Limmud am Werbellinsee

Gott und die Welt

von Stefan Wirner

Iris hat es sich auf einer Bank bequem gemacht und blinzelt in die Maisonne. »Ich bekomme hier ein richtiges Familiengefühl«, sagt die junge Frau aus Wien. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe«, fügt sie lächelnd an.
An den Tischen auf der Terrasse sitzen junge und alte Menschen, sie sprechen deutsch, französisch, englisch oder russisch, es geht um Gott und die Welt. Es sind Teilnehmer des zweiten deutschen Limmud-Festivals, das vom 30. April bis zum 3. Mai am Werbellinsee nördlich von Berlin stattfand. Limmud heißt lernen, und etwas zu lernen oder andere etwas zu lehren, ist das Ziel dieses Treffens von Juden aus ganz Europa. Begründet wurde die Limmud-Tradition vor rund 30 Jahren in England, aber auch in Deutschland sind die Treffen beliebt. Mehr als 450 Menschen sind gekommen, viele von ihnen bieten selbst Workshops an oder halten Vorträge.
Das Programm reicht von Podiumsdiskussionen zu Themen wie »Juden in Europa« oder »Halacha und Gemeindemitgliedschaft« über kulturelle Vorträge zu Franz Kafka oder Woody Allen bis hin zu praktischen Tipps für junge jüdische Berufstätige. Jeder, der kann, leistet einen Beitrag oder hilft mit bei der Organisation.
Ruth Ouazana etwa ist aus Paris angereist. Sie liebt den »Limmud-Spirit«, wie sie sagt. In Frankreich hat die Kommunikationsmanagerin ein solches Lerntreffen bereits mit organisiert, nun ist sie zum ersten Mal in Deutschland dabei. »Es ist wunderbar, sich mit Leuten aus aller Welt auszutauschen«, sagt sie und gesteht, dass sie sehr neugierig auf die deutschen Juden gewesen sei und war überrascht. »Ich sprach mit jemandem aus der Duisburger Gemeinde und habe festgestellt, dass er genauso über das Jüdische denkt wie ich. Wir wollen die Gemeinden erneuern, damit die Leute stolz darauf sind, jüdisch zu sein.«
Viele, die an den Werbellinsee gekommen sind, betonen die Gemeinsamkeiten egal ob es sich um orthodoxe oder säkulare Juden handelt. Jeder soll sich während seines Aufenthalts so verhalten können, wie es seine Glaubensrichtung entspricht. An allen öffentlichen Orten werden Schabbat und Kaschrut eingehalten. Ausgenommen ist ein Teil der Terrasse, um das Oliver, ein gebürtiger Amerikaner, der in Berlin lebt, und Yossi, ein junger Mann aus London, einen Eruv, einen Schabbatzaun, spannen. Hierin finden die Schabbat-Regelungen keine Anwendung.
»Limmud soll Juden die Möglichkeit geben, einen Schritt weiterzukommen, egal in welche Richtung sie gehen«, erzählt Toby Axelrod. Sie ist Vorsitzende des Limmud Vereins, lebt seit 1997 in Deutschland und arbeitet unter anderem als Korrespondentin für die Jewish Telegraph Agency. Sich austauschen und voneinander lernen – auch Ruven Schickler aus München findet das »fantastisch«. Ihn begeistert »das Angebot an Wissen«, das das Programm enthält, betont der 70-Jährige.
Salomon Schulmann findet es »sehr inspirierend, hier zu diskutieren«. Er ist der erste Jiddisch-Lehrer Skandinaviens. Seit einem Jahr unterrichtet er das Fach im schwedischen Lund. Auf dem Lernfest beeindruckt den Mediziner mit dem mächtigen weißen Bart die große Anzahl osteuropäischer Juden. »Diese Menschen haben ganz andere Erfahrungen gemacht als wir.«
Mariya Kats etwa kommt aus der Ukraine und lebt in Düsseldorf. Limmud liege die Idee ihres Lebens zugrunde: »Immer lernen und anderen etwas beibringen.« Zusammen mit Dariya Itunina engagiert sie sich im Kinderprogramm. Dariyas Familie stammt aus Usbekistan, heute lebt die Sozialpädagogin in Mühlheim an der Ruhr. »Limmud ist eine einzigartige Möglichkeit, Menschen kennenzulernen«, sagt sie.
Ganz andere Erfahrungen bringt das Ehepaar Richter mit. Jeremiah und Anneka stammen aus den neuen Bundesländern, Mitte der 90er-Jahre sind sie nach Schweden ausgewandert. Sie sind »positiv überrascht« von der guten Stimmung und Herzlichkeit, die auf dem Treffen vorherrschen.
Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süskind, betont auf der Podiumsdiskussion zum Thema »Juden in Europa«, wie wichtig die Neuankömmlinge aus den Ländern der GUS für die Gemeinden seien. Nicht zuletzt ihretwegen zeigten sich in Deutschland wieder »die verschiedenen Facetten jüdischen Lebens«, betont sie.
Auch andere Prominente finden den Weg an den Werbellinsee, wie etwa der Gelehrte Adin Steinsaltz, der Musiker André Herzberg oder Ilan Mor, der israelische Gesandte in Deutschland. Der Publizist Micha Brumlik findet das Treffen »großartig« und kann sich einen kleinen Seitenhieb auf den Zentralrat nicht verkneifen: »Wenn ich die Jugendveranstaltungen des Zentralrats so sehe, muss ich sagen: Das hier ist eine Basisveranstaltung.«
Ein Höhepunkt am Sonntag ist die Veranstaltung mit dem Comedian Oliver Po- lak, der behauptet: »Ich bin Jude, ich darf das«. Er liest seine neuen Texte, die den Zuhörern die Tränen in die Augen treiben. Und dann kommt schon wieder der Ab-schied – herzlich und rührend. Sicher ist: Man sieht sich. Vielleicht am 21. Mai beim Mini-Limmud in München oder auf einem Limmud irgendwo anders in der Welt.
www.limmud.de

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