Felix Mendelssohn-Bartholdy

Grüße von Goethe

von Jonathan Scheiner

Freund und Feind gleichermaßen gilt Felix Mendelssohn‐Bartholdy, dessen Geburtstag sich am 3. Februar zum 200. Mal jährt, als jüdischer Musiker. Schon Richard Wagner attackierte ihn als solchen in seiner 1850 erschienenen antisemitischen Polemik „Das Judentum in der Musik“. Die Nazis ließen 1936 das Denkmal des Komponisten vor dem Leipziger Gewandhaus abreißen. Von jüdischer Seite wiederum, so Julius Schoeps’ Lexikon des Judentums von 2000, wird er „als eine Person vereinnahmt, deren Beitrag zur Musik einen Höhepunkt jüdischen Tuns darstellt“.
Dabei war der Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn schon mit sieben Jahren zum Christentum übergetreten. Von Johann Jakob Stegemann, dem Pfarrer der Berliner protestantischen Jerusalemskirche, erhielt er die Taufnamen Jacob und Ludwig. Die Taufe war nicht bloß ein äußerliches „Entréebillet“ in die Mehrheitsgesellschaft wie bei Heinrich Heine. Mendelssohn‐Bartholdy empfand sich als Christ. Zeichen jüdischen Bewusstseins finden sich nicht im Leben des Komponis‐ten. Das belegen auch seine Briefe, deren erster Band – er umfasst die Jahre 1816 bis 1830 – jetzt in schönster Vollständigkeit und mit größter Sorgfalt ediert, erschienen ist. Regina Back, eine der beiden Herausgeberinnen, hat etliche der 5.000 Briefe von Hand transkribiert: „Es gibt keine Diskussion und kein Nachdenken über Judentum in Mendelssohns Briefen“, lautet ihr Fazit. „Im Gegenteil sind diese Briefe ein Zeugnis für das liberale Milieu dieser Zeit, in der Christen und Juden friedlich miteinander gelebt haben.“
Schon der junge Mendelssohn‐Bartholdy pflegte eine umfangreiche Korrespondenz. Einen seiner frühesten Briefe ver‐fasste er als Achtjähriger auf Französisch (!) an August Carl von Stein. Der letzte Brief des Bands richtet sich an Fanny Hensel, Lieblingsschwester, Vertraute und Ratgeberin in kompositorischen Fragen. In die Korrespondenz an die im Wochenbett liegende Fanny, geschrieben in München am 26. Juni 1830, integriert Felix gleich noch sein Lied ohne Worte b‐Moll op. 30/2.
Mendelssohn‐Bartholdy schreibt vor allem, wenn er auf Reisen ist. Die meiste Zeit zwischen 1816 und 1830 verbringt der Komponist allerdings in Berlin, dem „alten Nest“, wie es Goethe ihm gegenüber einmal genannt hat. Dabei war Berlin schon damals kein Nest, was auch an den Mendelssohns lag, die in der Leipziger Straße 3 ihr Domizil hatten. Dort verkehrte die intellektuelle Élite der Zeit – Humboldt, Heine und Hegel.
Davon allerdings geben die Briefe keine Auskunft. Leider. Erst nachdem es Mendelssohn in die Fremde gezogen hat, steigt sein Korrespondenzvolumen rapide an. Er berichtet nach Hause an seine Eltern Lea und Abraham Mendelssohn, an seinen Freund Carl Klingemann und an seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter. In dieser Zeit – Mendelssohn‐Bartholdy ist gerade zwanzig – reist er das erste Mal nach England und Schottland, wo er an berühmten Stü‐cken wie der Schottischen Symphonie und den Hebriden zu arbeiten beginnt.
Auch nach Paris fährt der junge Musiker, er stellt sich dem Urteil Luigi Cherubinis, lernt Giacomo Rossini und Giacomo Meyerbeer kennen. Beeindruckt ist er nicht. Mendelssohn‐Bartholdy schimpft auf die französische Musikwelt, die mit Beethoven ebenso wenig anzufangen weiß wie mit seinem Idol Bach. An Fanny schreibt Felix entrüstet: „Aber bedenk, liebes Kind, dass die Leute hier keine Note aus Fidelio kennen! Dass sie Seb. Bach für eine recht mit Gelehrsamkeit ausgestopfte Perücke halten.“ Die Franzosen, so sein Fazit, seien ein „Kesselflickervolk“.
Auf seiner Rückreise von Paris macht Mendelssohn‐Bartholdy Station in Weimar, und trifft – bereits zum zweiten Mal – Goethe, den er vier Jahre zuvor kennengelernt hatte. Von dem alten Geheimrat schwärmt er: „Seine Haltung, seine Sprache, sein Name, die sind imposant. Einen ungeheuren Klang der Stimme hat er, und schreien kann er, wie 10.000 Streiter. Sein Haar ist noch nicht weiß, sein Gang ist fest, seine Rede sanft.“ Der Dichter schenkt Mendelssohn einen Bogen seines Faust‐Manuskripts, mit einer Widmung für den „lieben jungen Freund F.M.B., Kräftig zarter Beherrscher des Pianos“. Größere Ehre ist im kulturellen Kosmos der damaligen Zeit nicht denkbar.
Schon diese eine Passage macht den ungeheuren Wert der Mendelssohn‐Briefe deutlich. Sie sind ein kulturgeschichtliches Zeugnis, das nun erstmals in seiner Gesamtheit publiziert wird. Seit 2001 erarbeitet eine Forschergruppe aus Musikwissenschaftlern und Germanisten die zwölfbändige Ausgabe. Der jetzt erschienene erste Band ist ein passendes Geschenk der Nachwelt zum 200. Geburtstag Felix Mendelssohn‐Bartholdys.

felix mendelssohn‐bartholdy: sämtliche briefe in 12 bänden.
band 1 (1816–1830)
Hrsg. von Juliette Appold und Regina Back
Bärenreiter, Kassel 2008, 764 S. Subskriptionspreis für alle 12 Bände 149.- €

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