Villa Tugendhat

Glas, Stahl und Ärger

von Kilian Kirchgessner

Was die da oben reden, interessiert Mirek Charvát herzlich wenig. Er gehört hier unten hin, in die Katakomben, wo früher nur die Dienstboten etwas zu suchen hatten. Hausmeister ist er, und der Keller unter der Villa Tugendhat ist für ihn ein Logenplatz. Was mit dem Gebäude wirklich los ist, das kriegt er von hier aus am besten mit. »Den Rohrbruch hier habe ich gerade in diesem Winter repariert«, sagt er und zeigt auf eine nasse Stelle an der Wand. Irgendwo dahinter läuft die Wasserleitung. Sie ist marode wie so vieles in diesem Haus.
Oben im Erdgeschoss geht es hektisch zu. Es ist ein großer Tag: Jeden Moment muss sie kommen, die Dame des Hauses. Die riesige Fensterfront ist frisch gewienert, durch sie hindurch schweift der Blick vom Salon aus ins saftige Grün des Gartens und weiter runter ins Tal. Dort formen die Kirchtürme von Brünn in der Mittagssonne eine prächtige Kulisse, auf dem Hügel hinter dem flachen Talkessel thront die Festung Spielberg. Vor ziemlich genau 80 Jahren stand an dieser Stelle ein Mann namens Ludwig Mies van der Rohe, damals sagte der Name noch niemandem etwas. Architekt war er und hatte den Kopf voller Ideen, wie ein neues, kreatives Design auszusehen hat. »Die Einfachheit der Konstruktion und die Reinheit des Materials werden zu den Pfeilern der neuen Schönheit«, schrieb er damals. Hier, an dem sanften Hang über der Stadt Brünn, wollte er der Welt diese revolutionäre Ästhetik zum ersten Mal vorführen. Aus Glas und Stahl baute er seine Vision, 1.200 Quadratmeter groß, dicht an den Hügel geduckt und perfekt durchdacht bis ins kleinste Detail. Sogar die Teppiche entwarf Mies van der Rohe selbst, nichts sollte die Klarheit seiner Architektur stören. 1930 übergab er das Haus den Bauherren, im Dezember zog die Industriellen‐Familie Tugendhat ein.
Daniela Hammer‐Tugendhat schenkt all dem Luxus keinen Blick. Gerade ist sie aus Wien eingetroffen, wo sie heute lebt, und wirbelt durch den Wohnbereich. Erst am Fenster bleibt sie stehen, tief atmet sie ein und legt die Hand an die Stirn zum Schutz gegen die blendende Sonne. »Ist das nicht ein herrlicher Blick?« Jetzt erst dreht sie sich um, schaut auf die raumhohe Bibliothek, auf die hellen Sessel mit ihrer leichten Stahlkonstruktion und auf die acht Stühle, die um den ausladenden Esstisch gruppiert sind. »Meine Eltern haben dieses Haus geliebt«, sagt sie. »Sie haben für diese Form der Architektur gelebt.«
Das Leben der Tochter wird jetzt auch von der Villa dominiert. Vor allem Ärger hat das Gebäude ihr gebracht. 60 Jahre alt ist Daniela Hammer‐Tugendhat, an der Universität Wien lehrt sie als Professorin Kunstgeschichte. Wenn sie sich aufregt, spricht sie jedes einzelne Wort in ihrem Wiener Tonfall scharf aus, und Grund zur Aufregung hat sie genug. »Das Haus verkommt und wir können nichts dagegen unternehmen!« Mit ihren Geschwistern kämpft sie dafür, die Villa in eine private Stiftung zu überführen. Seit kommunistischen Tagen gehört das Gebäude der Stadt Brünn, und die sträubt sich dagegen, von ihrem Besitz etwas abzugeben. Für die Restaurierung des Gebäudes fehlt ihr aber auch das Geld, und so passiert seit Jahrzehnten gar nichts.
Vielleicht wäre das Schicksal der Villa Tugendhat eine dieser vielen Geschichten über enteigneten jüdischen Besitz und über die menschlichen Dramen dahinter, vielleicht ginge es um den zähen Rechtsstreit, durch den sich die ehemaligen Besitzer auch in hunderten anderen Restitutionsverfahren kämpfen. Aber in Brünn liegen die Dinge anders, hier geht es um mehr. Seit 2001 gehört die Villa Tugendhat zum Unesco‐Weltkulturerbe. 20.000 Besucher schieben sich pro Jahr durch die Räume, wo sich noch vor zwei Generationen das Familienleben der Tugendhats abgespielt hat, und über die Baupläne Mies van der Rohes sind reihenweise Dissertationen und Bildbände erschienen. Während des Dritten Reiches zeichnete der Flugpionier Willy Messerschmitt hier seine technischen Konstruktionen, im Jahr 1992 besiegelte die tschechoslowakische Staatsführung am runden Esstisch die friedliche Trennung des Landes.
Der Streit um das Gebäude ist in Tschechien deshalb zum Politikum geworden. Das allgemeine Interesse an der Villa ist so groß, sagen die einen, dass sie auch in öffentlichem Besitz bleiben muss. Eine private Stiftung, sagen die anderen, kümmere sich viel besser um das Gebäude und könne endlich die Restaurierung angehen, die seit 15 Jahren immer wieder geplant und seit ebenso langer Zeit immer wieder verschoben wird. »Den Leuten zu erklären, dass es uns nicht um eine persönliche Bereicherung geht, das kostet wahnsinnig viel Kraft«, sagt Daniela Hammer‐Tugendhat. Seit einem halben Jahr kennt fast jeder Tscheche ihr markantes Gesicht mit den strengen Augen und den hoch aufgetürmten Locken. Damals verkündete sie als Sprecherin der Familie, dass die Tugendhats das Gebäude zurückhaben wollen. »Vorher haben wir immer gehofft, dass die Stadt sich endlich um das Haus kümmert.« Diesen Satz hat sie seither dutzende Male wiederholt, auf Pressekonferenzen und vor den laufenden Kameras des tschechischen Fernsehens. Immer wieder sagt sie auch, was die geplante Familienstiftung mit dem Gebäude vorhat: Öffentlich zugänglich werde es bleiben, vorher aber gebe es eine Rekonstruktion. »Damit meine ich nicht eine Renovierung, sondern das genaue Gegenteil: Es geht darum, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen!«
Wie es einmal aussah, ist heute nur noch auf Bildern zu erkennen. Die kostbaren Möbel, die Mies van der Rohe für die Villa entworfen hat, sind im Laufe der Jahre verschwunden, die billigen Kopien sind nur ein schlechter Ersatz. Die Räume aber wirken auch ohne dieses Beiwerk, die Architektur strahlt von ganz alleine. Vor allem im Wohnraum; er misst exakt 223 Quadratmeter, durch die raumhohen Fenster auf zwei Seiten flutet die Sonne hinein. Zum Garten hin lassen sich die riesigen Scheiben auf Knopfdruck komplett versenken, sie fahren in den Keller hinab und heben damit die Grenze zwischen dem Wohnraum und der Natur auf. Das Licht fällt auf eine sieben Zentimeter dünne Onyx‐Wand, die frei im Wohnraum steht. Sie ist der markanteste Blickfang im Haus: Je nach Beleuchtung schimmert der Stein milchig‐weiß oder rötlich, auf seine Umgebung wirft er ein zartes, farbiges Licht. Die Tugendhats haben ihn eigens in einem marrokanischen Steinbruch bestellt, er allein kostete damals so viel wie ein ganzes Einfamilienhaus.
Gespart wurde nirgends, jeder Zentimeter sollte der Gipfel der Exklusivität sein. In der Bibliothek und im Essbereich verbaute Mies van der Rohe Makassar‐Edelholz, den schweren Schreibtisch und die Türen ließ er aus Palisander‐Holz fertigen. Die Bauherren konnten es sich leisten: Grete Tugendhat stammte aus einer der reichsten Familien der florierenden Tschechoslowakei, ihr Mann Fritz hatte es mit eigenen Textil‐Unternehmen selbst zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. Ihre Villa, schätzen Historiker heute, hatte den Gegenwert von zehn stattlichen Mietshäusern.
»Für meine Eltern ging es nicht um ein Prestigeprojekt«, sagt Daniela Hammer‐Tugendhat. Liebhaberei habe sie geleitet, beeindruckt habe das Gebäude in seiner Entstehungszeit sowieso niemanden. Zur Straße hin zeigt es sich beinahe fensterlos, der Eingang liegt versteckt hinter einer gewölbten Wand. Die Wirkung auf die Nachbarn, sagt Hammer‐Tugendhat, war verheerend: »Die haben ernsthaft gedacht, meine Eltern hätten in dieser Lage eine Fabrik aufgebaut!« Dass ein Haus von innen nach außen gebaut wird, dass ein wohlhabender Besitzer sein Geld nicht in einer prächtig geschmückten Fassade zur Schau stellt, das war damals undenkbar.
Daniela Hammer‐Tugendhat selbst hat nie in den Kinderzimmern auf der obersten Etage gewohnt. Ihre älteren Geschwister aber sind hier aufgewachsen, von ihren Zimmern aus konnten sie auf die große Dachterrasse schlüpfen, die an dieser Stelle mit hohen Rankgerüsten überspannt ist. »Mein Vater war davon überzeugt, dass die Kinder zu anderen Menschen würden, wenn sie in so einer Architektur aufwachsen«, erinnert sie sich.
Stattdessen verließ die Familie 1938 Hals über Kopf ihre Heimatstadt, Hitler zog triumphal in den Sudetengebieten ein, und die Tschechoslowakei war kein sicheres Land mehr für Juden. In der Schweiz fanden die Tugendhats Zuflucht, später wanderten sie weiter nach Venezuela. Hier kam Daniela zur Welt, in ihrer Kindheit streiften sie die Geschichten von der Heimat im unvorstellbar fernen Brünn und von der Villa so wie eine unwirkliche Fantasie. Erst als sie dann nach der Wende das Haus ihrer Eltern besuchte, holte sie die Vergangenheit mit aller Brutalität wieder ein. Neben ihrer älteren Schwester Hannah stand sie während einer öffentlichen Besichtigungstour in deren früherem Kinderzimmer. Die Sonne fiel durch die hohen Fenster, unten im Tal glänzten die Dächer und auf dem Hang gegenüber erhob sich die Brünner Burg. Alles war so wie immer, und Hannah standen die Tränen in den Augen. Versonnen ging sie zur Balkontür, schob den Vorhang zur Seite und wollte heraustreten auf den Balkon, auf dem früher ihr Sandkasten stand. Da packte sie eine Hand von hinten an der Schulter; es war der diensthabende Wachmann, der sie auf Tschechisch anbrüllte, was ihr denn da einfalle, einfach etwas anzufassen. »In dem Moment wurde mir schwarz vor Augen«, sagt Daniela Hammer‐Tugendhat, die machtlos daneben stand. »Es war, als würden wir zum zweiten Mal vertrieben.«
Jetzt will sie so schnell nicht mehr gehen. Sie hat Angst, dass sie den Familienbesitz endgültig verliert, wenn sie das entscheidende Gefecht um die Restitution nicht bis zum Ende durchsteht. Der Zustand des Gebäudes ist bedenklich, der Hausmeister Mirek Charvát alleine kommt gegen den Verfall nicht mehr an. Unermüdlich werkelt er im Keller des Gebäudes, es ist zu seiner Leidenschaft geworden. Fast alles hat er ganz alleine wieder zum Laufen gebracht, alle diese technischen Wunderwerke, die in den Jahrzehnten zuvor eingerostet sind, stillgelegt oder ausgeschlachtet wurden. Den Mechanismus, der die großen Fensterscheiben im Wohnzimmer bei gutem Wetter automatisch versenkt, hat er repariert. Die Klimaanlage, die mit einem imposanten Ventilator schon 1930 kalte Luft durch das Haus blies, hält die Räume auch heute wieder angenehm kühl. Sogar der raffinierte Speisen‐Aufzug funktioniert wieder, der vom Lagerraum im Keller über die Küche bis hin zum Elternschlafzimmer im Obergeschoss führt. »Das sind Sachen, die kann ich wieder in Gang bringen«, sagt Mirek Charvát. »Die wirklich großen Reparaturen, die schaffe ich alleine aber nicht. Und Geld wäre sowieso nicht dafür da.« Die größte Sorge macht ihm das Wasser. »Die Leitungen im ganzen Haus sind aus Blei, die halten ungefähr 70 Jahre«, sagt er. Diese Zeit haben die Rohre um fast zehn Jahre überschritten. Auch das Dach muss dringend gerichtet werden. Dass es den nächsten Winter übersteht, darauf will der Hausmeister lieber nicht wetten. Ein Wassereinbruch wäre katastrophal für das Gebäude. So unwägbar der politische Streit um die Villa Tugendhat auch ist, von technischer Seite zumindest sei die Lage klar, sagt Mirek Charvát sarkastisch: »Das Wasser wird seinen Weg schon finden.«

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