Einbruch

Gestohlenes Vertrauen

von Heide Sobotka

Der Schock sitzt tief. In das Haus der jüdischen Gemeinde Frankfurt/Oder ist eingebrochen worden. In der Nacht zum vergangenen Samstag wurden Fensterschei‐ ben eingeschlagen, Türschlösser geknackt, eine Geldkassette und ein Computer mit Daten der Gemeindemitglieder gestohlen. Der Zugang zum Haus in der Halben Stadt 30 ist einfach. Keine Mauer, kein Zaun umgibt das Gebäude nahe dem Lennépark im Osten Frankfurts. Der Bau ist eindrucksvoll, eine Schinkel‐Villa, vor 1989 war hier ein Kindergarten untergebracht. Nach dem Fall der Mauer verließen viele Frankfurter ihre Stadt, sie überalterte, Kinder blieben aus. Die Jüdische Gemeinde, die sich 1998 gründete, erhielt das Haus zur kostenfreien Nutzung.
Die Juden, allesamt Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, fühlten sich wohl. Man wollte sich nicht verbarrikadieren in einer Stadt, deren Vertreter mit offenen Armen auf die jüdische Gemeinschaft zugingen. Gemeindevorsitzender Wladimir Lewytzky ist deswegen über den Einbruch fassungslos. Was folgt als Nächstes? Im November 2006 hatten Jugendliche den Gedenkstein für die alte Synagoge geschändet, den frischen Blumenschmuck zur Erinnerung an die Pogrom‐ nacht 1938, der sie zum Opfer gefallen war, zerpflückt und auf den Stein uriniert. Die Täter wurden gefasst und verurteilt.
Doch seit Monaten erhält die Gemeinde anonyme Flyer mit antijüdischen Hetzparolen, den letzten am vergangenen Donnerstag. Und dann der Einbruch Samstagnacht. Haben diese Vorkommnisse miteinander zu tun? War das Pamphlet von Donnerstag etwa eine Warnung vor dem Einbruch? Wladimir Lewytzky stellt sich diese Fragen und ist verwirrt, weil die Polizei zunächst keinen politischen Hintergrund für die Tat vermutete. Es habe keine Schmierereien gegeben, die auf ein antisemitisches Motiv schließen ließen, heißt es zunächst.
Der Gemeindevorsitzende hat Angst. Der Computer mit den Daten von 217 Gemeindemitgliedern wurde gestohlen. Zufall? Was wollen die Täter mit ihrem gestohlenen Wissen anfangen? Lewytzky ruft einen Journalisten an, den er kennt und dem er vertraut. Es kommt etwas ins Rollen. Oberbürgermeister Martin Patzelt erfährt von dem Vorfall und ist entsetzt. Jetzt ist die politische Abteilung der Frankfurter Staatsanwaltschaft mit dem Fall befasst. »Einbruchsort und Hintergrund geben Anlass, ein politisches Motiv hinter der Tat zu vermuten«, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Michael Neff. Mit Hochdruck werde ermittelt, der Einbruch kriminaltechnisch intensiv untersucht. Man suche nach Fingerabdrücken, DNA‐ und Faserspuren. »Wir nehmen solche Sachen sehr ernst«, sagt Neff. Der Staatsanwalt war 2006 der zuständige Dezernent, der die Schändung des Gedenksteins bearbeitete. Darüber hinaus ist Neff Vorsitzender des Kulturausschusses des Stadtrats und hat häufig Kontakt zur jüdischen Gemeinde. »Wir werden alles daran setzen, den Fall aufzuklären«, versichert er.
Ob solche Beteuerungen der Gemeinde über die Angst hinweghelfen können, ist fraglich. Das offene Bekenntnis der Stadt zur jüdischen Gemeinde wiegte diese möglicherweise in einer trügerischen Sicherheit. Es schien alles zu schön, um wahr zu sein: der Tanz mit der gespendeten Tora noch im März dieses Jahres. Stadt‐ und Kirchenvertreter, Anwohner nahmen daran teil, als die Rolle mit den fünf Büchern Moses durch die Straßen getragen wurde. Auch die Solidaritätsbekundungen nach dem Anschlag auf den Gedenkstein: positive Zeichen, die besagten: Hier sind wir willkommen, hier können wir uns sicher fühlen.
Schulklassen kamen in die Gemeinde und informierten sich über jüdisches Leben. Oberbürgermeister Martin Patzelt wurde nicht müde zu betonen, dass er sich über den Einzug jüdischen Leben in Frankfurt freue. Beim Toraumzug begleitete er Rabbiner Nachum Pressman unter der Chuppa. Das waren nicht nur Zeichen der Sympathie, Frankfurt nahm Anteil. Schützen konnte es die Gemeinde nicht.
Vielleicht wäre der ein oder andere Polizeiwagen als Abschreckung vor dem Gemeindehaus in der Halben Stadt hilfreich gewesen, sagt der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer. Die Juden in Frankfurt/Oder seien zwar nicht mehr oder weniger gefährdet als in anderen Städten, dennoch frage er sich, ob die Polizei wirklich alles unternommen habe, um abschreckend auf Täter zu wirken. »Ich wünsche mir nur, dass die Polizei jetzt aufgewacht ist«, sagt Kramer. In den vergangenen Wochen und Monaten seien jüdische Gemeinden immer wieder Ziel von Schmähungen und Drohbriefen gewesen. Die Gemeinde Frankfurt erhielt seit Januar bereits vier der antijüdischen Pamphlete. Am Dienstag besuchten Polizeipräsident Arne Feuring und OB Martin Patzelt die Gemeinde. Man wolle sie nun verstärkt schützen, sagte Feurig und entschuldigte sich für die zunächst schleppend angelaufenen polizeilichen Untersuchungen. Die Stadt stehe zur jüdischen Gemeinde, betonte Patzelt.
Auch wenn jetzt intensiv gefahndet wird, die Angst wird den Gemeindemitgliedern so schnell nicht zu nehmen sein. »Wir wissen noch nicht einmal genau, was alles gestohlen wurde«, sagt Irina Scher. Die Sozialarbeiterin der Gemeinde dolmetscht die Zurufe von Wladimir Lewitzky aus dem Hintergrund. Sie wird ungeduldig. »Wir müssen uns jetzt beraten, vielleicht wissen wir später mehr.« Der materielle Schaden ist nicht allzu hoch, die Verunsicherung wegen der gestohlenen Daten ist umso größer. An diesem Montag sollten neue Schlösser und eine Alarmanlage eingebaut werden.

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