Tora

Gottes Tiergarten

von Israel Rosenson

Im Segen, den Jakob seinen Söhnen erteilt, vergleicht er einige von ihnen mit verschiedenen Tieren. Aus der ursprünglichen Bedeutung dieser Metaphern entwickelten sich allgemeingültige Symbole. Sie sind schon längst zu festen Motiven des Judentums geworden. Wir finden sie auf den Vorhängeren und Torarollen, Synagogen‐ und Grabsteinkunst. Sie hängen sehr eng mit der Identität des jeweiligen Stammes zusammen und begleiteten die Stämme durch die ganze biblische Geschichte. Symbol und Stamm sind miteinander verschmolzen und eins geworden.
So heißt es in einem Midrasch zu den Fahnen der einzelnen Stämme (Bamidbar Rabbah 2,): „Jeder Stammesfürst besaß ein Zeichen, jeder eine Flagge in der Farbe der Edelsteine, die Aaron über seinem Herzen trug.“ Jede Stammesgruppe besaß ein eigenes, deutlich sichtbares Symbol. Hinter diesen Symbolen verbirgt sich indes die Geschichte ihrer Entstehung und Entwicklung.
In einigen Auslegungen betonen die Weisen die metaphorische Sicht der Stämme als Tiere (Schemot Rabbah 1,16): „Dieses Volk wurde mit wilden Tieren verglichen. So wird Juda mit dem Bild des Löwen charakterisiert, Dan mit einer Schlange; Naphtali ist eine Hündin, Issachar wird mit einem Esel verglichen. Joseph ist ein Stier und Benjamin wird als ein Wolf dargestellt.
In einer Welt, die der Natur nicht entfremdet ist, können lebendige Geschöpfe ohne Zweifel ausgezeichnete visuelle Symbole abgeben. Diejenigen Stämme, die mit bestimmten Tieren in Verbindung gebracht werden, dienen als Vorbild für die anderen Stämme, und mit Hilfe eines letzten Verses aus dem Buch Ezechiel lässt sich ein zoologisches Mosaik für ganz Israel gewinnen.
Unter den mit den Stämmen in Verbindung gebrachten Tieren ragen zwei besonders hervor, nämlich der Löwe und der Ochse. Wie es in Bamidbar Rabbah heißt: „Juda … sein Bild ist wie der Himmel, ein Löwe darauf gemalt … Joseph … und auf der Fahne Ephraims war das Bild eines Ochsen … und auf der Flagge des Stammes Manesse war ein wilder Ochse zu sehen.“ Der wilde Ochse wurde wahrscheinlich mit aufgenommen, weil es im Stamme Josephs eine innere Spaltung gab.
Ein ganz anderes Bild ergibt sich aus Parashat Wesot HaBeracha. Hier wird Joseph mit einem Stier verglichen (5. Buch Moses, 33, 17). Hier ist nun nicht Juda der Löwe, sondern Dan: „Dan ist ein junger Leu“ (33, 22). Der obige Midrasch bezieht seine Bilder von Löwe und Ochse aus verschiedenen Stellen der Tora und stellt diese einander in den Stämmen Judas und Josephs gegenüber. Die Worte „Schur“ ( Wand oder Mauer, aber auch die Buchstaben des Wortes Schor: ‘Stier’) und „Abir“ (Stier), die in Bezug auf Joseph gebraucht werden, könnten zur Prägung des Midrasch über Joseph als Stier beigetragen haben.
Die Idee, Löwe und Stier aus ihrem Kontext herauszunehmen und einander gegenüberzustellen, könnte auf ihre Gegensätzlichkeit zurückgehen, wie sie an mehreren Stellen in der Bibel betont wird. Die Zukunft soll Frieden zwischen ihnen bringen: „und Kalb und Bestie mit dem Hochrind beieinander … der Löwe frisst dem Rind gleich Stroh“ (Jes. 11, 6–7). Ein solches Bild soll auch im Tempel hängen: „Und auf den Füllleisten zwischen den Eckleisten waren Löwen, Rinder und Kerubim, und auf den Eckleisten oben war ein Untersatz, und unterhalb der Löwen und der Rinder Kränze, als Gehänge gemacht.“ (I. Könige, 7, 29)
Im Landleben und in den heidnischen Religionen der Antike stand der Ochse zwar schon für große Stärke und galt als ausgesprochen gefährlich. Und dennoch stand immer fest, wie die Machtverhältnisse in Wahrheit aussahen: Der Ochse war es, der schließlich Beute wurde. Der Gegensatz zwischen Ochse und Löwe ist auch bedeutsam. In Ezechiels Beschreibung des göttlichen Streitwagens nehmen beide gegensätzliche Positionen ein: „Die Gestaltung ihrer Gesichter aber war: ein Menschengesicht, ein Löwengesicht zur Rechten bei den vieren, ein Stiergesicht zur Linken bei den vieren und ein Adlergesicht bei den vieren.” (Ezechiel 1, 10) Ganz früh nahmen auch Joseph und Juda einander entgegengesetzte Positionen ein: „Und die gen Osten, nach Sonnenaufgang Lagernden: Die Heeresgruppe des Lagers Juda nach ihren Scharen …“ (4. Buch Moses, 2, 3). „Die Heeresgruppe des Lagers Efraim, nach ihren Heerscharen gen Westen …“ (2, 18).
Zusammengefasst: Im Tempelzubehör, am Ende aller Tage und in der Schau Gottes hinderte das Bewusstsein der gegensätzlichen Natur von Ochse und Löwe keineswegs, dass sie gemeinsam in eine harmonische Ordnung eingegliedert werden konnten. Was Juda und Joseph angeht, so waren sie in vergleichbarer Weise in die Heeresordnung der Wüste eingegliedert.
Ochse und Löwe stehen symbolisch für die inneren Kräfte des jüdischen Volkes, die unaufhörlich miteinander hadern. Und es gibt an inneren Auseinandersetzungen in der jüdischen Geschichte keinen Mangel.
Der wohl größte aschkenasische liturgische Dichter des Mittelalters, Simeon bar Isaac, schrieb für die Zehn Tage der Reue ein Gedicht, in dem er einen Thron beschreibt. Die Seiten des Thrones zeigten Bilder eines Löwen und eines Ochsen, Motive, die auch in Ezechiels Beschreibung des göttlichen Streitwagens erscheinen (und zwar mit einer auffälligen Vertauschung der Reihenfolge: Mensch und Adler zuletzt): „gemeißelt in den Thron ein Löwe zur Rechten“. Das Gedicht fährt dann mit einem Gebet für die Wiederherstellung der Dynastie Davids fort: „Wiedereinsetzung der Linie des jungen Löwen“, und bringt das Bild eines Ochsen ins Spiel: „Wiederherstellung der Glorie des erstgeborenen Ochsen“.
Die einzige Lösung, die die Weisen sehen um diese Auseinandersetzungen zwichen den Stämmen zu beenden, ist jedenfalls messianisch. Mehrere Prophezeihun‐ ge versprechen, dass die Erlösung von einem Nachfahren Josephs und einem Nachfahren Davids gipfelt. Beide sind in diesen messianischen Gedanken eingeschlossen. Die Harmonie zwischen den Gegensätzen erreicht ihre größte Tiefe, in der diese Kräfte, die sich auf Erden bekämpfen, ihre Kräfte bündeln, um den Heiligen, gesegnet sei Er, um Israels Willen zu dienen.

Wajechi: 1. Buch Moses 47,28 bis 50,26

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Fakultät für Jüdische Studien, www.biu.ac

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