Gebäude

Geschäft mit Geschichte

von Wladimir Struminski

In der Gründerzeit wird das Haus in der Tel Aviver Lilienblumstraße 9 eine feine Adresse gewesen sein. Heute wohnt hier niemand. Das einstmals eindrucksvolle Gebäude bietet ein Bild des Verfalls. Von Putz längst keine Spur mehr. Da ist das Bild in der Yehuda‐Halevy‐Straße 14 schon tröstlicher. Hier wird ein zweistöckiges Gebäude von Grund auf renoviert. Der Betonmischer krächzt. Der Baukran schwenkt seine schwere Last durch die Luft. Gewerkelt wird auch in der Herzlstraße, der Talmud‐Palast‐Straße und am Rothschild‐Boulevard.
Einige Gebäude erstrahlen bereits in altneuem Glanz. Unter der Hausnummer Yehuda Halevy 16 gibt die präzise zugeschnittene Hecke den Blick auf eine schwere, braun gestrichene Tür frei. Ein Hauch von Europa. Auf dem Balkon steht eine Skulptur. Über dem Eingang prangt der Name einer Anwaltskanzlei.
Geht es nach dem Willen der Tel Aviver Stadtväter, werden noch viele andere Häuser von historischem Wert den Weg von der Bauruine zum begehrten Immobilienobjekt zurücklegen. Seit einigen Jahren zieht das Tempo der Renovierungsarbeiten kräftig an. Dennoch ist das Ziel noch weit. „Insgesamt“, so Jeremie Hoffmann, Leiter der städtischen Abteilung für den Erhalt der Bausubstanz, gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, „gibt es in Tel Aviv 1.800 Gebäude, die als konservationswürdig gelten.“ Instand gesetzt sind bisher nur 400.
Bauwerke aus früheren Millennien hat die erst 1909 gegründete „erste hebräische Stadt“ der Moderne zwar nicht zu bieten. In städtebaulicher Hinsicht ist sie dennoch von erheblicher Bedeutung. Ur‐
sprünglich war die in Sanddünen von ihren Initiatoren ins Leben gerufene Gemeinde als ein Vorort des viel größeren Jaffa gedacht. Dann aber entdeckten die jüdischen Bewohner die Vorteile, die ihnen der neue Standort bot. In den ersten fünf Jahren nahm die Bevölkerung von 300 auf 2.000 zu. Stadtviertel wie Achusat Bajit, Nachalat Binjamin und Newe Zedek entstanden. In den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts entstand in Tel Aviv ein dynamisches Geschäfts‐
zentrum. Jüdische Flüchtlinge aus dem Dritten Reich brachten Initiative, Unternehmergeist und neue Architektur mit. So wurde Tel Aviv zum bedeutendsten Standort des Bauhaus‐Stils, in dem rund 4.000 Gebäude entstanden. Heute ist die „weiße Stadt“ von der UNESCO anerkanntes Weltkulturerbe. Der Bauhausschule gehört rund die Hälfte der konservierungsbedürftigen Häuser an.
Oft geht es den Städteplanern aber nicht nur um die Erneuerung einzelner Gebäude. Sie nehmen ganze Straßenzüge ins Visier, um etwas vom Zauber der guten alten Zeit herüberzubringen. Zu den Schwerpunkten der Konservierungskampagne gehören neben den ersten jüdischen Stadtvierteln auch Jaffa, vor 57 Jahren mit Tel Aviv zu einer Gemeinde zu‐
sammengeschlossen, und die ehemalige deutsche Templersiedlung Sarona.
Die besten Verbündeten der Geschichtsbewahrer sind Privatinvestoren. „Das Wohnen in der Stadt ist wieder in“, erklärt Hoffmann. Davon profitieren auch die alten Viertel. Zahlungskräftige Einwohner sind bereit, Umbaukosten von bis zu 2.000 Dollar je Quadratmeter zu zahlen und eine für Planung, Genehmigung und Bauarbeiten zu veranschlagende Wartezeit von mitunter fünf Jahren in Kauf zu nehmen.
Viele Käufer sind Diasporajuden, die eine passende Bleibe in Israel suchen. Andere Häuser wiederum werden von gewerblichen Investoren erworben, die die Gammelobjekte auf Vordermann und ge‐
winnbringend auf den Markt bringen. Die neuen Bewohner, fasste kürzlich Itzik Ben‐Shoham, Geschäftsführer der auf Altneuprojekte spezialisierten Immobilienfirma White City Buildings, zusammen, wissen die besondere Architektur ebenso wie die Wohngemütlichkeit zu schätzen.
Die Nachfrage verleiht der Konservierungsarbeit Flügel, treibt aber auch die Preise kräftig nach oben. Für eine umgebaute Dreizimmerwohnung sind 600.000 bis 700.000 Dollar hinzublättern. Ein dreistöckiger Altbau in der schicken Schenkin‐Straße wurde kürzlich von italienischen Investoren für 1,7 Millionen Dollar erworben. Wie die Wirtschaftszeitung The Marker zu vermelden wusste, konnte die Baufirma Akirov ein von ihr renoviertes Objekt sogar für 8,5 Millionen abstoßen und einen Gewinn von fast 90 Prozent kassieren. Ihrerseits übernimmt die Stadt die Verschönerung des Straßenbildes außerhalb des Privatgrundstücks und übt sich bei der Genehmigung der Umbaupläne oft in Kreativität. Manchmal darf der neue Bauherr den Pkw‐Abstellplatz unter dem alten Haus anlegen. Wenn es nicht anders geht, drückt die Stadt auch ein Auge zu und erlaubt den Einzug auch ohne Parkmöglichkeiten. Es ist ja für einen guten Zweck.

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