Braunschweig

Glücksfall Hinterhof

von Heide Sobotka

„Was für ein Tag!“ Für die Braunschweiger Juden ist dieser Satz am 6. Dezember Ausdruck der Freude und Stoßseufzer zugleich. Endlich wird die Synagoge eingeweiht – nach 224 Tagen Bauzeit. Die Gäste treffen nach und nach ein. Legen ihre Mäntel dort ab, wo sie früher beteten, gehen Richtung Innenhof, wo heute die Synagoge steht und sind überwältigt. „Toll, großartig, einfach schön“, lautet ihr Urteil. Da machen Niedersachsens Justizministerin Elisabeth Heister‐Neumann, Oberbürgermeister Gert Hoffmann und die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen keine Ausnahme.
Und erst die Gemeindemitglieder selber. Liliana Goldstein de Kühne und Jukhim Krasner, stellvertretende Gemeindevorsitzende atmen tief durch, „großartig ist es geworden“. Doch sie erzählen von all dem Staub und Dreck, der monatelang hier herrschte. Die Nerven der Gemeindevorsitzenden Renate Wagner‐Redding lagen so manches Mal blank, wenn die Handwerker nicht in dem vorgegebenen Plan blieben. Wer bekommt die schlechte Laune ab? Die Familie! In diesem Falle war es Renate Wagner‐Reddings Mutter Ruth. Mit einem kleinen Rosenbukett entschuldigt sich die Tochter an diesem Vormittag für ihre Wutausbrüche, und die 200 Gäste quittierten es mit herzlichem Applaus.
Denn hier sind Freunde versammelt, die wissen, wovon Renate Wagner‐Redding spricht, wenn sie den inzwischen berühmt gewordenen Einweihungssatz „Wer ein Haus baut, will bleiben“ umformuliert: „Bleiben möchte ich, aber ein Haus bauen, nie wieder.“ Doch jetzt, wo die Synagoge fertig und gelungen ist, „soll sie ein Ort der Toleranz und Begegnung werden, an dem über Gott und die Welt geredet wird“, wünscht sich die Gemeindevorsitzende.
„Sie bringen uns mit der neuen Synagoge ein Stück Identität zurück, Identität der Stadt Braunschweig und des gesamten Landes Niedersachsen“, bedankt sich Justizministerin Elisabeth Heister‐Neumann für die Einladung zur Einweihung. „Ihre Gemeinde blickt zuversichtlich in die Zukunft. Ich wünsche Ihnen alles Gute, mögen Sie Gemeinde und Land mitprägen.“
„Sie haben mit dem Bau der Synagoge nicht nur Ihrer Gemeinde, sondern unserer Stadt etwas Gutes getan“, wendet sich Oberbürgermeister Gert Hoffmann an den Gemeindevorstand. „Sie haben uns einen Vertrauensvorschuß gegeben, dem wir jetzt gerecht werden müssen.“
Im Namen der Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch wünscht Direktoriumsmitglied Sara‐Ruth Schumann der Braunschweiger Gemeinde für ihre neue Synagoge, „daß von diesem Haus das Wort hin‐ ausgeht in die Stadt und die gesamte Region“. „Ohne dich gäbe es diesen Bau nicht“, lobt Landesverbandsvorsitzender Michael Fürst die Braunschweiger Gemeindevorsitzende. „Die Einweihung einer Synagoge bedeutet, daß wir es ernst meinen.“ Fürst freut sich über die Vielfalt jüdischen Lebens in Niedersachsen, an diesem Tag repräsentiert durch die drei Rabbiner Daniel Alter (Oldenburg), Shimon Großberg (Osnabrück) und Ortsrabbiner Jonah Sievers, die für eine konservative, orthodoxe oder liberale Religionsrichtung stehen.
Rabbiner Jonah Sievers möchte die neue Synagoge mit religiösem Leben erfüllen und erinnert an den Wochenabschnitt der am Schabbat Wajischlach gelesen wird. Er beschreibt das Ringen Jakobs mit Gott. Eine ganze Nacht hindurch streiten sie, am nächsten Morgen verleiht der Herr Jakob den Ehrentitel Israel. „Ich möchte, daß diese Synagoge auch ein Ort des fruchtbaren Streites wird“, wünscht sich Jonah Sievers.
„Ich habe nicht geglaubt, daß die Synagoge soviel Raum, soviel Licht, soviel Klarheit haben würde“, schaut sich der evangelische Landesbischof Friedrich Weber interessiert um. Ein solches Projekt zu vollenden, bedürfe der Geduld, Hoffnung und Gesprächsfähigkeit. Propst Reinhard Heine erinnert sich an anregende Gespräche im Hof der jüdischen Gemeinde, „den Sie jetzt für diesen wundervollen Bau hergegeben haben“.
Dem Architekten Klaus Zugermeier fällt es sichtbar schwer, sich von dem Bau zu trennen. „Ich weiß, an diesem Tag der Einweihung kann ich, ja muß ich loslassen. Das ist nun keine Baustelle mehr.“ Von der ersten Idee, dem Erkennen der Besonderheit dieses Ortes bis zur Entwicklung des Konzepts und Vollendung sei es ein langer gemeinsamer Weg gewesen.
Der Bau war ein Kraftakt für die Braunschweiger Gemeinde, vor allem finanziell. Doch gebaut werden mußte. Für die heute 200 Mitglieder war die Synagoge im Gemeindehaus in der Steinstraße 4 zu klein geworden. 600.000 Euro hat die Synagoge gekostet. 137.000 Euro gab die Stadt, 100.000 Euro der Jüdische Gemeindefonds Nordwestdeutschland, jeweils 30.000 Euro spendeten der Gemeindeaufbaufonds Ost‐West des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Die Hans‐und‐Helga‐Eckensberger‐Stiftung, der Vereinigte Kloster‐ und Studienfonds sowie die Aktion Mensch beteiligten sich an Sachwerten. Einen großen Betrag erbrachten Spenden von Kirchen und Firmen sowie der Richard‐Borek‐Stiftung. 84.000 Euro erbrachte der Verkauf der 1938 Bausteine. Etwa 70.000 Euro leistete die Gemeinde selbst.
Im August 2004 entschloß sich die Gemeinde, einen Umbau zu riskieren. Viel Hilfe kam aus Oldenburg, nicht nur Architekt Zugermeier und der Synagogenchor, der bei der Einweihung auftrat. „Besonders die innenarchitektonischen Tips habe ich Sara‐Ruth Schumann zu verdanken“, sagt Renate Wagner‐Redding. Die Oldenburger Gemeindevorsitzende habe sie bei Design und Farbauswahl für die Bestuhlung, Aron HaKodesch und Bima beraten. Die Ausführung übernahm eine Kunsthandwerksfirma ebenfalls aus Oldenburg.
Jetzt ist es geschafft. „Was für ein Tag!“ Beendet wurde er mit einem Konzert der Berliner Kantorin Avitall Gerstetter.

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