Hörpol

Geschichte im Ohr

Wenn Jugendliche künftig mit einem MP3‐Player durch Berlin‐Mitte schlendern, haben sie statt dröhnender Bässe oder schneller Beats vielleicht gerade Zeitgeschichte im Ohr: Möglich macht dies das Projekt »Hörpol – Erinnerungen für die Zukunft«. In 27 Hörstücken erzählt die Audioführung über jüdische Geschichte, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit und führt dabei einmal durch das Zentrum der Hauptstadt.

Konzept Initiator Hans Ferenz nennt Hörpol einen »lebendigen Geschichtsunterricht«, der die Sprache der Jugendlichen spricht. Das beginne schon bei den Namen der 27 Stationen, aus denen die Führung besteht: »Die heißen ›Anzug‹, ›Nein‹, ›Party‹, ›Tor‹ oder ›Kuss‹, sind also mit Worten belegt, die Jugendliche aus dem Alltag kennen«, erklärt Ferenz. Doch nicht nur die Benennung der Stationen ist jugendgerecht, auch ihre Gestaltung: So werden die Geschichten in Form von Radioshows, Rocksongs, Hip‐Hop‐Nummern oder schnell geschnittenen Collagen präsentiert. Allen gemein ist, dass sie nicht mit Fakten überladen sind. Ferenz geht es mehr darum, das »Bauchgefühl« der Schüler anzusprechen, wie er sagt. Außerdem ist ihm wichtig, dass die Jugendlichen eine Brücke zur Gegenwart schlagen können. »Sie sollen erkennen, dass das Gehörte etwas mit ihrem Alltag zu tun hat«, so der Initiator, der sonst Kinder‐ und Jugendhörspiele schreibt.
Dieser Brückenschlag wird zum Beispiel in dem Stück »Anpinkeln« erreicht. Darin liest der Jugendbuchautor Klaus Kordon aus seinem Roman »Julians Bruder«, in dem Nazis auf einen Juden urinieren. Kordon schließt mit den Worten: »Und wie in einem Roman so üblich habe ich alles erfunden.« Dann wechselt die Szenerie zu einer Nachrichtensendung, Jugendliche berichten von ähnlichen Vorfällen aus den Jahren 2000, 2002 und 2004. Für die 17‐jährige Jenni, die eine der Nachrichten gesprochen hat, war das ein Augenöffner: »Wir haben gelernt, dass das Thema immer noch aktuell ist.« Die Schülerin der Martin‐Buber‐Oberschule in Spandau ist von dem Hörpol‐Konzept überzeugt. »Man ist einfach wirklich mittendrin, wenn man jetzt hier durch die Straßen läuft und es sich dabei auf dem MP3‐Player anhört«, sagt die Elftklässlerin. Ihre Freundin De‐siree ergänzt, sie wünsche sich, dass die Hörer den aktuellen Bezug bemerkten: »Es soll ihnen bewusst werden, dass immer noch Nazis da sind, die Leute runterma‐
chen, was einfach nicht sein darf.«
Jenni und Desiree sind nicht die einzigen Jugendlichen, die bei Hörpol mitwirkten. Auch bei der Station »Trotzdem« kommen Jüngere zu Wort. »Trotzdem« führt zur Jüdischen Oberschule in die Große Hamburger Straße. Während man an dem meterhohen Metallzaun entlanggeht, der das Schulgelände umgibt, hat man die Stimmen dreier Jugendlicher im Ohr, die rätseln, warum diese Schule überhaupt so stark gesichert ist. »Ich frage mich, wie die Schüler darauf klarkommen: ich meine so eine Schule, so krass bewacht«, heißt es in dem Stück. »Warum geht man da überhaupt hin? Trotzdem? Trotz der Wachen, der Kameras und dem Zaun?« Es folgt eine Collage aus Schüler‐Antworten: »Sicherheit«, »Gewohnheit«, »Jüdische Gemeinschaft und Freunde«, »Hier kann ich meinen Davidstern tragen« – alles unterlegt von der Musik dreier Beatboxer, die ihre Rhythmen nur mit dem Mund erzeugen.

Zielgruppe Hörpol richtet sich hauptsächlich an Schüler. Die ständige Verfügbarkeit von Hörpol sei ein großer Vorteil für die Unterrichtsgestaltung, betont Hans Ferenz: »Die Schulklassen können das einfach einplanen, ohne einen Termin ma‐
chen zu müssen. Sie gehen ins Internet, laden sich die Sachen runter, verteilen es auf die MP3‐Player der Jugendlichen, von denen ja heute jeder einen hat, und wandern los.« Unter den 120 Menschen, die bei Hörpol mitwirkten, sind neben Schülern, Zeitzeugen und Historikern auch Prominente wie der Schauspieler Axel Prahl, Moderatorin Marietta Slomka oder die beiden Hip‐Hopper »Zeugen der Zeit«, die gemeinsam mit der jüdischen Kantorin Avitall Gerstetter rappen und singen.
Die Kosten in Höhe von 148.000 Euro wurden von Sponsoren wie dem Hauptstadtkulturfonds übernommen. Schon vor sieben Jahren kam Ferenz die Idee für Hörpol. Doch erst mit dem Durchbruch der MP3‐Technik wurde das Konzept realisierbar: »Irgendwann vor sechs Jahren stand mein 13‐jähriger Sohn am Rechner und lud sich völlig legal zwei Alben auf seinen kleinen MP3‐Stick, die damals langsam aufkamen. In dem Moment dachte ich mir: Genau das ist es«, erinnert sich Ferenz.

Gestaltung Bei der Gestaltung von Hörpol legte er Wert darauf, dass nicht nur die Sprache jugendgerecht ist, sondern auch die Art der Führung: Getreu dem Motto »Du bestimmst, wo’s langgeht« gibt es für die 27 Stationen mit ihren insgesamt 160 Minuten keinen definierten Start‐ und Endpunkt. Die Hörer können selbst entscheiden, wo sie die Tour beginnen und welche Stationen sie ansteuern. Für Rabbiner Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, geht das Konzept auf. Er nennt die Führung vorbildlich, da sie »zu den Orten führt, an de‐
nen Dinge geschehen sind oder noch im‐
mer geschehen und das auf eine sehr assoziative Art und Weise«. Nachama ist von dem Erfolg von Hörpol überzeugt: »Ich denke mir, es wird diejenigen, die heute mit den neuen Medien leben, ansprechen und vielleicht auch dazu bringen, über Geschichte, Gegenwart und Zukunft nachzudenken.«

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