Jiddische Theater- und Musikwoche

Heine trifft Klesmer

von Heide Sobotka

Donnerstagabend, kurz nach 19 Uhr, die ersten Gäste kommen zur Eröffnungsveranstaltung der 11. Jiddischen Musik‐ und Theaterwoche in das Dresdner Gemeindezentrum am Hasenberg. Der Einlass geht zügig. Es ist noch viel Zeit bis zum Konzert mit der Klesmergruppe Jontef. Da kann man sich noch schnell ein Gläschen Wein, Blinis und ein Stückchen Quiche im Café Schoschana gönnen und einen Blick auf den Büchertisch werfen, den Gemeindemitglieder betreuen. Langsam wird’s doch voller, es ist Viertel vor acht.
Die Plätze sind schnell besetzt. Hausmeister Frank Hofmann und Gemeindemitarbeiter schaffen zusätzliche Stühle herbei. Links und rechts der Sitzreihen entstehen neue Platzinseln. „Die Plätze reichen nicht aus“, sagt Organisationschef Michael Rockstroh, der sich ausnahmsweise gehörig verschätzt hat mit seiner Prognose, mitten in der Woche würde es wohl einfach sein, Karten für das Konzert zu bekommen. Die letzten Besucher bekommen die komfortabelsten Plätze. Hofmann hat noch die mobilen Synagogenstühle geholt, und die sind gepolstert.
Die vier Künstler aus Tübingen warten schon etwas ungeduldig. Doch vorweg gibt es noch Grüße und Wünsche von der Gemeindevorsitzenden Nora Goldenbogen und aus dem Landesministerium für Wissenschaft und Kunst. Staatssekretär Knut Nevermann vertritt seine Chefin, Ministerin Eva‐Maria Stange, die die Schirmherrschaft über das Festival übernommen hat. Nevermann sagt dem erwartungsvollen Publikum, dass es von der jüdischen Kultur viel über Weisheit, Hoffnung und Menschlichkeit zu lernen gebe. Dabei hebt er vor allem die Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche hervor, sie seien ein guter Ansatz, um Vorbehalte gegen Juden und Fremdes gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Zukunft, die möchte auch Nora Goldenbogen mit den jiddischen Musik‐ und Kulturwochen beschwören. „Wir wollen zeigen, dass jüdische Kultur und Tradition nicht nur Geschichte und Untergegangenes bedeuten, sondern dass sie Gegenwart sind“, sagt Goldenbogen. Deswegen sei sie besonders froh, dass die Werbeplakate den Zusatz erhielten „Begegnung mit jüdischem Leben“. Mit dem Festival solle der Stab an die jungen Menschen weitergereicht werden.
Seit zwei Jahren bildet die jüdische Gemeinde die dritte Säule im Festivalteam aus Rocktheater und Hatikwa. Sie richtet nicht nur Veranstaltungen aus, wie an diesem Abend, sondern bereitet sie vor und stellt Künstler. „Damit öffnen wir uns nach draußen und bieten unseren Gemeindemitgliedern gleichzeitig auch ein künstlerisches Forum“, erklärt Goldenbogen.
Das scheint gelungen. Mehrere Hundert Gäste warten auf das neue Heinrich‐Heine‐Programm „Bin ich varliebt!“ von Jontef. Die neu arrangierten Lieder, Texte und Gedichte hatte die Gruppe erst am Vortag in ihrer Heimatstadt Tübingen erstmals vorgestellt. Das Dresdner Publikum ist das erste auswärtige Livepublikum für ihre neue Bühnenschau. Und es zündet.
Die sechs Männer und Frauen von der tschechischen Partnergemeinde aus Teplice summen, singen und klatschen begeistert mit, als Michael Chaim Langer das Publikum dazu auffordert. Der Rezitator spielt mit seinen Zuhörern. Versetzt sie mit immer dunkler werdender Stimme, die das nahende Unheil ankündet, mit Heines „Ein Traum, gar seltsam schauerlich“ in Angst und Schrecken. Erheitert sie keck ironisch mit Heines sentimental‐romantischer Naturergriffenheit und dem „Fräulein am Meere“, das seufzt und bangt, weil es der Sonnenuntergang so sehr rührt.
Das Publikum ist begeistert, applaudiert und trampelt. Pause. Die vielen Menschen im Saal haben die Luft verbraucht. Man trinkt noch ein Gläschen Sekt im Schoschana, unterhält sich. „Tolles Programm. Hat sich gelohnt, dass wir hierher gekommen sind“, sagen zwei Studentinnen aus Dresden. Sie interessieren sich sehr fürs Judentum, die Dresdner Synagoge haben sie sich allerdings noch nicht angeschaut. Das nehmen sie sich nun für einen der nächsten Sonntage vor, an denen es Synagogenführungen gibt.
Die tschechischen Gäste aus Teplice sprechen zwar nur gebrochen Deutsch, die Texte der Lieder aber kennen sie und haben sie mitgesungen. „No, die sind doch auf Jiddisch, das verstehen wir“, sagt eine Teplicerin in der typischen Melodie der tschechischen Sprache mit den langgezogenen Vokalen und der Betonung auf der zweiten Silbe.
Andere Gäste kommen aus den umliegenden sächsischen Orten oder sind wegen des Marathons an diesem Wochenende nach Dresden gekommen. Plakate an Litfaßsäulen und Aufsteller weisen sie zur Synagoge, machen auf die vielen Spielstätten in Neustadt (Louise 41), Innere Vorstadt (Societaetstheater), Briesnitz (Theater junge Generation) oder äußere Neustadt (Restaurant La Rue, Thalia Kino) aufmerksam.
Halb elf. Chaim Langer heizt dem Publikum ein letztes Mal ein, sein Takt wird immer schneller, das Klatschen immer heftiger und lauter. Abrupt bricht der Sänger und Schauspieler ab. Schluss aus, Ende. Eine kleine Zugabe noch, dann verabschiedet Michael Rockstroh die vier Musiker aus Tübingen mit kleinen Blumensträußen. Es ist zwanzig Minuten vor elf. Das Publikum drängt in die kühle feuchte Nacht. Die Teplicer fahren mit ihren Autos nach Hause. Eine Stunde werden sie brauchen. Für sie war dieser Abend vorerst der letzte, zu dem sie nach Dresden und zu der jiddischen Musik‐ und Theaterwoche gekommen sind. Den Ortsansässigen bietet das Festival bis zum 28. Oktober noch viele Lesungen, Filme, Ausstellungen und Vorträge.

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019