„Inglorious Basterds“

Hitler kaputt

von Cristina Nord

Der SS‐Offizier kniet auf dem Boden. Er sieht aus, wie man sich einen Muster‐Nazi vorstellt: kantiger Schädel, blaue Augen, blondes Haar. Die meisten Soldaten seiner Truppe liegen tot im Gras, einige von ihnen wurden skalpiert, ihre Schädel leuchten als rote Punkte vor grünem Grund. Um den Offizier herum verteilen sich die Männer von Aldo Raine (Brad Pitt), ein jüdisch‐amerikanisches Kommando, das in Frankreich stationiert ist und so viele Nazis töten will wie möglich. Es ist das Jahr 1944. Raine verhört den Deutschen: »Wo ist die Stellung deiner Leute?« Der SS‐Offizier verrät nichts, auch dann nicht, als Donny Donowitz (Eli Roth) aus dem Dunkel einer Höhle tritt und dabei einen Baseballschläger schwingt.
Gefilmt ist die Szene wie ein Duell im Western. Die Musik dazu stammt passenderweise von Ennio Morricone, durch die Montage wird das Zusammentreffen von Donowitz und dem SS‐Offizier spannungsreich hinausgezögert. Als es so weit ist, macht Donowitz seinem Spitznamen »Bärenjude« alle Ehre. Er prügelt den Mann buchstäblich zu Klump; die Kamera schaut hin, statt sich dezent abzuwenden.
»Für mich ist der Film koscherer Porno«, sagt Eli Roth, der sich als Regisseur von Horrorfilmen einen Namen gemacht hat (Cabin Fever, Hostel). »Etwas, wovon ich schon als kleines Kind Fantasien hatte.« Ist Inglorious Basterds, der neue Film von Quentin Tarantino, also eine jüdische Rachefantasie, wie es ein kanadischer Journalist bei der Pressekonferenz in Cannes formuliert? Für den Darsteller Roth unbedingt, für den Regisseur Tarantino nicht ganz. »Ich kann verstehen, dass man das so sieht«, sagt er, »aber ich würde ihn in der Videothek nicht unbedingt unter dieser Rubrik einordnen.« Tarantino wollte sich dem Genre des Kriegsfilms zuwenden, sagt er, es für sich erproben und mit anderen Genres, etwa dem Western, verschränken. Pate dabei standen Filme wie Robert Aldrichs The Dirty Dozen (1967) und Quel maledetto treno blindato (1978) von Enzo G. Castellari, der in Tarantinos Film eine kleine Rolle hat. Ein Remake freilich ist Inglorious Basterds nicht, eher eine nachträgliche antifaschistische Wunscherfüllung im Gewand des B‐Pictures. Kühn greift die Fiktion in den Lauf der Geschichte ein; der Film interessiert sich nicht für das, was war, und auch nicht für das, was plausiblerweise hätte sein können, er erfindet stattdessen etwas, wovon man sich wünscht, dass es sich hätte zutragen sollen: einen geglückten Akt des Widerstands, der den Krieg beendet.
Dani Levys Komödie Mein Führer hatte vor zwei Jahren eine ähnliche Absicht (Sylvester Groth gibt praktischerweise in beiden Filmen Goebbels), traute sich aber nicht, die Fantasie konsequent durchzuspielen. Tarantino hat erwartungsgemäß weniger Scheu. Von der Authentizitätshörigkeit deutscher Filmemacher ist er weit entfernt. Oliver Hirschbiegel und Bernd Eichinger verzichteten in Der Untergang darauf, den Selbstmord Hitlers ins Bild zu setzen, angeblich, weil es keinen unmittelbaren Zeugen gab und damit keine seriöse historische Quelle. Das trug ihnen zu Recht den Vorwurf ein, Hitler selbst post mortem noch mit Respekt zu behandeln. Bei Tarantino ist von solchem Respekt erfrischenderweise nichts zu spüren. Hitler goes kaputt. In Tarantinos B‐Movie verwandelt sich die Ohnmacht, die man angesichts des realen Verlaufs der Geschichte empfindet, in Aggression und Selbstermächtigung. Inglorious Basterds bietet den Raum, diese Empfindungen auszuagieren. Das ist eine befreiende Erfahrung. Ihr mit den Argumenten der Vernunft – Rache macht die, die sich rächen, ihrerseits zu Tätern – zu begegnen, unterdrückt die Em‐pfindungen, bevor sie sich artikulieren können. Zugleich ist Tarantinos Film smart genug, den dialektischen Umschlag, der der Rachefantasie innewohnt, nicht auszublenden. Dass sich »Bärenjude« Donowitz umso stärker seinem Gegner anverwandelt, je hemmungsloser er den Baseballschläger schwingt, tritt deutlich zutage. Mit so viel Ambivalenz muss und kann der Spaß leben, den Inglorious Basterds bereitet.
Doch der Hauptschauplatz von Inglorious Basterds ist nicht das Schlachtfeld, sondern das Kino. In einer zentralen Szene will die Führung des Dritten Reichs die Première eines NS‐Propagandafilms in Paris besuchen, was Aldo Raines Männern die Gelegenheit bietet, Hitler, Goebbels, Göring und Bormann gleich auf einen Schlag zu erledigen. Denselben Plan haben aber auch andere: die jüdisch‐französische Kinobetreiberin Shosanna (Melanie Laurent), deren Familie von einem Trupp SS‐ler umgebracht wurde, und ein cinephiler britischer Leutnant namens Hicox (Michael Fassbender), Experte für den deutschen Film der 20er‐Jahre. Ihr Hauptgegner ist der SS‐Oberst Hans Landa (Christoph Waltz), gefährlich weniger ob seiner Brutalität als wegen seiner Vielsprachigkeit. Fließend parliert der Nazi auf Französisch, Englisch und, in einer sehr vergnüglichen Szene des Films, auch noch auf Italienisch, was wiederum Raine, der sich in ebendieser Situation als italienischer Stuntman ausgibt, in arge Bedrängnis bringt. Waltz hat beim Filmfestival von Cannes den Preis als bester männlicher Darsteller erhalten, eine kluge Entscheidung angesichts der verblüffenden Mischung aus Brutalität und Ge‐wandtheit, die der Schaupieler seiner Figur verleiht.
Auch mit Inglorious Basterds bewegt sich Filmemacher Quentin Tarantino wie gewohnt in einem hochartifiziellen Universum. Eben diese Künstlichkeit sichert ihn gegen den Vorwurf der Geschmacklosigkeit ab. Und auch, wenn der Regisseur dem Kino zutraut, der Ort zu sein, an dem die Welt gerettet wird, ist er doch auch so smart, es hinterher in Flammen aufgehen zu lassen.

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