Literatur

Hercule Poirot und die Juden

Legendär: Sir Peter Ustinov als Hercule Poirot (1982) Foto: picture alliance/United Archives

Manche Dinge sind zeitlos - und die Krimis der beliebten britischen Autorin Agatha Christie schienen lange dazuzugehören. Milliardenfach haben sich ihre Bücher verkauft, auch heute noch liest und verfilmt man sie. Ganz spurlos ist die Zeit an den Erzählungen rund um die Amateur-Ermittlerin Miss Marple und Privatdetektiv Hercule Poirot allerdings doch nicht vorbeigegangen.

Formulierungen wie »ein Oberkörper wie aus schwarzem Marmor, wie ihn jeder Bildhauer bewundern würde« erregen heute bei manchen Lesern Anstoß - genauso wie missverständliche Bezeichnungen für Juden oder Sinti und Roma. In den neuesten Aufgaben kommen sie daher nicht mehr vor, wie der konservative »Telegraph« enthüllte.

»Absurde Zensur« Christies Bücher reihen sich damit in jene Serie von Werken ein, an die der Rotstift der politischen Korrektheit gesetzt wird. Auch bei den Werken des britischen Kinderbuch-Autors Roald Dahl sind sie zum Einsatz gekommen. Als das kürzlich bekannt wurde, schlugen die Wellen der Empörung hoch. So schrieb der Schriftsteller Salman Rushdie, der im vergangenen Jahr einen Mordanschlag knapp überlebte, Dahl sei zwar »kein Engel« gewesen, aber die Änderungen kämen »absurder Zensur« gleich und der Verlag solle sich schämen.

Laut »Telegraph« ist bei Dahl in großem Umfang gestrichen und umformuliert worden - aus der Geschichte »Hexen hexen« verschwand etwa der »reine Horror der Gesichtszüge« eines weiblichen Charakters genauso wie der brutale Vorschlag »Wir könnten sie alle zusammentreiben und durch den Fleischwolf drehen«.

Berichten zufolge sollen auch die James-Bond-Romane von Ian Fleming überarbeitet werden, um den Standards politischer Korrektheit oder auch »Wokeness« - Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung - zu genügen. Die New Yorker Autorin Zoe Dubno hält dies für den völlig falschen Weg: »Wer ist Bond, wenn kein frauenfeindliches Relikt des imperialen Niedergangs? Warum sollten er und Fleming unserem Urteil entgehen?«

»Letzter Ausweg« Der Schriftstellerverband English PEN sieht das Vorgehen ebenfalls kritisch: »Änderungen an literarischen Werken sollten der letzte Ausweg sein, vor allem wenn der Autor nicht befragt werden kann«, sagte ein Sprecher des britischen Verbands der Deutschen Presse-Agentur. Mindestens solle darüber möglichst transparent informiert werden und auch die Möglichkeit geboten werden, die Werke in der originalen, unveränderten Fassung zu lesen.

Auch im deutschsprachigen Raum hat es immer wieder umstrittene Eingriffe in Klassiker gegeben. Jüngstes Beispiel für die Diskussionen ist der 1951 erschienene Roman »Tauben im Gras« von Wolfgang Koeppen, in dem das diskriminierende »N-Wort« viele Male vorkommt. Eine Lehrerin aus Ulm hat öffentlich dagegen protestiert, dass das Werk im nächsten Jahr Abi-Pflichtlektüre werden soll.

Koeppen attackiert in seinem Werk die Verdrängung der Nazi- Vergangenheit und die einseitige Fixierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft auf Wohlstandsvermehrung. Dabei greift er auch die damals übliche Sprache auf, um die dahinter stehende Haltung zu entlarven. Das heute völlig indiskutable »N-Wort« war in Deutschland bis weit in die 70er-Jahre die gängige Bezeichnung für Schwarze.

Shitstorms »People of Colour«, die im Alltag selbst immer wieder Rassismus-Erfahrungen machen, reagieren jedoch mitunter schockiert auf die Konfrontation mit solchen Begriffen. Auch um rufschädliche Shitstorms zu vermeiden, greifen deutsche Verlage mittlerweile auf die Dienste von schätzungsweise 100 »Sensitivity-Readern« zurück. »Sensitivity Reader« könnte man positiv mit »Spezialisten für Feingefühl« übersetzen - und negativ mit »Sprach-Zensoren«. Sie haben die Aufgabe, die ihnen vorgelegten Werke auf eine verletzende und stereotype Sprache hin abzuklopfen.

Kritiker verweisen darauf, dass Literatur nicht darauf abzielen kann, Leserinnen und Leser vor jedweder Zumutung abzuschirmen. Gerade besonders einflussreiche Werke hätten immer auch weh getan, argumentieren sie. Selbst wenn sich einzelne Menschen oder Gruppen angegriffen oder herabgesetzt fühlen sollten, sei dies immer noch von der Kunstfreiheit gedeckt.

Dass gerade ältere Werke Anstoß erregen können, liegt im Grunde auf der Hand. Offene Gesellschaften verhandeln ihre Werte ständig neu, und damit verändert sich auch die Sprache. Ein Buch konserviert die Auffassungen und die Ausdrucksweisen seiner Entstehungszeit - folglich kann es nach einigen Jahrzehnten irritieren. Die Frage ist allerdings, welche Bedeutung man als heutiger Leser einzelnen problematischen Begriffen beimessen sollte und ob man darüber nicht auch hinwegsehen kann.

Shakespeare Bei richtig alten Klassikern ist das offenbar leichter. Zur Zeit von William Shakespeare (1564-1616) gab es weder Demokratien noch Menschenrechte, weder Glaubensfreiheit noch Emanzipation. So war die Aussage einer Frau vor einem Gericht fast nichts wert. Durch die Brille von heute betrachtet, wimmelt es in Shakespeares Werk denn auch von antidemokratischen, rassistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Tendenzen und Ausdrücken.

Doch nur wenige würden soweit gehen, ihn darauf zu reduzieren. Weil den meisten bewusst ist, dass man das 16. Jahrhundert nicht nach den Maßstäben des 21. bewerten kann, fällt es leichter, diese Texte hinzunehmen, ohne sie gleich auf sich selbst zu beziehen.

Allerdings ist es auch und gerade bei Shakespeare so, dass seine Dramen laufend neu inszeniert, umgeschrieben und neu gedeutet werden, der jeweiligen Zeit und Kultur entsprechend. So ist es seit dem Holocaust nicht mehr möglich, den »Kaufmann von Venedig« mit dem jüdischen Geldverleiher Shylock als Bösewicht so aufzuführen, wie das vor 1945 geschah. Das Stück wird weiterhin gespielt – nur anders. Im Kern bleibt Shakespeares Werk aber intakt.

Genauso argumentieren heute auch die Verlage, die Bücher anpassen. Christies Urenkel James Prichard, der das literarische Vermächtnis der 1976 gestorbenen Krimi-Königin verwaltet, sieht es entspannt: »Meine Urgroßmutter hätte niemanden beleidigen wollen«, sagte er der »New York Times«. Sprache, die heute als problematisch gelte, müsse nicht zwanghaft im Text bleiben. »Denn alles, was zählt, ist doch, dass Menschen für immer Agatha-Christie-Bücher lesen können.«

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