Staatsbürger

Heimvorteil

Er war lange nicht mehr in seiner Heimatstadt – fast 15 Jahre. Doch vor wenigen Monaten ist Ilia Poljan, der 1991 mit seinen Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam, zum ersten Mal wieder nach Moskau gereist. An seinen Eindruck, als er durch die Straßen ging, erinnert sich der 32‐Jährige noch genau: »Ich habe mich wie ein Tourist gefühlt, denn das bin ich heute in Russland. Die Architektur, die Menschen, das Essen – alles war so anders als früher, und es ist auch so anders als in Deutschland. Dort fühle ich mich schon seit Langem zu Hause.«

urlaub Der promovierte Informatiker Poljan arbeitet als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg. Er besitzt sowohl die deutsche als auch die russische Staatsbürgerschaft. Für ihn spielt der Pass nur im Urlaub eine Rolle: »Wenn ich reise, zeige ich den deutschen Pass vor. Aber ansonsten bin ich schon so lange hier, dass ich mich voll und ganz als Deutscher fühle.« Ebenso geht es Alexander Madorski, der als Richter in Braunschweig arbeitet. »Für meinen Beruf ist die deutsche Staatsbürgerschaft eine Grundvoraussetzung, und für mich ist es auch selbstverständlich, sie zu beantragen, wenn man in Deutschland lebt.« Rein formell ist der 34‐Jährige zwar auch noch russischer Bürger, doch sei dieser Pass seit acht Jahren abgelaufen. »Für mich spielt er keine Rolle mehr. Meine Familie lebt hier und in Israel, deshalb reise ich nie in meine alte Heimat. Ich fühle mich meinem neuen Land sehr verbunden und möchte dort Bürger mit allen Rechten und Pflichten sein.« Madorski freut sich, dass seine Einbürgerung unkompliziert verlief, als er 1992 mit seinen Eltern nach Magdeburg kam. »Bei meiner Frau war das schon schwieriger«, erzählt der Richter. Denn seit 2007 gilt ein neues Gesetz, das den Besitz einer doppelten Staatsbürgerschaft, wie es bei der großen Gruppe der jüdischen Einwanderer aus Russland üblich war, unmöglich macht. »Meine Frau musste ihre alte Staatsbürgerschaft aufgeben. Das war mit hohen Ausgaben verbunden.«
Kosten und Unannehmlichkeiten sind Gründe, warum viele Menschen gar nicht eingebürgert werden möchten. Davon kann beispielsweise Polina Ivanova berichten. Die Studentin ist 30 Jahre alt und lebt in Düsseldorf. Sie kennt viele Menschen aus der Gemeinde, die die deutsche Staatsbürgerschaft nicht beantragen, weil sie Angst haben, dass dann bei Besuchen der daheim gebliebenen Familie in Russland Komplikationen auf sie warten. »Zudem kostet ein Visum, das sie dann beantragen müssten, viel Geld.« Polina Ivanova hat beide Staatsbürgerschaften. »Ich lebe zwar seit 16 Jahren in Deutschland, aber ich fühle mich immer noch nicht ganz zu Hause. Meine Hei‐ mat sind beide Länder.« Probleme, sagt sie, haben ihre Freunde und Bekannte ohne deutsche Staatsbürgerschaft nicht. »Sie finden trotzdem Arbeit, außer vielleicht, wenn es ein Job ist, der große örtliche Flexibilität und viele Reisen erfordert. Dann ist den Unternehmen oft ein deutscher Pass lieber.«

Vorteil Anatoli Purnik kann bestätigen, dass viele ehemalige Einwanderer ohne deutsche Staatsbürgerschaft in Deutschland leben, ohne dabei einen Nachteil zu empfinden. Der 54‐Jährige ist bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland für Integrationsarbeit zuständig. Er kennt die Anliegen vor allem der aus Russland stammenden Juden sehr gut. Zum einen durch die Integrationsseminare, die er in ganz Deutschland leitet, zum anderen aus eigener Erfahrung. Ältere Bürger lebten gerade in Großstädten wie Köln oder Düsseldorf in einem Umfeld, in dem es russische Geschäfte und russisches Fernsehen gibt. »Für sie ist es unwichtig, ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht.« Sie blieben lieber unter sich und hätten ihre Angelegenheiten in Bezug auf Rente oder Pass‐Zuständigkeiten in ihrer Heimat gelöst. »Die Menschen haben Angst davor, dass sich Dinge ändern, und deshalb bemühen sie sich meist nicht um Integration, und auch nicht um den Wechsel der Staatsbürgerschaft.«

Spagat Nicht nur für die Senioren, sondern auch für Menschen im mittleren Alter sei der Spagat zwischen zwei Ländern häufig sehr schwierig, weiß Integrationshelfer Purnik. Die Jungen nähmen die Dinge wesentlich unkomplizierter: »Sie sind deutlich besser integriert als die Älteren, und wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft wirklich wollen, dann bekommen sie sie auch, denke ich.« Bei ihm selbst war die Sache kompliziert, erinnert sich Purnik. Er kam nach dem Mauerfall nach Deutschland. Seine zuständige Behörde verlangte damals, dass er 15 Bescheinigungen aus den 15 Republiken der ehemaligen Sowjetunion beibrachte, um zu beweisen, dass er nirgendwo Staatsbürger sei. »So habe ich lieber gewartet und besitze erst seit dem Jahr 2000 den deutschen Pass. Er erleichtert vieles, etwa wenn ich nach England oder in die USA reisen möchte.«

rechtlos Auch Inna Luchanskaja wünschte sich sehr, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Doch das wurde ihr verweigert. Ihres Alters wegen. »Wir sind nicht mehr jung, wir arbeiten nicht mehr, und deswegen geht es nicht, heißt es immer wieder«, erzählt die 75‐Jährige aus dem Süd‐Ural, die heute in Chemnitz lebt. Dabei hätte sie gern in Deutschland gearbeitet, doch auch das blieb ihr verwehrt. In ihrer Heimat war sie eine angesehene Ärztin, die 25 Jahre in einem Krankenhaus tätig war. »Junge Frauen hätten auch keine Arbeit und meine Stelle nötiger als ich«, habe man ihr gesagt. Ihr russischer Pass, mit dem sie zumindest problemlos ihre Familie im Ural besuchen könnte, bringe keine Vorteile. »Mein Mann ist schwer krank, und ich habe Angst, ihn allein zu lassen. Deshalb reise ich nicht.« Luchanskaja bedauert sehr, keine Deutsche werden zu können. »Erst waren wir Flüchtlinge, dann Einwanderer, und heute sind wir irgendwie gar nichts mehr. Leute ohne Rechte in dem Land, das ihr Zuhause ist.«

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