Gasa-Krieg

Gute Wünsche aus Kairo

von Richard Herzinger

Israels Militäreinsatz gegen die Hamas in Gasa hat in der arabischen Welt auffallend zurückhaltende Reaktionen ausgelöst. Zwar wird mit der Dauer der israelischen Offensive der Druck auf die Regierungen Saudi‐Arabiens, Ägyptens und Jordaniens sowie auf Palästinenserpräsident Abbas zunehmen, dass diese die vermeintlichen Verbrechen Israels gegen das palästinensische Volk lautstark verdammen. In Wahrheit aber käme dem arabischen Führern nichts gelegener als eine schwere Niederlage, wenn nicht sogar die vollständige Zerstörung der Hamas.
Das liegt nicht etwa daran, dass sie ihr Herz für den bedrohten jüdischen Staat entdeckt hätten. Vielmehr erkennen sie in der dreisten Selbstgewissheit, mit der die Hamas Israels Reaktion systematisch provoziert hat, die Handschrift des Iran, den sie weit mehr fürchten als den vertrauten »zionistischen« Erzfeind.
Ohne die Aus‐ und Aufrüstung durch das Mullah‐Régime in Teheran wäre die Hamas für die etablierten arabischen Kräfte nur ein lästiger, aber kontrollierbarer Störenfried. Doch angesichts der Fernsteuerung der Radikalislamisten konnten sie die alleinige Machtübernahme der Hamas im Gasastreifen im Juni 2007 nur als eines deuten: den ersten erfolgreichen iranischen Putsch auf arabischem Boden.
Nach dem Sieg der Hamas bei den Parlamentswahlen im Gasastreifen Anfang 2006 hatten die arabischen Herrscher noch gehofft, die radikalislamische Organisation unter der Fatah von Präsident Abbas zu halten. Doch die relative Mühelosigkeit, mit der die Hamas die alteingesessene, aber verrottete Herrschaft der Fatah durch Waffengewalt wegfegte, musste die arabischen Führer in Panik versetzen – wurden sie doch unwillkürlich an die ungewisse Zukunft ihrer eigenen, zunehmend morschen Herrschaftsstrukturen erinnert. Während sich alle Welt über die Abschottung Gasas durch Israel erregte, riegelte Ägypten seinerseits die Grenze zu »Hamastan« rigoros ab.
Vorerst freilich schien die extremistische Hamas zumindest die diversen Vermittlungsbemühungen der Saudis und Ägypter anzuerkennen. Doch vor einigen Wochen war es auch damit vorbei. Nicht nur, dass sie die Teilnahme an den von Ägyptens Präsident Mubarak mühsam eingefädelten Aussöhnungsgesprächen mit Abbas und der Fatah‐Führung verweigerte. Sie brüskierte Mubarak zudem, indem sie die von ihm vermittelte Waffenruhe mit Israel einseitig für beendet erklärte. Damit signalisierte die Hamas, dass sie sich nun stark genug fühlte, die Oberaufsicht der arabischen Führungsmächte endgültig abzuschütteln.
Dieses Signal gleicht einer revolutionären Kampfansage an die traditionellen Vormachtstrukturen in der arabischen Welt. Die sunnitischen Herrscher in Riad, Kairo und Amman fürchten, dass der Aufstieg der Hamas zum Fanal vor allem für die unterdrückten schiitischen Minderheiten in ihren Ländern wird, sich mit iranischer Hilfe gegen die bestehende Herrschaft aufzulehnen. Dass aber selbst ihr sunnitischer Ursprung die Hamas nicht daran hindert, mit dem Iran prächtig zu harmonieren, kann die Angst der arabischen Herrscher vor Teherans Einfluss nur noch zusätzlich verstärken.
Für die arabischen Führer ist der Albdruck umso größer, als der Iran bald die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen erlangt haben könnte. Was, wenn Teheran Hilfstruppen wie die Hamas und die libanesische Hisbollah mit nuklearem Material ausstattet oder zumindest damit drohte? Von diesem Moment an hätten die Araber Irans Vorherrschaftsstreben in der Region kaum noch etwas entgegenzusetzen.
Der Angriff Israels auf Gasa stellt für die arabische Führung fast schon die letzte Gelegenheit dar, das Blatt noch gegen den Iran zu wenden. Doch der Einsatz ist hoch: Wird die Hamas durch die israelische Offensive nicht entscheidend geschwächt, steht sie als moralischer Triumphator über den »Zionismus« da, aber auch über die etablierten arabischen Mächte. Geht die Islamistenmiliz dagegen unter, könnte Abbas die Kontrolle in Gasa zurückgewinnen und, nach einer Schamfrist, die Friedensverhandlungen mit Israel fortsetzen – ohne permanente Raketen‐Störmanöver. Syrien müsste das enge Bündnis mit einem nunmehr geschwächten Iran neu überdenken, und der künftige US‐Präsident Obama hätte bei seinem Versuch, den Iranern im Atomstreit Zugeständnisse abzuringen, bessere Karten. Der heimlichen guten Wünsche aus Riad, Kairo und Ramallah darf sich die israelische Armee somit sicher sein.

Der Autor ist Politik‐Redakteur der »Welt« und »Welt am Sonntag«.

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