Instrumentenbauer

Geigen mit Geschichte

von Frank Rothert

Es riecht es nach einem Mischmasch aus Holzstaub, Lack und Leim, gepaart mit einer Duftnote, die an einen alten Trödelladen erinnert. Am Tel Aviver Schaul-Hamelech-Boulevard befindet sich im Keller eines Mehrfamilienhauses die Werkstatt des 69-jährigen Violinenbaumeisters Am-
non Weinstein. Unzählige Geigen hängen an der Decke, die auf eine Reparatur oder Restaurierung warten, während fertige Instrumente zur Abholung bereitstehen. Die polierten Holzkörper der meist hochwertigen Violinen funkeln. Mittendrin der Meister selbst, der zwischen den vielen Telefonanrufen von seinem Projekt »Violines of hope« spricht. Im September vergangenen Jahres war das vorerst letzte Konzert in Jerusalem ein voller Erfolg. Weinstein, der den Abend moderierte, ist noch Monate danach ergriffen von der Reaktion des Publikums und der beteiligten Musiker: »Das war emotional. So viele Menschen haben geweint, es war einfach unglaublich.« Allein 1.600 Besucher reis-ten aus dem Ausland an. »Es war mehr als ein Konzert«, betont Amnon, denn das Be-
sondere sind die Instrumente, auf denen gespielt wird.
Der Bau von Geigen ist eine Familien-tradition, die Amnon von seinem Vater Moshe übernommen hat, der 1938 von Polen nach Palästina kam. Heute ist er selbst ein international bekannter Geigenbaumeister und auch sein Sohn Avshalom ist Geigenbauer. Bereits Amnons Vater begann in Tel Aviv mit dem Sammeln von Violinen, denn die Emigranten aus Europa brachten in den 30er-Jahren viele Instrmente ins Land. »Die Deutschen und Österreicher besaßen meistens Topinstrumente aus Deutschland oder Italien, nicht selten waren es Stradivaris«, sagt Amnon und hebt hervor, dass unter den Emigranten auch in Palästina die klassische Musik zum guten Ton gehörte. »Nach 1945 ließen viele Besitzer die deutschen Herstellerhinweise an ihren Instrumenten entfernen. Schon in früheren Jahren habe er sich oft gefragt, welche Geschichte die einzelnen Instrumente wohl haben. Der entscheidende Funke sprang erst später über. Amnon Weinstein hat den Telefonhörer in der Hand und wählt eine Nummer in Deutschland: «Schmidt, Schmidt? Wo bist Du?» Er legt auf und bittet, auch unbedingt mit Daniel Schmidt zu sprechen, der den Entstehungsprozess seines Projekts miterlebte.
Daniel Schmidt, 42-jähriger Bogenbaumeister aus Dresden, arbeitete ab 1992 zwei Jahre bei ihm in Tel Aviv und stellte Weinstein viele Fragen. Der junge Mann aus der ehemaligen DDR traf überall im Land emigrierte Musiker. «Ich interessierte mich für die vielen Biografien und ich fragte mich, woher die Instrumente kamen.» Durch Schmidt inspiriert und durch Freunde be-
stärkt, beginnt Amnon Weinstein sich intensiv mit der Geschichte und Herkunft seiner gesammelten Violinen zu beschäftigen. Die Suche ist zunächst nur auf die Emigranteninstrumente beschränkt. «Wir fragten die Nachkommen, wo die Instrumente herstammen», erzählt Amnon. Oft bekam er zur Antwort: «Sie gehörte meinem Vater.» Mehr wussten die Nachkommen meist nicht.
Zurück in Deutschland lädt Daniel Schmidt 1998 Amnon Weinstein zu einem Kongress nach Dresden ein. Dort hält Weinstein einen Vortrag, Schmidt übersetzt. Die Resonanz forciert die Suche und plötzlich geht es nicht nur um die Instrumente der Emigranten, sondern auch um Violinen, die in den Konzentrationslagern und Gettos gespielt wurden. Das israelische Fernsehen macht auf das Projekt aufmerksam. Es melden sich viele Menschen, die Geigen haben, ohne deren Herkunft zu kennen.
Bisher gelang es ihm, die komplette Historie von zwei Instrumenten zu re-
konstruieren. Eine davon gehörte Mordechai Schlein, genannt Motele, der als Überlebender eines deutschen Massakers in der Ukraine 1944 mit zwölf Jahren zu einer jüdischen Partisanengruppe stieß. Motele gewinnt das Vertrauen eines deutschen Offiziers, dem das Kind mit der Geige auffällt. Er schmuggelt in seinem Violinenkas-ten Sprengstoff in das Gebäude des Offiziers-Clubs. Der Anschlag gelingt, doch Wo-
chen später wird der Junge erschossen, als er einen Offizier der Roten Armee vor im Hinterhalt liegenden deutschen Soldaten warnen will. Der Partisanenkommandeur Moshe Gildenman nimmt das Instrument an sich. Mit ihm gelangt es nach Israel. Vor ein paar Jahren entdeckte Weinstein die Violine bei Gildenmans Enkel. Es ist in einem erbärmlichen Zustand. Für die Res-
taurierung braucht er Jahre. Heute wird Moteles Violine in Yad Vashem aufbewahrt.
Die Geschichte um die «Violines of hope» wird öffentlich. Ein Filmteam hat Weinstein bei seiner Arbeit und Suche begleitet. Mit dem israelischen Stargeiger und engem Freund Shlomo Mintz war er in Auschwitz-Birkenau, wo Mintz unter freiem Himmel vor den Lagerzäunen spielte. Weinstein fuhr für weitere Filmszenen zum ersten Mal nach Vilna, wo seine Mutter bis 1937 lebte. Für ihn war es der emotionalste Mo-
ment der Drehreise, denn viele aus seiner Familie waren im Vilnaer Ghetto und ka-
men in den Konzentrationslagern ums Leben. Die Vorfahren von Amnons Frau Asiela waren Partisanen und kämpften hinter der Ostfront. Asiela Weinstein hat ihre Familiengeschichte in einem Buch be-
schrieben, das als Vorlage für den Kinofilm «Defiance» diente, der unter dem Titel «Unbeugsam» diese Woche in Deutschland anläuft. Daniel Craig verkörpert darin ihren Onkel, einen Partisanenführer. «Es ist schon seltsam», sagt Amnon, «meine Familie wurde von Deutschen ermordet und die Familienmitglieder meiner Frau brachten Deutsche um.»
Das Projekt «Violines of hope» bedeutet Amnon Weinstein sehr viel, es ist eine Passion geworden. Er will die Geigen und ihre Geschichten retten. Die Instrumente aus den Lagern und Ghettos sind meist in ei-
nem fast hoffnungslosen Zustand. Mit-unter verbringt der Violinenbaumeister ein halbes Jahr damit, den Lack zu restaurieren. Dabei versucht er, Spuren und Nu-
ancen zu bewahren.
Bisher konnte man die Geigen bei Konzerten in Istanbul und Paris hören – und in Jerusalem. Moteles Violine wurde dabei von einem zwölfjährigen Jungen gespielt.
Amnons Weinsteins Suche geht weiter. Befragt nach seinen Zukunftsplänen gibt er eine überraschende Antwort: «Es ist nicht die Frage, was wir mit dem Projekt machen, sondern was das Projekt mit uns macht!»

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