Finanzwelt

Handel mit Illusionen

von Andreas Mink

Die kleine, von deutsch‐jüdischen Einwanderern gegründete Wall‐Street‐Bank Kuhn, Loeb & Co bestand noch keine acht Jahre, als Jacob Schiff dort am 1. Januar 1875 anheuerte. Der 27‐Jährige stammte aus einer angesehenen Frankfurter Familie, die seit dem 14. Jahrhundert Gemeindevorsitzende und Geistliche hervorgebracht hatte, darunter den Londoner Oberrabbiner David Schiff. Vor seiner Auswanderung hatte Jacob Schiff zwar schon erste Erfahrungen im Finanzgeschäft gesammelt. Aber vermutlich hat er damals nie zu hoffen gewagt, binnen kurzer Zeit der einzige ernstzunehmende Rivale von J.P. Morgan zu werden, dem bedeutendsten Bankier in der Geschichte Amerikas.
Bis zu seinem Tod 1920 finanzierte Schiff die Entwicklung der modernen amerikanischen Industriegesellschaft, vor allem den Eisenbahnbau. Er war weitsichtig genug, seinen Konkurrenten Morgan bei der Abwendung der großen Liquiditätskrise im Jahr 1907 zu unterstützen, und gemeinsam mit seinem Gegenspieler engagierte er sich später für die Gründung einer nationalen Notenbank, der heutigen Federal Reserve.
Auch jenseits der USA schrieb Jacob Schiff Geschichte, zum Beispiel mit der Anleihe, die Kuhn, Loeb & Co 1904 für Japan ausgab, das damit seinen siegreichen Krieg gegen das Zarenreich finanzierte. Jacob Schiff, der stolz auf sein Judentum war, engagierte sich nicht nur für die Bank. Er wirkte auch an der Gründung des American Jewish Committee mit, half das Hebrew Union College oder das Jewish Theological Seminary in Manhattan zu entwickeln und unterstützte die Columbia University und die New York Public Library.
Im Bankenwesen standen Schiff und Morgan für eine Fraktionierung der Wall Street in jüdische und WASP‐Firmen, Letzteres ist die amerikanische Abkürzung für weiß, angelsächsisch und protestantisch. Diese Trennung, die eher für die Belegschaften denn für die Kunden oder gar für die Unternehmensbeteiligungen galt, sollte noch bis in die 60er‐Jahre des letzten Jahrhunderts Geltung haben. Gleichwohl sollte es bis Mitte der 70er‐Jahre dauern, ehe die Firma des zukünftigen Citibank‐Vorsitzenden Sanford »Sandy« Weill als erste als jüdisch geltende Bank in die von Merrill Lynch dominierte Betreuung kleiner Anleger vorstieß.
Der an der New York University lehrende Wall‐Street‐Experte Christopher Dixon sagt, dass Morgan und seine Verbündeten mit ihren wiederholten Staatshilfen in der Tradition der Rothschilds handelten, die europäischen Staaten in schwierigsten Zeiten wiederholt mutige Kredite eingeräumt hatten. In diesem Geist stellte sich der 1941 aus Frankreich in die USA geflohene jüdische Investmentbanker Felix Rohatyn Mitte der 70er‐Jahre an die Spitze eines Konsortiums, das der Stadt New York aus einer gravierenden Haushaltskrise half. Dass die Wall Street ihre Kernschmelze nun nicht mehr aus eigener Kraft, sondern nur noch mit staatlicher Hilfe abwenden kann, macht den Kern der aktuellen Krise aus: Heute ist vom Ende einer Ära zu reden, die mit Schiff und Morgan begonnen hat. Wie die »neue« Wall Street aussehen wird, ist derzeit nicht erkennbar.
Die jüdischen Bankiersdynastien, die für die »alte« Wall Street und das bisherige US‐Bankensystem stehen, kamen fast durchweg aus Deutschland und trugen neben den bereits genannten Namen wie Seligman und Warburg. Zu ihnen gesellten sich in den Aufbruchsjahren nach dem amerikanischen Bürgerkrieg die Gebrüder Lehmann aus dem fränkischen Rimpar, aber auch der ebenfalls aus Franken stammende Marcus Goldmann, der 1869 an der Pine Street im Süden Manhattans mit seiner kleinen Firma Marcus Goldman&Co. den Grundstein für Goldman Sachs legte. Zusammen mit den Lewisohns, den Guggenheims und den Strauses wurden diese Familien von dem Historiker Stephen Birmingham in seinem Standardwerk »In unseren Kreisen« als die »größtmögliche Annäherung an eine Aristokratie, die New York und die USA jemals gekannt haben« verewigt.
Obwohl sich Schiff in für damalige Verhältnisse sehr mutiger Weise für den Schutz der von Pogromen heimgesuchten russischen Juden einsetzte, brachten die meisten jüdischen Bankiers und Unternehmer den bitterarmen, nach 1880 aus dem Zarenreich an die Lower East Side Manhattans strömenden Juden vornehme Herablassung entgegen. Mit Stellengesuchen bei Lehman Brothers oder bei Kuhn, Loeb & Co meist chancenlos, revanchierten sich die Söhne der russischen Einwanderer nach dem Ersten Weltkrieg durch die Gründung eigener Investmenthäuser. Der deutsch‐jüdische Geldadel hatte sich eine exklusive gesellschaftliche Sphäre geschaffen und durch zahlreiche Ehen zwischen den großen Familien einen bemerkenswerten Zusammenhalt entwickelt. Dieses Milieu mag abgehoben gewesen sein und Unsummen für Feste, Yachten und Landsitze aufgewandt haben. Aber in erster Linie agierten die in »In unseren Kreisen« beschriebenen Familien wie Jacob Schiff: Heute tragen jüdische Einrichtungen, Museen oder Krankenhäuser ihre Namen
An der Wall Street, der Quelle ihres Reichtums, haben diese Familien jedoch nach 1945 allmählich an Einfluss verloren. Und als Birmingham 1967 sein Standardwerk publiziert hat, steckten die Vermögen der Loebs, Schiffs und Lehmans längst breit gestreut in Industriebeteiligungen oder Immobilien. An die Stelle dieser recht beschaulichen trat eine dynamische, in immer neue Facetten aufbrechende Welt.
Paradigmatisch für diese Entwicklung ist die Geschichte der unlängst kollabierten Bank Lehman Brothers. 1850 von den Brüdern Heinrich, Emmanuel und Meyer Lehmann gegründet, war die Firma zunächst im Baumwollhandel im amerikanischen Süden tätig. Noch vor Ausbruch des Bürgerkrieges eröffneten die Lehman Brothers eine Dependance in Manhattan, die sich zuerst mit anderen Rohstoffen wie Kaffee befasste, ehe die Firma um 1900 in das Investmentbanking einstieg.
Die Lehmans waren nicht nur geschäftlich erfolgreich, sondern stellten mit Meyer Lehmans Sohn Herbert ab 1933 auch den Gouverneur von New York. Herbert Lehman vertrat den Staat anschließend bis 1957 im US‐Senat. Als er 1963 starb, hatte sein Cousin Robert Lehman nicht mehr die Kraft, die Firma wettbewerbsfähig zu halten. Nach Roberts Tod im Jahr 1969 überlebte zwar der Name Lehman Brothers. Aber das Unternehmen wechselte mehrfach den Besitzer, wurde übernommen und 1993 schließlich wieder in die Unabhängigkeit entlassen. So ist es auch Kuhn, Loeb & Co und fast allen sowohl jüdischen als auch WASP‐Geldhäusern ergangen, die bis zum Ende des letzten Jahrhunderts in globalen Konzernen aufgegangen sind.
Während Computer die mühsame Abwicklung von Transaktionen zunehmend erleichterten, erlebte die Wall Street nach 1970 immer neue Innovationsschübe: Neben dem Handel mit Aktien und Anleihen für große Anleger sowie der Finanzierung von Börsengängen produzierten das Geschäft mit kleinen Investoren und nach 1980 die Lancierung von Unternehmens‐Übernahmen enorme Gewinne. Gleichzeitig verschwand der Graben zwischen jüdischen und WASP‐Banken allmählich. Gleichwohl ist es kein Zufall, dass heute mit Goldman Sachs und J.P. Morgan Chase nur die bedeutendsten Häuser beider Fraktionen überlebt haben – doch auch diese Giganten sehen sich nun gezwungen, sich als Geschäftsbanken neu aufzustellen.
Ab 1990 begann der Boom der Hedgefonds. Diese entzogen sich als private Anlagevehikel selbst den immer schwächeren Auflagen, die der Wall Street in der Clinton‐Ära einen neuen Boom bescherten. Und als George W. Bush mit seinen drastischen Steuersenkungen eine neue goldene Ära für die besonders wohlhabenden Amerikaner einläutete, wetteiferten die Hedgefonds mit Lehman Brothers bei der Erfindung zunehmend raffinierterer Investmentvehikel. Die trugen zunächst dazu bei, die Kluft zwischen Arm und Reich in den USA zu vergrößern als zuletzt in J.P. Morgans Zeiten. Gleichzeitig waren speziell in Kalifornien neue, in der Regel nur von wenigen Personen geführte Fonds entstanden, die sich auf die Finanzierung innovativer Unternehmen spezialisierten. Die Wall Street und die in Greenwich, Connecticut, konzentrierten Hedgefonds spekulierten stattdessen lieber mit abstrakten Derivaten, die sich nun als Luftgeschäfte entpuppt haben.

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