Leon de Winter

„Gojischer als die Gojim“

Recht und Gesetz sind ein faszinierendes Phänomen. Dem Gesetz nach dürfen Hajo Meyer und sein Verleger Abraham Melzer nicht des Antisemitismus beschuldigt werden. Es gibt allerlei rechtliche Bestimmungen über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit öffentlicher Qualifizierungen von Menschen. Daneben aber haben wir unsere Alltagswelt, in der wir manches anders deuten und empfinden, als es uns die kühlen Regeln des Gesetzes erlauben.
Ein Autor wie Henryk M. Broder geht in seiner Arbeit immer bis zum Äußersten. Er betreibt eine Form der literarischen Polemik, die im deutschen Sprachraum einzigartig ist, und setzt damit eine jüdische literarische Tradition aus der Vorkriegszeit fort, die darin besteht, unaufhörlich anzugreifen, zu ironisieren und zu verspotten. Bei Erscheinungen, die er als antijüdisch oder antisemitisch oder antiisraelisch empfindet, fährt er seine schwersten Geschütze auf, und die sind nicht ohne. Drei deutsche Richter – o Ironie! – haben sich jetzt über die Frage ausgelassen, ob ein Jude den anderen Juden Antisemit nennen darf.
Ich teile Broders Mißbehagen über Figuren wie Hajo Meyer. Meyer hat im fortgeschrittenen Alter eine neue Laufbahn als Holocaustüberlebender eingeschlagen und es damit zu Popularität bei extremen Gruppierungen gebracht. Seine Äußerungen zeugen von einem krankhaften Bedürfnis nach Aufmerksamkeit für seine vermeintliche moralische Überlegenheit, denn letztere bezieht er aus seinem Aufenthalt in den Vernichtungslagern. Meyer behauptet in seinen Texten, er habe aus diesem Aufenthalt gelernt, und er wirft Juden und Israel vor, sie würden solches nicht in die Praxis umsetzen.
In meiner Alltagswelt, also nicht der Welt des deutschen Rechts, ist offensichtlich, daß Hajo Meyer und sein Verleger von extremem Haß auf Israel getrieben werden. Sie haben sich in das Schicksal der Palästinenser verbissen und jeden Zusammenhang aus dem Blick verloren. Sie stellen Anforderungen an Israel, denen kein Land im Nahen Osten nachkommen könnte, auch Israel nicht. Sie werfen Israel und den Juden vor, die Erinnerung an die Schoa zu mißbrauchen, sie werfen Israel moralische Erpressung vor. Sie behaupten, von Antisemitismus in der Welt könne keine Rede sein, und falls doch, dann durch Israels Verschulden.
„Die echte, anfängliche Ursache, die primissima causa des Antisemitismus liegt im Judentum selbst. Als Grundlage des Judentums dienten unter anderem strenge Speise‐ und Verhaltensgesetze. In einer Welt, in der die Gastfreiheit mit der Komponente des Anbietens und Annehmens von Speisen und Geschenken wahrscheinlich zu den wichtigsten zwischenmenschlichen Tugenden gehörte, mußte das Verhalten, das die Gesetze der Juden mit sich brachte, häufig Irritation und sogar Aggression wekken“, schreibt Hajo Meyer. Über die Kritik an Israel und alle beabsichtigten oder nicht beabsichtigten antizionistischen Bemerkungen hinaus, die Meyer schon seit Jahren macht, zeugt dieser Absatz von einem kranken Geist, der den Juden vorwirft, sie seien selbst Auslöser für den Haß, den manche gegen sie hegen. Fakten hin oder her, Meyer wollte unbedingt eine Ursache für den Antisemitismus finden, der bei den Juden selbst liegt, denn sonst hätte er nicht die Stellung einnehmen können, die er jetzt einnimmt: die des Sehenden, des Post‐Schoa‐Propheten, der das Volk warnt. Meyer leidet am Propheten‐Syndrom – wären die Juden nicht selber schuld an ihrem Unglück, wäre sein Lageraufenthalt sinnlos gewesen und sein Leben hätte auf die alten Tage nicht die Intensität, die es jetzt hat.
Lesen Sie sich den zitierten Absatz noch einmal genau durch und machen Sie sich den Wahnsinn bewußt: Der Autor ist ein betagter Jude, der als Kind durch die Hölle gegangen ist und darin die Legitimation dafür gefunden hat, den ärgerlichsten Blödsinn in die Welt hinauszuschleudern. Dieser Absatz taugt nichts, die scheinbar histo‐ rische Beobachtung wird von keiner einzigen verläßlichen wissenschaftlichen Studie gestützt. Das ist verworrenes Zeug eines ängstlichen Mannes, der sich bei Menschen einschmeicheln möchte, die ihn schlagen oder verfolgen könnten, weil er womöglich andere Ernährungsgewohnheiten hat.
Unterschätzen Sie seine Popularität bei links‐ und rechtsextremistischen Gruppen nicht. Für die meisten Juden ist er ein eklatantes Beispiel für jüdischen Selbsthaß und darin keineswegs einzigartig, doch bei Leuten, die der Meinung sind, daß Israel weg muß, findet er begeisterten Anklang.
Leider strotzt die jüdische Geschichte von solchen jüdischen Selbsthassern, Menschen, die die jüdische Tradition nicht mehr ertragen können und gojischer sein wollen als die Gojim, indem sie sich wie erhabene, heilige jüdische Lehrmeister aufführen.
Meyer ist in den jüdischen Niederlanden eine umstrittene Randfigur, aber er findet Aufmerksamkeit, weil er sich radikal über Israel und Juden äußert, und da es Nichtjuden gibt, die sich darüber im klaren sind, daß sie derlei nach 1945 nicht selbst tun können, ist er der willkommene Alibi‐Jude, den man vorschieben kann, der Jude, der Juden jüdischer macht, als sie es in den Augen von Antizionisten und Antisemiten, auf deren Websites Meyer gern zitiert wird, ohnehin schon sind.
Meyer beschränkt sich nicht auf Kritik an Israel. Er kritisiert Art und Intention des Judentums, in dem, wie er selbst schreibt, die primissima causa des Antisemitismus zu suchen ist. Meyer behauptet, im Judentum selbst liege der Keim zum Antisemitismus. Das tun auch Antisemiten (mit dieser Äußerung bewege ich mich, glaube ich, am Rande des nach deutschem Recht Zulässigen). Durch die Abgrenzung der eigenen ethnisch‐tribalen Werte, so Meyers These, haben die Juden in einer Welt, die offen und gastfreundlich war, die Regeln verletzt, und deswegen werden sie gehaßt.
Ohne diese Abgrenzung würde die Welt anders aussehen, hätte sich das Judentum längst aufgelöst, und das ist es vermutlich, worum es Meyer geht: Er möchte die Bürde, Jude zu sein, nicht länger tragen, möchte nicht diese lange, unbequeme Tradition fortsetzen, diese Tradition des sozialen Außenseiters, des Fragenstellers, des Querkopfs und Revolutionärs, all jener Eigenschaften, die Juden im Laufe der Jahrhun‐ derte verfeinert haben und denen das jüdische Volk seine bemerkenswerte Vitalität und Dynamik verdankt.
Ich glaube, daß die Speisegesetze, die Einteilung der Welt und die Einführung von Geboten und Verboten moderne jüdische Künstler und Wissenschaftler geboren hat. Moderne Bibelwissenschaftler vertreten die Theorie, daß die ersten Hebräer gebürtige Kanaaniten waren, die dann vermutlich Nomadenstämme aufnahmen, welche ihre Mythen über lange Wanderungen – den Auszug aus Ägypten – weitergaben. Diese außerordentliche hebräische mythologische Literatur war es, die die jüdische Tradition am Leben erhalten hat – in Büchern. Es zeugt von einer Böswilligkeit, die an Antisemitismus grenzt (darf ich das sagen, oder würde ein deutscher Richter es mir verbieten?), in dieser Tradition den Keim zu einem virulenten Judenhaß anzusiedeln, wie Meyer es tut.
Meyer wirft Juden vor, sie würden das Leiden anderer bagatellisieren. Ich glaube, das genaue Gegenteil ist der Fall: Verhältnismäßig mehr Juden als Nichtjuden kümmern sich um das Los Armer und Verfolgter in der Welt. Meyer behauptet, daß das „Auftreten der israelischen Armee (…) die Außenwelt in seiner Erbarmungslosigkeit schockiert“. Wir wissen alle, daß Meyer hier die Wirklichkeit verbiegt: Es ist vielmehr schockierend zu sehen, wie erbarmungslos arabische Tyrannen auftreten, wie erbarmungslos zum Beispiel im Sudan Hunderttausende, nein, Millionen von Menschen abgeschlachtet werden, ohne daß sich die Welt darum schert.
Während der zweiten Intifada sind ungefähr 0,6 Palästinenser pro Tag durch israelische Militärgewalt ums Leben gekommen – zum größten Teil handelte es sich dabei um Männer, die selbst Gewalt ausgeübt hatten. Das ist ein Bruchteil der Zahl der Verkehrstoten in den besetzten Gebieten (ja, auch für mich sind diese Regionen „besetztes Gebiet“). Das Leben dort ist karg und ärmlich, genau wie in den Slums von Kairo oder Casablanca. Es herrscht Repression dort, wie anderswo im Nahen Osten.
Soll sich das ändern? Ja. Ich finde, daß Israel diese Gebiete aufgeben und den Palästinensern die Chance geben sollte, eine neue arabische Tyrannei zu errichten. Die Hamas macht jetzt einen Anfang damit.
Ich habe von Hajo Meyer noch kein Wort über den Iran und die schon seit Jahrzehnten betriebene antisemitische Hetze in der gesamten arabisch‐islamischen Welt gehört. Ich glaube, er möchte das nicht zur Kenntnis nehmen, weil diese Erscheinungen sein Weltbild ankratzen. Oder vielleicht denkt Meyer: Daß sich diese Iraner so antisemitisch geben, haben die Juden sich selbst zu verdanken, das kommt durch Israel und durch die Speisegesetze.
Meyer ist eine tragische Figur, eine Figur, die ich mir in einem Roman vorstellen könnte. In Ängste verstrickt und beflügelt von dem Bedürfnis, den Hunger und die Qualen, die er als Kind gekannt hat, in etwas Positives umzumünzen. Er ist jetzt bei Leuten beliebt, die Israel Taten zum Vorwurf machen, die von anderen Ländern in weit schlimmerem Maße begangen werden. Er hat eine Theorie über den Ursprung des Antisemitismus. Er fungiert als Redner bei Zusammenkünften von Israelhassern und hat ein Buch mit dem Titel „Das Ende des Judentums“ geschrieben. Zugleich facht er den Antisemitismus an, indem er Israel vom Nahen Osten abgrenzt und ihm Dinge abverlangt, die er Ägypten oder Syrien nicht abverlangt.
Natürlich tut er damit, was er den Juden vorwirft: Juden abgrenzen und die höchsten Anforderungen an sie stellen, Anforderungen, denen sie nicht nachkommen können, solange der Nahe Osten ist, was er ist, nämlich eine Region voller Unrecht, Leid, religiösem Wahnsinn und Rückständigkeit. Über Eli Wiesel schreibt Meyer mißbilligend: „Er entlehnt seine Autorität der Tatsache, daß er Auschwitz überlebt hat.“ Er wirft Wiesel vor, daß er nichts „über die Kriegsverbrechen, die von Israelis begangen wurden und werden“ gesagt habe.
Ich habe geraume Zeit überlegt, ob ich Meyer provozieren und ihn einen Antisemiten nennen sollte. Ich tue es nicht. Eigentlich habe ich Mitleid mit ihm. Ich überlasse es dem Leser, über ihn zu denken, was er will. Über Gedanken sagt das deutsche Recht nichts. Und ich denke manchmal das, was Henryk M. Broder geschrieben hat und was er qua Richterspruch nicht mehr öffentlich äußern darf.

Aus dem Niederländischen von
Hanni Ehlers

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