halacha

Hauptsache

Wer sich heute an der Klagemauer umschaut, sieht nur Männer mit Kopfbede‐
ckung. Gläubige Juden tragen sowieso eine Kippa, andere jüdische oder nichtjüdische Besucher können sich eine ausleihen. Niemand soll diese heilige Stätte oben ohne betreten. Das war in biblischen Zeiten anders. Denn womöglich erschienen die meisten Juden barhäuptig zum Gottesdienst im Jerusalemer Tempel.
Wer damals aus religiösen Gründen ei‐
ne Kopfbedeckung tragen sollte und wa‐
rum, ist nicht eindeutig überliefert. Die Tora (2. Buch Moses 28,4) berichtet nur, dass die Kohanim, also Priester, beim Tempeldienst ihre Häupter bedecken sollten. Das Tragen einer Kopfbedeckung als Zeichen der Gottesfurcht ist ein Brauch, der erst später durch Rabbiner zur religiösen Pflicht wurde.
Festgeschrieben wurde dies im Schulchan Aruch, dem von Rabbiner Josef Ka‐
ro im 16. Jahrhundert verfassten Gesetzeswerk: »Man darf nicht mit unbedecktem Haupte vier Ellen weit gehen oder eine heilige Sache aussprechen; auch die Kinder soll man gewöhnen, den Kopf zu bede‐cken, damit Gottesfurcht auf ihnen sei.«

Talmud Die Regel geht zurück auf den babylonischen Talmud (Schabbat 118 b), in dem Raw Hona, der Sohn Jehoschuas, mit den Worten zitiert wird: »Möge es mir zugutekommen, dass ich keine vier Ellen barhäuptig gehe.« Und an anderer Stelle (Kidduschin 31a) heißt es: »Raw Hona, der Sohn Jehoschuas, ging keine vier Ellen mit entblößtem Haupte, denn er sagte: Die Göttlichkeit ist über meinem Haupte.«
Shmuel Safrai (1919–2003), Professor für jüdische Geschichte an der Hebrä‐ischen Universität Jerusalem, war der An‐
sicht, dass der Brauch erst im babylonischen Exil nach dem dritten Jahrhundert entstanden ist und sich von dort aus in Richtung der jüdischen Gemeinden Europas ausgebreitet hat. Er verwies zum Beispiel auf das Relief im Titusbogen in Rom, auf dem der Siegeszug nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 abgebildet ist. Keiner der jüdischen Gefangenen trägt dabei eine Kopfbedeckung. Eine andere Darstellung findet sich in den Fresken der Synagoge von Dura Europos im heutigen Syrien, die mit figürlichen Wandmalereien dekoriert ist. Wie Safrai betonte, sind auf den Fresken aus dem dritten Jahrhundert alle jüdischen Männer barhäuptig, mit Ausnahme von Aharon, dem Priester.
Der Taz, Rabbi David Halevi (1586–1667) verwies darauf, dass sich die Sitte der Kopfbedeckung bei Juden auch deshalb durchgesetzt habe, weil Nichtjuden zum Zeichen der Ehre stets ihre Hüte ab‐
setzten. Gemäß der biblischen Vorschrift, sich nicht wie Gojim zu kleiden oder zu verhalten (»In ihren Satzungen sollt ihr nicht gehen«, 5. Buch Moses 12,30), hätten sie ihre Kippa stets aufbehalten.

widerspruch Während Josef Karo diesen Brauch für verpflichtend erklärte, gab es auch später noch andere Meinungen. Zum Beispiel die von Rabbiner Elija ben Schlomo Zalman, dem Gaon von Wilna (1720–1797). Er vertrat die Meinung, dass das Tragen von Kopfbedeckungen ein gottesfürchtiges Verhalten, aber nicht unbedingt eine Pflicht darstelle. Dass man also auch durchaus eine Bracha (Segensspruch) barhäuptig sagen könne. Von Rabbiner Ye‐
huda Aryeh von Modena (1571–1648) ist überliefert, dass er außerhalb der Synagoge ohne Kopfbedeckung unterwegs gewesen sein soll – und dies mit Hinweis auf die landestypischen Sitten verteidigt hat. Aus der von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) geleiteten Schule der israelitischen Religionsgemeinschaft in Frankfurt am Main wird berichtet, dass die Schüler dort nur im Judaistik‐Unterricht Kippot trugen, sie jedoch in weltlichen Fächern ab‐
setzten.
Auch heutzutage gibt es rabbinische Entscheidungen, wonach zum Beispiel Be‐
rufstätigen erlaubt sei, ohne Kippa aus dem Haus zu gehen. Wie Rabbiner Shlomo Brody, Lehrer der Jerusalemer Yeshivat Ha‐
kotel, erläutert, betrifft dies Ausnahmefälle, die Tätigkeit das Tragen dieses religiösen Zeichens nicht gestattet – wie zum Beispiel im öffentlichen Dienst verschiedener Länder.

Symbol Die Kippa hat inzwischen ihre eigene Bedeutung gewonnen. Sie ist ein Symbol jüdischer Identität geworden. Auch wenn sie zum Beispiel durch den prominentesten Vertreter der amerikanischen Reformbewegung, Rabbi Isaac Mayer Wise (1819–1900), als »antiquiert« und »unwichtig« abgetan wurde. Heute ist das Tragen der Kippa halachische Pflicht, der orthodoxe Juden stets und weniger gesetzestreue zumindest bei religiösen Anlässen nachkommen.
Über die Halacha und Identität hinaus ist die Kippa ein Zeichen der Gottesfürchtigkeit. Die jüdische Kopfbedeckung wird auch Jarmulke genannt. Diese Bezeichnung soll dem aramäischen »Jirat Malka« (Ehrfurcht vor dem König) entstammen. Rabbiner Shraga Simmons, Chefredakteur des Internetportals (aish.com) des Jerusalemer Bildungsnetzwerkes Aish HaTorah meint dazu: »Externe Handlungen verursachen eine interne Haltung. Wenn wir etwas auf dem Kopf tragen, stärkt das die Idee, dass Gott uns immer beobachtet.« Es sei einfach, sich daran am Schabbattisch oder in der Synagoge zu erinnern. Doch sei dies eben im Alltag besonders wichtig. Und so ist die Kippa auch eine Art Selbstschutz. »Wohl niemand würde mit einer Kippa auf dem Kopf eine Prostituierte besuchen.« Kopfbedeckung gegen den bösen Trieb.
Im Talmud (Schabbat 156 b) wird die Geschichte der Mutter des Rabbi Nachman ben Jizchak erwähnt, deren Sohn einen ge‐
wissen Hang zur Kleptomanie zu haben schien. »Sie ließ ihn aber nie mit unbe‐
decktem Kopfe gehen und sagte stets zu ihm, bedecke deinen Kopf, damit Gottesfurcht auf dir sei.« Doch saß er einst unter einer Dattelpalme und studierte, »als ihm das Tuch vom Haupte glitt«, und er sah hinauf zur Palme. Da bemächtigte sich der böse Trieb seiner, „und er kletterte hinauf und biss eine Traube mit den Zähnen ab.“
In diesem Sinne sei die Kippa stets eine Erinnerung daran, dass man unter göttlicher Beobachtung stehe. »Es ist mehr als ein physisches Ding auf meinem Kopf. Es ist ein Konzept in meinem Kopf«, erläutert Rabbi Simmons im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.
Zudem betont er die Wirkung, die dieses Zeichen auf die Umgebung hat. »Wer eine Kippa trägt, ist auch eine Art Botschafter der Tora. Denn Judentum ist ein moralisches Konzept, basierend auf unseren Schriften. Und dementsprechend sollen wir anderen Völkern ein Vorbild sein.« Jeder, der einen Juden mit Kippa betrachte, meint zu sehen, wie man sich der Tora entsprechend verhalten soll. »Das ist eine große Verantwortung.« Und da ein Teil der Entscheidungen des täglichen Lebens dadurch beeinflusst würden, dass man überlegt, wie andere über einen denken, sei auch dies eine Hilfe auf dem Weg zur richtigen Lebensweise.
Äußerlich betrachtet ist die Kippa heute zum vielleicht auffälligsten Symbol der Jü‐
dischkeit geworden. Auch immer mehr Frauen tragen bei Gebet und Tora‐Lesung im konservativen, liberalen und progressiven Ritus eine Kopfbedeckung, als Zeichen der Gleichberechtigung. Auch ist es – selbst für Nichtjuden – an Orten des jüdischen Gebets oder Gedenkens Sitte geworden, eine Kippa aufzusetzen. Als Geste des Respekts. Man trägt Jarmulke.

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