Rabbinerkonferenz

Gemeinsame Sache

von Lorenz Beckhardt

Mit Obst gefüllte Hähnchenbrust an süßen, koreanischen Möhrchen, ein Arrangement aus Kürbis- und Erbsensuppe, Entenbrust à l’Orange an Rotkohl und Brokkoliauflauf, frittierte Kartoffeln und zum Dessert Schokoladenparfait, Kokossoufflé und Orangenmousse an exotischem Obst – da sage noch einer, man könne in Deutschland nicht koscher und delikat zugleich speisen. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) hatte am vergangenen Sonntag zum ersten Mal Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, zu Gast und gab ihr zu Ehren ein festliches Dinner. Mehr als 20 Rabbiner, die 17 Mitglieder der ORD sowie Gäste aus Israel und Europa, saßen erwartungsvoll im mit Kerzenleuchtern geschmückten Speisesaal der Kölner Synagoge.
Die Flügeltür öffnete sich, und schon war die Präsidentin von einer Traube Herren umringt. Ilan Simon, der Vorsitzende des Gemeinderats der Synagogen-Gemeinde, begrüßte Charlotte Knobloch, indem er feststellte, daß sie nun erstmals im neuen Amt nach Köln gekommen sei. Die Präsidentin zeigte sich hoch geehrt und begann sogleich, von einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu erzählen, die sie in der Vorwoche zusammen mit den Vizepräsidenten des Zentralrats, Salomon Korn und Dieter Graumann, besucht hatte. Frau Merkel sei »einhundert Prozent für Israel« und habe auch einen »Bezug zum Judentum«. Ein Treffen mit den Rabbinern würde der Kanzlerin sicher viel bedeuten, vermutete Charlotte Knobloch. Sie lobte die ORD, da sie viel dazu leiste, in Deutschland wieder ein Judentum auch »in Erinnerung an die Vergangenheit« aufzubauen. Rabbiner Yitzchak Ehrenberg, der Vorsitzende der ORD, freute sich in seiner Ansprache darüber, daß Charlotte Knobloch die politische Führung der Juden in Deutschland innehabe, denn sie sei für die Orthodoxie, weil sie wisse, daß dies der einzige Weg ist, auch in zwei oder drei Generationen noch ein Judentum in Deutschland zu haben. Die Präsidentin nickte, lächelte und schwieg.
Schließlich ergriff auch Nathan Kalmanowicz, der Kultusdezernent des Zentralrats, das Wort, und betonte, daß »nur wegen der Arbeit der ORD die Oberrabbiner in Israel Deutschland mittlerweile auf einer Stufe mit allen anderen Ländern sehen.« Scheidungen, aber vor allem auch Übertritte zum Judentum, die in Deutschland vor dem orthodoxen Beit Din, dem Rabbinatsgericht, vollzogen werden, sind in Israel heutzutage anerkannt. Dies wurde laut ORD vor allem dadurch erreicht, daß zwei der drei Dajanim, der Richter des Beit Din, aus Israel entsandt werden. Sie reisen ohne ihre Familien jeweils für einige Tage an und arbeiten ein dichtes Pensum von Entscheidungen ab, wie es hieß »in vier Tagen mehr als in Israel in zwei Wochen«. Zur Bestätigung dieser für die Orthodoxie so bedeutenden Tatsache überreichte einer der zwei anwesenden israelischen Dajanim der Zentralratspräsidentin zwei Briefe, in denen die israelischen Oberrabbiner Lob und Anerkennung für die Arbeit der ORD ausdrücken.
Die ORD trifft sich viermal im Jahr; bisher immer in Köln, weil es zentral gelegen, also für alle gut erreichbar ist und weil kaum eine andere Gemeinde ein vergleichbar leistungsfähiges koscheres Restaurant zu bieten hat. Zum zweiten Mal wurde die Tagung jetzt mit einem Seminar verknüpft. Das Thema, es ging um die »Gebete zu den kommenden Hohen Feiertagen«, überraschte, denn wer, wenn nicht die versammelten Rabbanim, sollte hier mit Expertenwissen glänzen können? Doch hinter dem Titel verbarg sich schlicht die Aufgabe der Rabbiner, ihren Gemeinden jüdisches Wissen und jüdisches Leben zu vermitteln. Und das, so gab Düsseldorfs Rabbiner Julian Chaim Soussan offen zu, sei eine tägliche Herausforderung. So fand er die Vorträge der beiden Referenten auch »sehr spannend und absolut bereichernd«. Benjamin Bloch, der Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt), hatte über Integrationsarbeit gesprochen, und Benni Gesundheit, Arzt und Rabbiner aus Jerusalem, vermittelte Wege zu mehr Verständlichkeit beim Lernen der Tora in der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung.
Was macht den orthodoxen Gelehrten derzeit am meisten Sorgen? Rabbiner Ehrenberg überlegte nicht lange. »Unsere Kinder bekommen zuwenig jüdische Identität. Nur 50 Prozent machen Bar- oder Batmizwa. Wir brauchen im Alltag mehr jüdische Symbole.« Derzeit arbeite er in seiner Berliner Gemeinde daran, koschere Lebensmittel genauso billig wie gewöhnliche anzubieten, damit jeder sie sich leisten könne. Daß die Veranstaltungen des Zentralrats mittlerweile alle koscher seien, sieht er als einen Erfolg. »Nun muß es das Ziel sein, daß alle Veranstaltungen der jüdischen Gemeinden in Deutschland koscher begangen werden. Dies ist mein Aufruf.«

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