Woche der Brüderlichkeit

Gesprächsbedarf

von Tobias Kühn

Jedes Jahr, wenn die Schneeglöckchen blühen, findet in Deutschland die »Woche der Brüderlichkeit« statt. Diesmal steht sie un-
ter dem Motto »So viel Aufbruch war noch nie«. Ausgedacht hat sich den Leitspruch im vergangenen Sommer der Vorstand des Deutschen Koordinierungsrates. Die Orga-
nisatoren der Veranstaltung haben dem Motto die Jahreszahlen »1949-2009« vorangestellt, um auf die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses nach der Gründung Israels und der Bundesrepublik anzuspielen. Angesichts der Ereignisse der vergangenen Wochen erhält das Motto jedoch einen weiteren Sinn. Manch ein Lästerer, der die »Woche der Brüderlich-
keit« als erstarrtes Ritual verhöhnt hatte, reibt sich die Augen: Es herrscht Aufbruch-
stimmung.
Nach der Rehabilitierung des britischen Bischofs und Holocaustleugners Richard Williamson durch Papst Benedikt XVI. hatte es im Zentralrat der Juden in Deutschland Überlegungen gegeben, nicht an der »Woche der Brüderlichkeit« teilzunehmen. Doch Anfang der Woche kündigte Präsidentin Charlotte Knobloch an, zur Eröffnungsveranstaltung am 1. März nach Hamburg zu fahren. »Der Aufschrei innerhalb der katholischen Kirche macht deutlich, dass der eingeschlagene Weg des Papstes nicht unwidersprochen hingenommen wird«, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen. Sie hoffe, die Christen in Deutschland werden »im Sinne der Brüderlichkeit« entschieden für das Judentum eintreten und jegliche Form von Antisemitismus ächten. So könne langfristig »die Basis für einen echten, partnerschaftlichen Dialog« entstehen.
Aufbruchstimmung auch bei den Rabbinern: Nach dem Streit um Bischof Williamson hatte die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) vor einigen Wochen den Dialog mit der katholischen Kirche für beendet erklärt. Nun ruft ORD-Vorstandsmitglied Rabbiner Julian-Chaim Soussan seine Kollegen auf, nach Hamburg zu fahren. Dort treffen die Rabbiner am Montag auf katholische und evangelische Geistliche, unter ihnen auch Bischöfe.
»Die Reaktion vieler Katholiken in Deutschland hat uns dazu bewogen, miteinander im Gespräch zu bleiben«, sagt Soussan. »Wir wollen auf Punkte hinweisen, die uns verletzen.« In der Aufregung über Bischof Williamson sieht Soussan allerdings die Gefahr, weitere Probleme außer Acht zu lassen, wie die Seligsprechung Pius XII., die Karfreitagsfürbitte und die vielen anderen Pius-Brüder. Es reiche nicht, dass man diesen einen Mann verurteilt, sagt Soussan, »unsere Gesprächspartner werden sich fragen lassen müssen, in welche Richtung die katholische Kirche sich grundsätzlich bewegt«.

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