Garri Kasparow

Hängepartie

von Oliver Bilger

Garri Kasparow kennt den Sieg. Er kennt auch die Niederlage. Als Schachweltmeister hat er viel häufiger triumphiert, als er sich geschlagen geben musste. In den zurückliegenden Wochen gab es für den 44-Jährigen wieder Sieg und Niederlage; längst nicht mehr auf dem Schachbrett, sondern auf dem politischen Parkett: Mitte Oktober entschied die Zentrale Wahlkommission in Moskau erwartungsgemäß, Kasparows Oppositionsbündnis »Anderes Russland« nicht zur Wahl der Staatsduma am 2. Dezember zuzulassen. Nach dem verschärften Wahlrecht dürfen nur noch registrierte Parteien an der Parlamentswahl teilnehmen, und das Bündnis sei nicht als solche eingetragen, so die Begründung. Eine Niederlage für Kasparow. Dabei hatte der Mann mit den angegrauten Haaren und den buschigen, dunklen Augenbrauen wenige Tage zuvor einen Sieg errungen: Delegierte des Oppositionsbündnisses wählten den Ex-Schachweltmeister zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im März. Der Liberale soll nun gegen einen Kandidaten antreten, den der amtierende Präsident Wladimir Putin noch als seinen Nachfolger vorschlagen wird. »Ich werde mein Möglichstes tun, damit die Ideen von ›Anderes Russland‹ gewinnen«, erklärt der prominente Putingegner.
Die Politik ist Kasparows zweite Karriere. Die erste startet er im Alter von gerade mal fünf Jahren. Damals heißt er noch Harry Weinstein und lernt Schach- spielen im sowjetischen Baku, der heutigen Hauptstadt Aserbaidschans. Er ist der Sohn einer Armenierin und eines deutschstämmigen Juden, geboren am 13. April 1963. Seine Eltern arbeiten als Ingenieure. Und sie spielen Schach. Nach dem frühen Krebstod seines Vaters nimmt der Junge den russifizierten Namen seiner Mutter Clara Kasparowa an. In einem Interview wird er später einmal erzählen, dass er wenig von den Wurzeln seines Vaters wisse und seine eigene Abstammung nie näher verfolgt habe.
In einem Land, in dem Schach als Nationalsport gilt, startet Kasparow eine unglaubliche Karriere. Mit gerade mal zwölf Jahren gewinnt er die Meisterschaften in Aserbaidschan. 1977 und 1978 wird er Sieger der UdSSR-Juniormeisterschaften. Ein Jahr darauf erhält Kasparow den Titel des Internationalen Großmeisters. 1981 wird er erstmals UdSSR-Meister und erreicht den ersten Platz der Weltrangliste. Im November 1985 wird er mit 22 Jahren der jüngste Schachweltmeister der Geschichte, indem er die sowjetische Schachlegende Anatoli Karpow besiegt. In den nächsten Jahren folgen zahlreiche Erfolge. Der Schachstar gilt als angriffslustig und aggressiv, als risikofreudig, innovativ und kreativ. Er wird aber auch als eitel und launisch beschrieben. Zu seinen größten Niederlagen zählt die Partie gegen den IBM-Computer »Deep Blue«: Ein erstes Duell gewinnt Kasparow, ein zweites, einige Monate darauf, verliert er. Der blamierte Schachgenius steckt die Niederlage nur schwer weg. Eine noch schmerzhaftere Niederlage erleidet er im November 2000 in London: Das Ausnahmetalent verliert den Weltmeistertitel an seinen ehemaligen Schüler, den 25-jährigen Wladimir Kramnik.
Zwei Jahrzehnte lang beherrscht der selbstbewusste Kasparow die Schachwelt. Bis er nach einem siegreichen Turnier im spanischen Linares im Frühjahr 2005 überraschend seinen Rücktritt vom professionellen Schachsport erklärt. Der Weltranglistenerste will künftig mehr Zeit in Buchprojekte investieren und sich politisch gegen den »Diktator Putin« engagieren. Der Wandel vom besten Schachspieler aller Zeiten zum Politiker kommt keineswegs plötzlich. Politisch engagiert sich Kasparow schon seit Jahren. Er unterstützt Michail Gorbatschow und die Perestroika. Als es Anfang 1990 jedoch zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen Aserbaidschanern und christlichen Armeniern kommt und Kasparow mit Familienangehörigen von Baku nach Moskau flieht, kritisiert er die sowjetische Führung scharf. Kasparow ist im selben Jahr Mitgründer der Demokratischen Partei und wird stellvertretender Vorsitzender. Im Streit über das politische Programm tritt er aber schon ein Jahr später wieder aus. Bis zum Tschetschenienkrieg 1996 unterstützt er auch den Präsidenten Boris Jelzin. Kritiker werfen ihm politische Sprunghaftigkeit vor. Mit dem »Komitee 2008«, gegründet nach der vergangenen Präsidentenwahl, will sich der Putinkritiker für eine freie und faire Wahl 2008 einsetzen. Im folgenden Jahr ruft er die liberale »Vereinigte Bürgerfront« ins Leben, mit der er sich für mehr Demokratie engagieren möchte, denn Russland sei ein »Polizeistaat«, und der russische Präsident zerstöre die Demokratie. Ein weiteres Jahr darauf schließt Kasparow seine Bürgerfront mit anderen Gruppen zur Bewegung »Anderes Russland« zusammen. Kasparows erklärtes Ziel: Putins Regime »demontieren”.
Das »Andere Russland« organisiert in verschiedenen Städten »Märsche der Dissidenten«, mit mehreren Tausend Teilnehmern. Kasparow will die oppositionell gesinnten Russen mobilisieren. Doch die Opposition ist zersplittert und sich lediglich einig in der Kritik am Präsidenten. Liberale Parteien bemängeln die Kooperation mit den radikalen Nationalbolschewisten. Regierungsnahe Medien bezeichnen das Oppositionsbündnis deshalb als extremistisch. Dabei will sich Kasparow für Menschen- und Bürgerrechte einsetzen, die in Russland »mit Füßen getreten« würden. Er fordert weniger Korruption, weniger Zentralismus, mehr Pressefreiheit – und vor allem mehr Demokratie. Kasparow genießt im Westen ein hohes Ansehen. Das Time Magazine wählt ihn unter die hundert einflussreichsten Menschen der Welt. Im eigenen Land trauen ihm die meisten Menschen hingegen nicht viel zu. Die besten Chancen auf das Präsidentenamt hat der Kandidat, den Putin als Nachfolger empfehlen wird. In Meinungsumfragen spielt Kasparows Bündnis kaum eine Rolle. Laut einer Erhebung des Kreml-unabhängigen Lewada-Instituts wollen nur rund drei Prozent der Wahlberechtigten für den Kandidaten der liberalen Opposition stimmen.
Kasparow fällt es nicht leicht, die Gunst der Wähler zu gewinnen, er hat es auch schwer mit den Gefolgsleuten des amtierenden Präsidenten. Bei Demonstrationen im Frühjahr wird Gewalt eingesetzt, in den Nachrichtenprogrammen spielt die Opposition keine Rolle. Kasparow wird mit Eiern beworfen, mit einem Schachbrett geschlagen, von Behörden gegängelt, von der Polizei vernommen. Er lässt sich und seine Familie von Bodyguards schützen. Seine dritte Ehefrau lebt mit der kleinen Tochter Aida in New York. Kasparows Moskauer Wohnung ist nicht weit entfernt vom Kreml, Putins Amtssitz. Davor schlendern Einheimische und Touristen über den Roten Platz. Sie kommen von der Arbeit, vom Einkaufsbummel oder um ein Erinnerungsfoto an der Basiliuskathedrale, einem der bekanntesten Moskauer Wahrzeichen, zu machen. Sie kommen selbst dann, wenn an einem Oktobernachmittag graue Wolken schwer über der Innenstadt hängen. Auf Kasparow angesprochen, bestätigen viele das schlechte Umfrageergebnis.
»Der will doch nicht im Ernst Präsident werden?«, fragt Anna Iwanowa ungläubig. Für die 53-jährige Ingenieurin steht fest: Sie wird ihn nicht wählen. Er sei »kein echter Politiker«, sagt sie, »es wäre besser, wenn er weiter Schach spielt.« Galina Sigida stellt ihre große Plastiktüte mit den Einkäufen auf den Boden. »Ich nehme Kasparow nicht ernst«, erklärt die 37 Jahre alte Kindergärtnerin. Sie könne sich niemanden außer Putin als Präsidenten vorstellen und wünscht sich eigentlich eine dritte Amtszeit. »Ich habe Angst davor, wenn Putin nicht mehr Präsident ist.« Die 23-jährige Katja sagt, sie kenne Kasparow nur als Schachspieler. Sein Programm sei ihr unbekannt, überhaupt könne sie ihn sich nicht als Präsidenten vorstellen, erklärt die Moskowiterin, die lieber anonym bleiben möchte. Ohnehin interessiere sie sich nicht sehr für Politik – »solange Putin Macht hat«. Oder solange dessen Nachfolger »den Kurs nicht ändert«.
»Kasparow hat kein Wahlprogramm«, bemängelt der Journalist Igor Konovalow. Er sei gegen Putin, mehr aber auch nicht. Andere haben ein Problem mit Kasparows aserbaidschanischer Herkunft, denn viele Russen haben Vorbehalte gegen Menschen aus dem Kaukasus. »Russland ist kein sehr tolerantes Land«, sagt Konovalow. Für wieder andere erscheint Kasparow zwielichtig, weil seine Aktivitäten angeblich von den USA bezahlt werden. So lautet ein Vorwurf der Staatsmedien und der Kremljugend »Naschi«, den Kasparow vehement bestreitet. Viele Russen haben auch Probleme mit Kasparows jüdischen Wurzeln: »Dieser Jude als Präsident?«, fragt ein 47 Jahre alter Wladimir aus Südrussland. »Den wird niemand wählen!« Deutliche Worte auch von Andrej, der an einem Stand unweit des Roten Platzes T-Shirts mit »UdSSR«-Aufdruck an Touristen aus Westeuropa verkauft und seinen Nachnamen nicht verraten möchte. »Kasparow muss man mit Schachfiguren ein paar auf die Löffel geben«, ereifert er sich. Dieser »jüdische Armenier« sei eine »Missgeburt«. Er wolle Russland verkaufen, schimpft Andrej. »Doch unser Russland wird so bleiben, wie es ist.«
Iman aus Moskau hält eigentlich viel von Kasparow. Er ist dem Putinkritiker sogar schon einmal persönlich begegnet. »Ich mag seine Positionen«, erklärt der 33-Jährige. Dass Kasparow zum Beispiel die Löhne der Menschen und damit ihren Lebensstandard erhöhen möchte, gefalle ihm. Dann erzählt er, wie er dem Präsidentenkritiker begegnet ist: Er hat ihn verhaftet. Iman ist Polizist bei der Spezialeinheit Omon. Deshalb will er seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Iman gehörte zu denen, die Kasparow bei einer Demonstration vergangenen April in Moskau in Gewahrsam nahmen und stundenlang festhielten, bis er erst nach Stunden zu einer Strafe von umgerechnet knapp 28 Euro verurteilt wurde und gehen durfte. Als Iman auf Kasparows jüdische Wurzeln angesprochen wird, wechselt er seine Meinung abrupt. Denn er wusste bislang nichts von ihnen: »Ich würde keinen Juden wählen!«, ruft Iman. »Es sind schon zu viele Juden in der Politik.«
Kasparow selbst weiß, dass es im kommenden März keinen Sieg für ihn geben wird. Vor einigen Wochen sagte er Journalisten: »Das Regime hat die politische und finanzielle Macht, die Wahlen 2008 zu überleben, aber nicht die von 2012.« Dem US-Magazin New Yorker erklärt er: »Wenn das Regime zusammenbricht, werden wir zur Stelle sein«. Dann würde auf die Niederlage wieder ein Sieg Kasparows folgen.

Mitarbeit: Ekaterina Khorunzhenko

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