Zuwanderer

Goldener Westen

von Marina Maisel

Eine alte Bauernregel besagt: »Ostwind bringt Heuwetter«. Kommt der Wind aus Osteuropa, bringt er im Sommer trockene und warme Luft, in der sich keine Regenwolken bilden können. Ideales Wetter also zum Heu machen. Dieses meteorologische Phänomen nahm die Gesprächsrunde in der IKG Ende Juli als Bild für die Situation der Zuwanderung. In ihrer letzten Veranstaltung vor den großen Ferien: »Neuer Wind – die Zuwanderung aus Osteuropa. Erwartungen und Herausforderungen«, diskutierte Ellen Presser im Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München mit Olga Mannheimer, Lena Gorelik und Sergey Lagodinsky.
Als einen Abend der Theorie und Praxis hatte Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums der IKG, diese Veranstaltung angekündigt, die auch Thema der Münchner Sommeruniversität in diesem Jahr war. Vor allem die junge Generation sollte diesmal zu Wort kommen. »Heute sprechen jüngere Leute, weil wir nicht nur einen Blick zurück werfen müssen, sondern auch schauen, was kommen wird«, sagte Ellen Presser. Als Vertreter dieser jüngeren Generation stellte sie ihre Gäste auf dem Podium vor.
Eine »echte Migrantin« sei die Schriftstellerin Lena Gorelik, die 1981 in Sankt Petersburg geboren wurde, sagte die Leiterin des Kulturzentrums. 1992 war sie mit den Eltern nach Deutschland emigriert. Als Autorin der Bücher Weiße Nächte und Hochzeit in Jerusalem ist sie inzwischen einem größeren Publikum bekannt.
Auch Sergey Lagodinsky, der 1993 nach Deutschland kam, gehört dieser jungen Zuwanderergeneration an. Der 1975 in Astrachan an der Wolga geborene Rechtswissenschaftler und Publizist berät unter anderem das Berliner Büro des American Jewish Committee. Außerdem arbeitet er für verschiedene deutsche Zeitungen und den Rundfunk.
Olga Mannheimer emigierte 1969 als 10‐jähriges Mädchen zunächst nach Frankreich und lebt seit 1972 in Deutschland. Hier hat sie sich als Publizistin und Dolmetscherin einen Namen gemacht und trat zuletzt als Herausgeberin der Anthologie Neue jüdische Prosa an die Öffentlichkeit.
Im jüdischen Leben Deutschlands habe es schon häufiger diesen »Wind« aus Osteuropa gegeben, betonte Ellen Presser. Eine erste große Auswanderungswelle habe es Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als Juden aus dem Zarenreich vor den Pogromen nach Westen flohen. Ende der 60er‐Jahre wurden 30.000 bis 40.000 Juden als »Agenten des zionistischen Expansionismus« aus Polen, wie es die damals selbst betroffene Olga Mannheimer formulierte, rigoros vertrieben.
Die jüngste Emigrationswelle gab es in den 90er‐Jahren mit den sogenannten Kontingentsflüchtlingen, zu denen auch Lena Gorelik und Sergey Lagodinsky gehören. »Familienzusammenführung und die Zukunft der eigenen Kinder« sind für den jungen Publizisten die beiden wichtigsten Gründe für die Emigration.
Die Umstände ihrer Zuwanderung waren für die Podiumsgäste ganz unterschiedlich. Im Pass vom Sergeys Vater Wjatscheslav Lagodinsky zum Beispiel wurde in der bekannten »fünften Zeile«, der Spalte in den ehemaligen sowjetischen Pässen, in der die Nationalität vermerkt wurde, Russe und nicht Jude eingetragen. »Dann ist mein Vater zurückgegangen und hat gesagt, dass dort Jude stehen soll. Denn er fühlte sich in seiner Nationalität als Jude«, erinnert sich der Sohn.
Lena Gorelik dagegen betrachtete es als »nichts Gutes«, als sie im Alter von sieben Jahren von ihrem Vater das erste Mal hörte, dass sie jüdisch seien. Als sie das dem Vater erzählte, erklärte der ihr: »Es ist etwas Gutes – aber du darfst es deinen Freunden nicht sagen.« In Deutschland durfte sie es, hier besuchte Lena Gorelik schon bald den jüdischen Religionsunterricht. »Ich habe begriffen, dass Judentum nicht nur eine Volkszugehörigkeit meint, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer Religion.«
Sie meinte, es sei eine Frage der Generation, ob sich die Zuwanderer mit dem Judentum identifizierten oder nicht. Denn »diejenigen, die heute einwandern, die kennen es anders. Die fahren auch in Russland ins Machane, gehen zum Religionsunterricht und besuchen jüdische Schulen«.
Olga Mannheimer hingegen wurde in der Schule mehr als Russin denn als Jüdin diskriminiert. Vielleicht kam es wegen des Akzents, den sie damals noch hatte, vermutet sie heute. Inzwischen aber spricht sie so perfekt Deutsch, Polnisch, Französisch und Englisch, dass es kaum noch zu erkennen ist, welche Sprache ihre Muttersprache ist.
Gerade wegen der unüberhörbaren Aussprache würden auch heute noch die Zuwanderer aus Osteuropa als Immigranten, Einwanderer und Fremde wahrgenommen. Sergey Lagodinsky, der selber nahezu akzentfrei Deutsch spricht, fordert die Zuwanderer auf, mit der eigenen Sprachfähigkeit sehr selbstbewusst umzugehen.
Aber auch die Vorstellung von der zukünftigen Heimat Deutschland sei sehr träumerisch gewesen, gesteht Lena Gorelik. Sie habe sich immer gedacht, »dass die Straßen hier in Deutschland mit Seife gewaschen werden«. Ähnlich hielt sich das Klischee, dass es in Deutschland besonders sauber sei und die Deutschen überaus pünktlich. »Wie in einem Märchenland«, – scherzt Lena Gorelik und vermutet, dass diese übertriebenen Hoffnungen mit der knappen Versorgung und den unsicheren Lebensverhältnissen 1992 in Russland zu tun hatten. »Solche Vorstellungen, dass es irgendwo alles gibt, waren genauso utopisch wie die, dass hier die Straßen mit Seife gewaschen werden«, sagte die Schriftstellerin.
Die Wunschvorstellungen von einst sind heute einer positiven Einstellung gewichen. Eine ganz neue Generation von Kindern und Jugendlichen wächst heran, die keine sprachlichen Barrieren kennt. Auf die Frage, wo er denn geboren sei, in Russland oder in Deutschland, sagte ein kleiner Junge zu Lena Gorelik »im Krankenhaus«. »Das ist die Zukunft.«
Die Münchner Klesmer Jazz‐Band »Simcha« sorgte schließlich für einen harmonischen Ausklang des Abends mit jüdischer Musik, der das angeregte deutsche und russische Gespräch im Saal verband.

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