutprojekt, die mehr als zweitausendjährige Geschichte der Juden auf dem heutigen Territorium der Türkei in einer Ausstellung darzustellen, erklärt Wachten. Es klingt ein wenig nach Entschuldigung dafür, dass die Ausstellung so dürftig bestückt ist.
Grundsätzlich ist gegen „Streiflichter“ nichts einzuwenden. Doch die Ausstellung wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Warum fällt die Darstellung der Geschichte der Juden im Osmanischen Reich und in der Türkei so unkritisch aus? Warum gibt es keinen Bezug zur Gegenwart? Wie steht es um das religiöse und kulturelle Leben der Juden in der heutigen Türkei?
Es gibt keinen Katalog, in dem der Besucher nach dem Rundgang lesen und Antworten auf diese und andere Fragen finden könnte. Man erfährt, wann und warum sefardische Juden ins Osmanische Reich kamen – aber nicht, dass es sich nicht allein um eine uneigennützige Rettungsaktion der osmanischen Herrscher handelte.
Die Frankfurter Ausstellung zeigt eine bereinigte Darstellung der jüdischen Geschichte im Osmanischen Reich und in der Türkischen Republik. Denn die Minderheiten – so auch die Juden – waren lange Zeit und sind noch immer Repressalien ausgesetzt. Die 1942 eingeführte Vermögenssteuer, die bei Nichtmuslimen besonders rigoros angewandt wurde, führte nicht zuletzt dazu, dass viele Juden das Land verließen.
Die Frankfurter Ausstellung setzt sich zusammen aus Bestandteilen des Jüdischen Museums Istanbul und einem Teil, der aus dem Jüdischen Museum Frankfurt stammt. Warum aber sind die Texte auf Deutsch und Türkisch? Wer die türkischstämmige Community in Deutschland kennt, weiß, dass die wenigen, die überhaupt ins Museum gehen, gesellschaftlich und sprachlich integriert sind.
Dass der historische Abriss so unkritisch ausfällt, hänge, so Wachten, damit zusammen, dass der türkische Koopera‐tionspartner insgesamt zurückhaltend ist. „Die jüdische Gemeinde hat lange Zeit ein niedriges Profil gefahren“, erklärt er. Das heißt im Klartext: Sie lebte so unauffällig wie möglich und wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen – schon gar nicht mit kritischer Bestandsaufnahme.
Als „Hommage an die Buchmesse“ widmet sich die Schau auch dem jüdischen Buch‐ und Zeitungswesen in der Türkei. Leider erschließt sich dem Laien aus den ausgestellten Faksimiles und den knapp 20 willkürlich aneinandergereihten Büchern aus einer privaten Sammlung in Deutschland kaum etwas. Wer die Ausstellung verstehen will, sollte unbedingt an einer Führung teilnehmen.

Die Autorin ist Historikerin. Sie hat ihre Kindheit in der Nähe von Istanbul verbracht und lebt seit 35 Jahren in Deutschland. Die Ausstellung ist bis zum 11. Januar 2009 täglich, außer montags und an Jom Kippur (9. Oktober), von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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