Documenta

Giraffe gegen Zionismus

von Jürgen Kiontke

Kassel muss punkten. Nur alle fünf Jahre findet dort die Documenta statt, die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Danach verschwindet die nordhessische Provinzstadt wieder aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit; die einzige andere lokale Attraktion, der Bergpark Wilhelmshöhe mit den Kasseler Wasserspielen im Habichtswald, interessiert niemanden wirklich. 100 Tage hat man dieses Jahr also wieder Zeit, einen Knaller zu produzieren, um die „documenta‐Stadt“, wie Kassel sich seit 1999 offiziell auf städtischem Briefpapier nennen darf, auf der kulturellen Weltkarte zu verankern. Zwar will der künstlerische Leiter der Ausstellung, Roger Buergel, mit skandalträchtigem Kunstbetrieb und Besucherströmen nichts am Hut haben: „Dann hätte ich Knut geklont“ – das Berliner Eisbärenkind, das wie niemand sonst für unsere aktuellen Probleme steht: Polkappenschmelzen, Erderwärmung, Klimawandel.
Knut ist tatsächlich in Schloss Wilhelmshöhe nirgends zu entdecken. Dafür sind unter den 500 Exponaten jede Menge andere Objekte, die gesellschaftliche Relevanz beanspruchen und ein Statement abgeben wollen. Viele von ihnen scheinen nur für diesen einen Zweck gemacht, oft heißt er Globalisierungskritik. Viele dieser Kunstwerke sehen aus, als stammten sie von der Attac‐Theater‐AG in Villingen‐Schwenningen. Ein naiv bemaltes Karussell etwa will uns zum Protest gegen die Weltherrscher anregen, einfallsreiche Samenbeutel uns nachdenken lassen über die Politik des Genkonzerns Monsanto. Was noch fehlt, ist das musikalische Begleitprogramm mit Bono und Herbert Grönemeyer.
Wo so viel guter Wille miteinander konkurriert, müssen Künstler sich schon anstrengen, um die Aufmerksamkeit der Besucher zu erringen. Holocaust zieht im‐ mer. Sonia Abián Rose präsentiert ein Objekt namens „Das Konzentrationslager der Liebe“. Die Kommode wird im Katalog so erklärt: „Ausgehend von ihren Überlegungen zu alltäglichen Machtverhältnissen in Geschlechterbeziehungen führt die Künstlerin männliche Repression vor Augen: im Bordell von Auschwitz. Mit der Verknüpfung von KZ und Liebe wagt sie das Unerhörte: deren Engführung als gleichermaßen rechtsfreie Zonen, in denen es unmöglich ist, Würde zu wahren.“ Auf der zentralen Bildplatte setzt Abián eine erotische Jagd mit Motiven der „Pan und Syrinx“-Gemälde von Rubens, Brueghel und anderen in Szene. Die Restbemalung basiert auf Aquarellen des Auschwitz‐Überlebenden Wladyslaw Siwek. Nochmal der Katalog: „Vor dem Hintergrund der Baracken von Auschwitz I aus der Appellplatzperspektive kippen die meisterlichen Szenerien, oft als neckisches Geplänkel interpretiert, rasch um: in Verfolgung und Vergewaltigung.“ So sieht es aus, das Unerhörte, das die Künstlerin wagt. „Ein exquisites Möbelstück“, belehrt uns Katalogautorin Susanne Jäger. Wer hätte es nicht gern im Wohnzimmer.
Der Höhepunkt an kunstgewerblicher Politik oder politischem Kunstgewerbe ist jedoch – Knut lässt grüßen – ein Tier: Eine ausgestopfte Giraffe aus der einzigen palästinensischen Stadt, die einen Zoo ihr Eigen nennt, Qalqiliya. „Brownie“, wie der Knut von Kassel heißt, hat eine israelische Luftoffensive nicht überlebt; erschreckt durch den Lärm, soll sich das Tier den Kopf angestoßen haben und nicht mehr auf die Beine gekommen sein. Die mittlerweile ausgestopfte Giraffe wurde als Sinnbild aller Opfer des Nahostkonflikts von dem Künstler Peter Friedl nach Kassel verbracht, wo sie als Kunstwerk den Namen „The Zoo Story“ trägt. „Brownie ist das Kondensat und zugleich der mögliche Keim eines historisch‐politischen Epos“, erläutert Documenta‐Chef Buergel: „Diese Geschichte beginnt mit einer wundersamen Metamorphose der toten Giraffe zu einer Idee“ Und dieser Mann weigert sich, Eisbären zu klonen!
Der taz entnehmen wir derweil das Gerücht, der Giraffen‐Künster Friedl habe das tote Tier einer Kollegin namens Ayse Erkmen weggeschnappt. „Ist es eigentlich gang und gäbe, dass bildende Künstler in palästinensischen Zoos herumlungern und sich gegenseitig die Objekte wegschnappen?“, fragt das Berliner Blatt. Die viel spannendere Enthüllung verschwiegen die Feuilletons: Brownie, geboren in Südafrika, gelangte über Israel in den palästinensischen Tierpark. Der Safari‐Zoo in Ramat Gan hatte sie den Kollegen von Qalqiliya geschenkt. Palästinenser und Israelis arbeiten auch weiter grenzzaunübergreifend an der Zukunft der Kunst. Während Brownie noch ausgestopft wurde, siedelten mehrere Löwen, Zebras und Ziegen von Ramat Gan nach Qalqiliya über. Sagit Horowitz, Sprecher des Safari‐Zoos: „Wir wollen ein friedliches Zusammenleben, wenn auch die Politik nicht immer dazu passt. Es ist sehr wichtig, dass die Palästinenser diese Arten kennen‐ und Tiere lieben lernen.“ Für Exponate bei der nächsten Documenta in fünf Jahren ist also gesorgt.

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