Krefeld

Hell, warm und lebendig

von Jan Popp‐Sewing

Was wird in 300 Jahren sein? Auch ein Gemeindevorsitzender vermag nicht in die Zukunft zu blicken, aber er kann mutmaßen. Und so gab Johann Schwarz, der Vorsitzende der Krefelder Gemeinde, die hoffnungsvolle Prognose ab, dass in der neuen Synagoge an der Wiedstraße auch in drei Jahrhunderten noch gebetet und das Lachen jüdischer Kinder zu hören sein wird.
Für seine Gemeinde war der vergangene Sonntag ein historischer Tag: Nach fünf Jahren Bau‐ und Wartezeit konnten die neue Synagoge und das Gemeindezentrum endlich eröffnet werden. 300 Gäste waren in den Komplex einen halben Kilometer vom Krefelder Stadtzentrum entfernt, gekommen, unter ihnen Nordrhein‐Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Oberbürgermeister Gregor Kathstede, Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch und der israelische Gesandte Gad Lahad. 70 Jahre nach der Zerstörung durch die Nazis hat die Seidenstadt jetzt wieder ein eigenes jüdisches Gotteshaus – und zwar eines, das auch architektonisch Zeichen setzt.
Der Ministerpräsident geriet in der Synagoge geradezu ins Schwärmen: »So viel Licht und Wärme. So viel Ausstrahlung. Dieser Raum lebt, und er lädt ein. Sie können stolz sein auf dieses Haus. Wir können stolz sein auf dieses Haus.« Der Neubau beweise, dass die Nationalsozialisten es eben nicht geschafft haben, das jüdische Leben in Deutschland für immer auszulöschen. Rüttgers würdigte auch die Leistungen der nach NRW gekommenen jüdischen Zuwanderer, die an der Wiedstraße nun einen Raum für den vertrauten Glauben gefunden hätten: »Wir freuen uns, dass sie da sind.« Der Christdemokrat bekräftigte, dass sich die Nordrhein‐Westfalen die vielen Möglichkeiten jüdischen Lebens nicht von »Anhängern totalitärer, menschenverachtender Ideologien kaputt machen« lassen werden. Vor Extremisten und Terroristen dürfe man nicht zurückweichen. Den Faden nahm die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, auf. Es sei skandalös, wie Ewiggestrige wieder versuchten, Stimmung zu machen, sagte sie mit Blick auf rechtsradikale Gewalttäter in den neuen Bundesländern und Veranstaltungen wie den aktuellen »Anti‐Islamisierungskongress« in Köln.
»Gesicht zeigen ist das Gebot der Stunde«, forderte Knobloch und unterstrich dabei die Position der jüdischen Gemeinden: »Hier sind wir, in der Mitte der Gesellschaft. Und diesen Platz werden wir uns nie wieder streitig machen lassen.«
Begonnen hatte Knobloch ihre Rede mit einem Gedenken an ihren verstorbenen Vorgänger Paul Spiegel sel. A. und dessen Arbeit für das jüdische Leben in Deutschland. 19 Gemeinden gebe es mittlerweile in NRW, nach Krefeld wird in der kommenden Woche in Bielefeld eine neue Synagoge eröffnet. 32.000 Juden leben im Bundesland. Jedes neue Gotteshaus sei gleichzeitig ein Denkmal für verlorenes jüdisches Leben und untergegangene Kultur und eine Brücke in die Zukunft, unterstrich Charlotte Knobloch.
Der Gemeindevorsitzende Johann Schwarz erinnerte wie Rüttgers daran, dass es die neue Synagoge ohne den Fall der Mauer und die durch den Zusammenbruch der UdSSR möglich gewordene Einwanderung nicht gegeben hätte. 1989 habe die Krefelder Gemeinde noch aus 120 Mitgliedern bestanden, die Hälfte davon war älter als 60 Jahre. Oftmals sei am Schabbat im Betsaal nicht mal ein Minjan zustande gekommen. Heute zählt Schwarz 1.068 eingetragene Mitglieder, viele Familien mit Kindern sind dabei. Eine Gemeinde mit Kraft und Potenzial. Die jüdischen Bürger würden inzwischen in der Öffentlichkeit auch nicht mehr nur als »Opfer des Holocaust« wahrgenommen, sondern als Zukunftsträger, betonte der Gemeindevorsitzende.
Die Verbindungen zwischen alter und neuer Synagoge sind eines der ganz wichtigen Themen für den Architekten Klaus Reymann. Er wies die Besucher unter anderem auf die drei Fenster über dem Haupteingang hin. Sie sind aus buntem, mundgeblasenem Glas nach erhaltenen Entwürfen von Johan Thorn‐Prikker rekonstruiert. Der Künstler hatte sie 1928 für die alte Synagoge an der Krefelder Petersstraße angefertigt. Das Bild des Gotteshauses wird von zwei jeweils sechs Tonnen schweren, pechschwarzen Basaltstelen aus Norwegen geprägt. Sie rahmen den Toraschrein ein und lassen ihn gewissermaßen schweben. Die Stelen sollen an Moses’ Gesetzestafeln erinnern. Darüber steht in hebräischen Buchstaben die Inschrift: »Von Zion kommt die Tora und das Wort Gottes aus Jerusalem.« Rabbiner Yitzhak Mendel Wagner wird hier amtieren.
Es war auch ein Tag des Dankes: So kündigte Schwarz an, dass der Gemeindesaal ab sofort »Kurt‐Kähler‐Saal« heißen wird. Der Rechtsanwalt hatte zusammen mit dem ehemaligen Bürgermeister Dieter Pützhofen entscheidenden Anteil an der Gründung der Dr.-Isidor-Hirschfelder-Stiftung, die als Bauherr des 12‐Millionen‐ Euro‐Projekts auftrat. Esra Cohn, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Nordrhein gratulierte, dass die »Zeit der Provisorien« in Krefeld jetzt endlich ein Ende habe und sagte die Unterstützung des Landesverbandes zu.
Das Wort vom historischen Ereignis war nicht nur bei den Festrednern zu hören: Für Gemeindemitglied Larissa Obraszow, die in einer Runde ukrainisch‐stämmiger Einwanderer saß, war dieser Sonntag ebenfalls ein glücklicher Tag: »Ein Traum ist wahr geworden. Dass das jüdische Leben so einen Platz bekommt, hätten wir uns vor zehn Jahren nicht vorstellen können«, erzählte sie, und die anderen nicken. Vor zehn Jahren, das war die Zeit, als sie alle aus der Ukraine nach Krefeld kamen – ins Ungewisse.
Die Nachbarn des Gemeindezentrums, das mitten in einer Wohnbebauung liegt, wissen noch nicht so recht, was sie von dem Komplex mit der deutlichen Polizeipräsenz davor halten sollen. Aber zumindest sind auch sie erst mal zufrieden, weil die fünf Jahre währende Großbaustelle endlich passé ist.

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