Mormonen

Grabräuber

von Ben Harris

Sie reden nicht mehr miteinander. Eine Überlebendenorganisation in den USA hat Gespräche mit der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ aufgrund der mormonischen Praxis, jüdische Opfer des Holocaust posthum zu taufen, abgebrochen.
„Wir haben das Gefühl, an einem Endpunkt angekommen zu sein“, sagte Ernest Michel, Ehrenvorsitzender der American Gathering of Jewish Holocaust Survivors and Their Descendants (Amerikanischer Zusammenschluss jüdischer Holocaustüberlebender und ihrer Nachfahren) kürzlich auf einer Pressekonferenz. Vierzehn Jahre diskreter Verhandlungen hätten sich als fruchtlos erwiesen. „Es hat keinen Sinn mehr, sich weiterhin zu treffen.“
Vertreter der Mormonen reagierten überrascht auf die Entscheidung der American Gathering. Die Kirche habe ihre Zusage eingehalten, mit der Taufe von Holocaustüberlebenden aufzuhören und be‐ kannt gewordene Namen von Betroffenen aus ihrer Datenbank entfernt. Offen sei einzig noch die Frage nach einer optimalen Vorgehensweise gewesen. „Wir empfinden die Gefühle aller Juden, was den Holocaust betrifft, in ihrer ganzen Tiefe nach“, so ein Kirchenvertreter.
Was die Holocaustüberlebenden in Unruhe versetzt, ist der Glaube der Mormonen, Menschen könnten auch nach ihrem Tod die Taufe empfangen. Gemäß der kirchlichen Politik sollen Mitglieder allerdings nur die Namen ihrer Verwandten vorschlagen, doch zu überprüfen ist dies schwer. Die Kirche hat sich zu einer weltweit führenden Institution auf dem Gebiet der Genealogie entwickelt und hilft vielen bei der Ahnenforschung.
Im Jahr 1995 erklärte sich die Mormonen‐Kirche damit einverstanden, die Namen von Holocaustopfern aus ihrer Datenbank, dem Internationalen Genealogischen Index (IGI), zu entfernen – eine vorübergehende Aussetzung kirchlicher Praxis, wie die Kirche betont, zu der es nur selten komme und die allein aufgrund der einzigartigen Natur des Holocaust und aus Rücksicht auf die Sensibilität der Überlebenden beschlossen wurde.
Michel behauptet jedoch, dass weiterhin Taufen durchgeführt und laufend neue Namen in die Datenbank eingepflegt werden. Allerdings erkennt er die Schwierigkeiten der Kirchenleitung an, neue Eingaben dieser Art zu verhindern. Laut An‐ gaben der Kirche reichen die Mitglieder jeden Tag 30.000 neue Namen ein; da sei mit missbräuchlichen Anträgen immer zu rechnen. Derzeit werde ein neues Programm entwickelt, das es erleichtern soll, in Anträgen Namen von Schoaopfern zu markieren, für die keine Mormonen‐Rituale ausgeführt werden dürfen.
Führende Vertreter der jüdischen Gemeinde zögern, sich hinter Michels Kampagne zu stellen. In einer Zeit zunehmender Probleme an vielen Fronten sollten die internen Praktiken einer anderen religiösen Gruppe – so befremdlich sie auch seien – auf der jüdischen Tagesordnung nicht an oberster Stelle stehen. Rabbi Eric Yoffie, Präsident der Union for Reform Judaism, bestätigt, dass Michel ihn um Unterstützung gebeten hat. „Doch wir haben zurzeit mit einer ganzen Reihe anderer Probleme zu kämpfen.“
Michel hingegen, der Wert auf die Feststellung legt, dass seine Verhandlungen mit den Mormonen stets höflich und respektvoll gewesen seien, erklärt, die Praxis sei für Schoaüberlebende sehr schmerzlich. Überdies befürchte er, dass eines Tages Holocaustleugner Gebrauch von den Aufzeichnungen der Mormonen machen könnten. „Wer kann mir garantieren, dass in hunbert Jahren meine Mutter und mein Vater, die als Juden von Hitler abgeschlachtet wurden, nicht als mormonische Opfer des Holocausts gelten werden?“

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