Rennsport

»Heil«-Rufe und Motorlärm

von Uwe Day

23. Juli 1939. An diesem Sonntag, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, waren in vielen Haushalten die Volksempfänger voll aufgedreht. Die Zuhörer lauschten der soldatischen Stimme, aus dem Lautsprecher: »Achtung, Achtung, hier ist der Nürburgring. Hier ist der Große Preis von Deutschland. Noch eineinhalb Runden von 22 Runden sind zu fahren, und dann ist die große Schlacht in den Eifelwäldern wieder vorüber!« Motorenlärm und »Heil«-Rufe dröhnten aus den Bakelitgehäusen der Radios und erfaßten auch die Zuhörer. »Heute war es ein gewaltiges Vibrieren«, schrieb einer der »häuslichen Ohrenzeugen« nach einem Mercedes-Sieg an die Daimler-Benz AG. So war es auch am 23. Juli 1939: Rudolf Caracciola siegte auf einem der Mercedes-»Silberpfeile« und wurde später zum »Großdeutschen Straßenmeister 1939« gekürt. Renn- sport im Nationalsozialismus – das war keine unpolitische Unterhaltung, sondern eines der wichtigsten mentalen Rüstungsprojekte des Regimes. Im Zentrum der nationalen Inszenierung standen die »silbernen Pfeile« von Mercedes-Benz und Auto Union sowie die deutschen »Helden am Volant« wie Bernd Rosemeyer, Rudolf Caracciola oder Hermann Lang.
»Wenn der junge Mensch sein Heldenbild nicht von den muskelbeladenen nackten oder in SA-Uniform steckenden Kriegergestalten der Plakate und Denkmünzen dieser Tage abnimmt, dann gewiß von den Rennfahrern; gemeinsam ist beiden Heldenverkörperungen der starre Blick, in dem sich vorwärtsgerichtete harte Entschlossenheit und Eroberungswille ausdrückte.« Diese Darstellung des jüdischen Romanisten Viktor Klemperer, der von den Nazis vom Lehrstuhl gejagt wurde, zeugt indirekt von der rassistischen Dimension der NS-Alltagskultur. Der Rennsport war zur Erbauung der »Volksgenossen« gedacht: ein heroisches Panorama, an dem sich die »Volksgemeinschaft« mental aufrichten sollte – eine kulturelle Belohnung für den »wertvollen Arier«. Klemperer dagegen erschienen die Rennen als Zurschaustellung technischer Übermacht, die das Ohnmachtsgefühl der »Gemeinschaftsfremden« und »Nicht-Arier« verstärken sollte.
Um die »deutschen« Heldenbilder weiter pflegen zu können, legten die Machthaber ihr rassistisches Dogma nach eigenem Gusto aus. Die Auto Union weigerte sich, den Rennfahrer Hans Stuck wieder unter Vertrag zu nehmen, da er doch »durch seine nicht-arische Frau ... stark belastet« sei. SS-Führer Himmler aber hatte nichts dagegen, daß Stuck mit der »Halbjüdin« Pau
la von Reznicek verheiratet war. Die SS drängte den Automobilkonzern, Stuck wieder fahren zu lassen. Man müsse sehen, so Himmler, »daß Deutschland wirklich nicht so reich an Rennfahrern« sei. Vermutlich wußten die Nazis, daß Stucks Popularität auch dem Regime Sympathiewerte eintrug.
Wie kaum ein anderes mediales Ereignis erlaubte es der Motorsport, den Kult der Zerstreuung – die Sport- und Technikbegeisterung – mit der Ästhetisierung der Politik zu verbinden. Gefühlsverstärker waren die Massenmedien, die in Wort, Bild und Ton jeden Sieg der Silberpfeile als Triumph des »deutschen Mannschaftsgeistes« und als Beweis für die »Überlegenheit der ‚deutschen Technik’« – der »deutschen Wertarbeit« – feierten und beides in den Rang nationaler Kulturgüter erhoben. Das Publikum bedankte sich mit inbrünstigen Privatpoemen auf die Rennfahrer: »Caracciola diesem Kämpen / winkt mit hunderttausend Händen / begeistert Volk im Sonnenschein.« Die Fans ergötzten sich an den medial entworfenen Bildern und somit an sich selbst – als Teil einer virtuellen Volksgemeinschaft, die vernetzt durch das Radio den Moment des Triumphs scheinbar gemeinsam erlebte.
Der Rennsport war als Marketingprojekt ein gemeinsames Unternehmen des Regimes und der Automobilindustrie. Der Wirtschaft diente er als Reklame, der Politik als Propaganda. Hitler hatte der Autoindustrie 1933 versprochen, durch die Beseitigung steuerlicher Hemmnisse, den Bau der Autobahnen und die Förderung des Rennsports den Markt in Schwung zu bringen. Letztlich ging es aber darum, die eigenen Heilsversprechen durch schnelle, medienwirksame Erfolgsmeldungen und nationale Aufbaugeschichten einzulösen.
Ab 1934 sorgten die deutschen Rennställe mit Grand-Prix-Siegen für den Stoff, aus dem diese Mythen gewoben waren. Ähnlich wie mit dem Bild vom Bau der »Reichsautobahnen«, mit dem Hitler die Arbeitslosigkeit beseitigt habe, wurden auch im Rennsport Hightech und Volkstum zu einer großen Erzählung verschmolzen, sollten die Silberpfeile der von Hitler versprochenen »Volksmotorisierung« vorausfahren.
In Zeitungen, Hörfunk, Illustrierten, Wochenschau, Film, Büchern oder Sammelalben wurde eine technisch aufgerüstete Odyssee entworfen. Sie handelte vom Auszug kühner Fahrer, die rund um den Globus mannhaft gegeneinander antraten, von genialen Technikern, die in selbstlosem Eifer deutscher Präzisionsarbeit wieder zu Weltruhm verhalfen. Sie berichtete von virtuosen Mechanikern, unter deren »schaffenden Händen« die »Wunderwerke der Technik« Wirklichkeit wurden. Sie beschrieb das leidensvolle Dulden der Rennfahrerfrauen, die um ihre Männer bangten. Und schließlich wurde das Los der tragischen Helden geschildert, die im »Kampf um Raum und Zeit« ihr Leben auf dem Asphalt ließen – wie Bernd Rosemeyer, der 1938 bei einem Rekordversuch auf der Autobahn von einer Windböe von der Strecke geschleudert wurde. »Ein deutscher Held, von Dämonen besiegt. So mögen sie einst drüben im Odenwalde Siegfried gefunden haben…«, wehklagte die Deutsche Sport-Illustrierte.
Für Viktor Klemperer war das SS-Mitglied Rosemeyer kein Märtyrer des Fortschritts, sondern eine Figur aus dem braunen Heldenkabinett. Für ihn stand Rose- meyer nach seinem Tod »fast gleichwertig mit Horst Wessel vor den Augen der Volksphantasie«.
Der Rennsport blieb nach Ende des Dritten Reichs populär. Im Wirtschaftswunder wurde der Mythos der Silberpfeile wiederbelebt und symbolisch gereinigt, wenn auch nicht ganz entpolitisiert. Die Ideologie, gemeinsam am »deutschen« Fortschritt zu schaffen, entfaltete auch in den fünfziger Jahren ihre Wirkung und war eine treibende mentale Kraft der westdeutschen Industriegesellschaft.

Von Uwe Day ist erschienen: »Silberpfeil und Hakenkreuz. Autorennsport im Nationalsozialismus«, be.bra Wissenschaft, Berlin 2005, 24,90 €

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