Gespräch

Gute Worte und eine Umarmung

von Baruch Rabinowitz

Der Andrang ist riesig. Mehrere hundert Gäste sind an diesem Donnerstagabend in die Katholische Akademie gekommen. Sie wollen dabeisein, wenn zum ersten Mal deutsche Rabbiner mit katholischen und evangelischen Würdenträgern zusammenkommen. Auch die Prominenz ist in Berlin gut vertreten: Walter Kardinal Kasper, beim Vatikan zuständig für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Karl Kardinal Lehmann und der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Und 25 Rabbiner.
Christentum trifft Judentum zum theologischen Gespräch, und beide Religionen haben ihren Platz. Die Rabbiner nehmen auf der rechten Seite der Bühne Platz, die Repräsentanten der beiden Kirchen auf der linken Seite. Doch trotz der räumlichen Trennung: Im Saal ist der Wunsch spürbar, einander theologisch und menschlich näherzukommen.
Schon am Nachmittag hatten die Würdenträger unter Ausschluß der Öffentlichkeit miteinander diskutiert: Über die Ausbildung der Geistlichen, Informationsver- anstaltungen in den Gemeinden und den Dialog mit dem Islam. Von Trialog ist in diesen zwei Stunden keine Rede. »Der jüdisch-christliche Dialog hat eine eigene Struktur und Bedeutung, die kann man nicht zu einem Dritten hin öffnen«, sagt Kardinal Kasper im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.
Reden, um sich besser kennenzulernen, um den Gesprächen Taten folgen zu lassen. Das ist das erklärte Ziel. Und offenbar wird es erreicht. Rabbiner und Bischöfe nennen den internen Gedankenaustausch konstruktiv. »Wir wissen, daß wir in der Zukunft eine regelmäßige Begegnung brauchen werden und daß es dafür ein Startschuß ist und insofern ein historischer Einschnitt«, sagt Kardinal Lehmann der Jüdischen Allgemeinen. Auch Bischof Wolfgang Huber äußert die Hoffnung, daß die antijüdischen Tendenzen in der Kirche weiter korrigiert werden.
Am Abend dann wird der Dialog in aller Öffentlichkeit fortgesetzt. Die erste Rede hält Kardinal Kasper. Theologisch fundiert betont der Kirchenmann die Bedeutung von »Nostra Aetate«. In der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 40 Jahren hatte die katholische Kirche den Antijudaismus in den eigenen Reihen verurteilt und zur Sünde erklärt. Kasper weist in seiner Rede aber darauf hin, daß es keine einfache Aufgabe sei, eine 2000jährige Geschichte innerhalb von ein paar Jahrzehnten zu ändern.
Beim Empfang am Abend wird Kardinal Kasper noch hervorheben, daß der Dialog nicht nur theoretisch bleiben darf. »Wir müssen auf die Gegenwart und die Zukunft schauen, nicht dabei bleiben, nur die Vergangenheit aufzuarbeiten.« Er kann sich vorstellen, daß der Dialog »institutionalisiert« wird, etwa in Form eines Lehrstuhls.
Alles eitel Sonnenschein? »Es gibt auch Probleme«, sagt Kasper. Die Juden sollten sich beispielsweise bewußt sein, daß das Christentum auch das Judentum beeinflußt und nicht nur umgekehrt. Die Öffnung der vatikanischen Archive, die bestehenden Vorurteile auf beiden Seiten, »Judenmission« und die Jesus-Theologie – all das sind sehr umstrittene Themen. »Es ist ein schwieriger Dialog, und er wird schwierig bleiben«, sagt Kasper. »Wir müssen ehrlich miteinander sein, dann werden wir füreinander zu einer gesunden Herausforderung. Möge das neue Jahrhundert ein Jahrhundert der Brüderlichkeit zwischen Juden und Christen werden, in dem wir Schulter an Schulter miteinander gehen.«
Eine Hoffnung, die Rabbiner Henry G. Brandt teilt. »Ich hoffe, daß wir tatsächlich Schulter an Schulter stehen werden und daß die Kirche uns diesmal nicht alleine läßt«, sagt der Vorsitzende des Rabbinerkomitees Deutschland. Dazu gehört für ihn auch, daß Juden mehr über das Christentum erfahren. »Wir müssen mehr über die andere Religion wissen, so daß wir als gleichwertige Partner am theologischen, historischen und auch sozialen Gespräch mit den Kirchen teilnehmen können.« Auch Brandt weiß, daß das mit Schwierigkeiten verbunden ist. »Derzeit ist unsere Priorität, den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion die Inhalte des Judentums zu vermitteln.« Das kostet Kraft und Zeit, die dann im jüdisch-christlichen Dialog womöglich fehlt.
Doch von so etwas läßt sich Brandt nicht entmutigen: »Es ist an der Zeit, eine Brücke über die Kluft zu bauen.« Es sei viel erreicht worden, doch das Erreichte sei noch nicht abgesichert. Den neuen Antisemitismus und den radikalen Islam hält Brandt für gefährliche Herausforderungen. Bei diesem Thema werde sich zeigen, wie die Kirche zum Judentum steht.
Nachdem Brandt seinen Vortrag beendet hat, gibt es stürmischen Beifall. Der Rabbiner geht spontan auf Kardinal Kasper zu und umarmt ihn. Eine Geste, die zeigt, worauf es im christlich-jüdischen Dialog wohl vor allem ankommt: die persönliche Begegnung.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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