Tora

Hier bin ich!

Zeit füreinander: Vater und Sohn Foto: imago

Welches ist das erste Wort, das der erste jüdische Vater zu seinem ersten Kind gesagt hat? Ein einziges Wort: »Hineni«. Es bedeutet »Hier bin ich.« Und es ist der mächtigste Ausdruck in der hebräischen Sprache für menschliche Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, eine Aufgabe mit eindeutiger Verpflichtung und Präsenz. Es ist eben nicht: »Sicher, ich werde mein Bestes tun.« Oder: »Mein Büro wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.« Es ist »Hineni!« Ich bin hier, jetzt, mit Leib und Seele, um die Aufgabe zu erfüllen.

Dieser Begriff wird einige Male in der Bibel benutzt. Wenn die Stimme zu Moses aus dem brennenden Busch ruft, sagt er: »Hineni!« Wenn Jakob Josef aufträgt, zu seinen Brüdern zu gehen, erklärt Josef: »Hineni!«

Aber nur einmal in der gesamten Bibel sagt ein Mensch »Hineni« dreimal in derselben Geschichte, jedes Mal mit gegenteiliger Bedeutung. Es ist die Geschichte, die wir am zweiten Tag von Rosch Haschana lesen, die Geschichte von der Bindung Isaaks.

G’tt prüft Abraham und spricht zu ihm: »Abraham!«, und der erwidert: »Hineni, hier bin ich.« Und G’tt sagt: »Nimm deinen Sohn, den du liebst, Isaak und bring ihn hierauf, um ihn zu opfern.« Das ist das erste Hineni.

Dann, auf dem Weg zum Berg Moriah sagt Isaak zu seinem Vater Abraham: »Awi, mein Vater!« Und Abraham sagt: »Hineni Beni! Ich bin hier mein Sohn.« Das erste Hineni spricht Abraham zu G’tt, das zweite Hineni zu seinem Kind, Isaak.

Schließlich kommen wir zu dem dritten Hineni: Abraham hebt seine Hand und nimmt das Messer, um seinen Sohn zu töten. Und ein Engel G’ttes ruft ihm aus dem Himmel: »Abraham, Abraham!« Und er sagt: »Hineni, hier bin ich.«

Es sind diese drei »Hinenis«, die eine der wichtigsten Ideen des Judentums versinnbildlichen, eine, die besonders an Rosch Haschana relevant ist.

Spuren In der alten Zeit lief jede Generation auf trockenem Land und hinterließ Fußspuren, in die die folgende Generation treten konnte. Kinder traten in die Spuren ihrer Eltern, und ihre Kinder traten wiederum in die ihren. Was immer der eigene Vater beruflich tat, war mit großer Wahrscheinlichkeit das, was der Sohn später selbst tun würde. War der Vater ein Schneider, wurde der Sohn höchstwahrscheinlich selbst ein Schneider. War der Vater Rabbiner, wurde auch der Sohn Rabbiner.

Die Moderne ist eine Reise im Wasser. Wenn man im Wasser läuft, hinterlässt man keine Spuren. Derjenige, der hinter einem im Wasser läuft, ist dazu angehalten, seine oder ihre eigene Route zu wählen. Der Vater ist Schlachter, man selbst wird Anwalt. Der Vater ist Anwalt, man selbst wird Künstler. Die Mutter ist konservativ, man selbst wird liberal. Die Mutter hat geheiratet und vier Kinder geboren, man selber heiratet nicht.

Dies bezieht sich auf die politischen Ansichten, persönlichen Wertvorstellungen, Beziehungen, Spiritualität und auch äußere Erscheinung. Wir waren einst das »auserwählte Volk«. Heute sind wir das »wählende Volk«.

Seine eigenen Träume und Leidenschaften auszuleben, birgt einen gewissen Zauber. Wir schätzen unsere Freiheiten sehr, sie sind ein Geschenk G’ttes. Aber wie jeder Segen im Leben, haben auch diese ihre Schattenseiten, denen wir uns oft erst im Alter bewusst werden. Viele von uns sind überwältigt angesichts der Vielzahl an Möglichkeiten und schaffen es nicht, sich für das zu entscheiden, was langfristig gut für sie ist.

Anstatt die Wahlmöglichkeit dahingehend zu verwenden, mit innerer Leidenschaft ein Ideal im Leben zu umarmen, nutzen wir unsere individuelle Freiheit oft, um uns zurückzuziehen und uns nicht einem Ideal – größer als wir selbst – zu verschreiben. Wir haben Angst vor langfristiger Verantwortung und Beziehung. Wir stellen sicher, dass wir mit keiner Sache zu lange verbunden sind, damit wir jederzeit zu neuen Ufern aufbrechen können.

Keine Frage: Die so leben, sind gute Menschen. Sie sind nett, tolerant und respektvoll. Sie sind einfach das Resultat einer Kultur, die Henry James einmal die »Hotel‐Kultur« nannte. In einem Hotel schlafen und essen wir, aber wir leben nicht dort. Es gehört uns nicht.

In einem Hotel packen wir unser Gepäck nie vollständig aus. In einem Hotel können wir Unordnung hinterlassen, mittags kommt jemand, und wenn wir zurückkommen, ist alles aufgeräumt. Alles ist hygienisch rein. In einem Hotel ist es uns egal, wer nebenan wohnt. Dessen Angelegenheiten gehen uns nichts an. Wir checken einfach aus und ziehen weiter. Wir weigern uns, uns einem Menschen, einem Ort, einem Weg zu widmen.

Freiheit Wir alle verstehen, warum so viele die Freiheit von den lebenslangen Verpflichtungen und Verantwortungen lieben. Nach Tausenden von Jahren der Dogmen, Diktaturen und einem Leben voll nie enden wollender Traditionen und Aufgaben sind wir endlich befreit, können so sein, wie wir möchten, so leben, wie wir es wünschen, ohne externe Zwänge.

Doch paradoxerweise ist es die Erklärung »Hineni«, einem Leben mit Verpflichtungen und Aufgaben gegenüber anderen, die unser tiefstes Wesen zum Vorschein bringt. In unserer freiwilligen Einsamkeit mögen wir frei und zwanglos sein, aber das Selbst, welches da zum Ausdruck kommt, ist so oberflächlich und gelangweilt.

Die Freiheit, die uns so lieb und teuer ist, sollte uns nicht die Tiefe nehmen, die aus der Verpflichtung entsteht, oder die Gunst, die die Erfüllung der Aufgaben mit sich bringt, und die Liebe, die nur aus dem Ruf Hineni entstehen kann.

Nun werden wir das Geheimnis der drei Hinenis erkennen, die unser Vater Abraham aussprach. Das erste war an G’tt gerichtet. Das zweite an seinen Sohn.

Die Weisheit Abrahams ist auch heute für uns wichtig. Wenn uns das erste Hineni fehlt, die unerschütterliche Verpflichtung G’tt gegenüber, müssen wir auch das zweite Hineni aufgeben – die unerschütterliche Verpflichtung unseren Kindern gegenüber, die uns mit ihren Augen und ihren Herzen um eine tiefgehende Beziehung anbetteln, und dass sich ihre Eltern lieb haben – der Familie gegenüber, den Kindern, einem Leben des Gebens und nicht des Nehmens.

In meinem Leben geht es um den Ausdruck meines eigenen Verlangens, wenn mir die Verpflichtung gegenüber G’ttes Willen fehlt, warum sollte ich mich dann gegenüber den Beziehungen, die eine kontinuierliche Aufopferung abverlangen, verpflichtet fühlen?

Versuchung Warum sollte ich mit Leib und Seele für meinen Ehegatten, mein Kind, meine Freunde da sein, wenn dies meine Autonomie einschränkt? Ich werde mich mit ihnen verbinden, aber zu meinen Bedingungen, wenn mein Terminkalender mir Zeit lässt.

Was geschieht, wenn mir mal nicht danach ist? Wenn ich jemand Interessanteres finde, warum sollte ich dann nicht einfach »bye, bye love« sagen? Was passiert, wenn meine Versuchungen mich woanders hinführen, warum sollte ich denen nicht nachgeben?

Aus diesem Grund muss unsere Generation, die mit Freiheit gesegnet ist, die Erklärung »Hineni« zurückfordern! Nur wenn ich lerne, zu G’tt »Hineni« zu sagen, wenn ich Werte habe, die meine Versuchungen übersteigen, werde ich für immer »Hineni« zu meinen Liebsten sagen und sie niemals verlassen. Nichts, nicht einmal starke Versuchungen, werden sich jemals zwischen mir und meinen Liebsten drängen, da das Hineni weitaus mächtiger ist als menschlicher Egoismus. Unsere Erklärung zu G’tt ist, was unsere Verpflichtung gegenüber unseren Ehegatten, unseren Kindern, unseren jüdischen Brüdern und Schwestern und für alle Menschen möglich macht.

Und wenn ich Hineni sage, muss ich den Mut aufbringen, mein Ego zu überwinden. Ich entdecke das Innerste meiner Seele, die sich danach sehnt, sich mit etwas über dem eigenen Selbst zu verbinden.

Vor 3.700 Jahren sprach ein einzelner Jude ein Wort aus, welches den Lauf der Geschichte veränderte. Es war das Wort »Hineni«! Seine Kinder beschlossen, dieses Wort in jeder folgenden Generation zu wiederholen, unter den widrigsten Bedingungen. Darum sind wir heute hier. Lasst den Ruf »Hineni« nicht in unserer eigenen Generation verloren gehen.

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