Stasi-Mitarbeiter

Geheime Dienste

von Kilian Kirchgessner

Ein Schlussstrich unter die sozialistische Ära soll es sein, ein radikaler Schritt zur Vergangenheitsaufbereitung: In Prag stellt ein neu gegründetes staatliches Institut seit einigen Monaten die Namen von früheren Geheimdienstmitarbeitern und Informanten der Staatssicherheit unverschlüsselt ins Internet. Auch einige Spitzenvertreter von jüdischen Organisationen stehen auf dieser Liste. In den Gemeinden allerdings gibt es noch keinen Konsens darüber, was mit den früheren Spitzeln geschehen soll.
Ganz neu ist die Debatte innerhalb der jüdischen Szene Tschechiens nicht. Seit der politischen Wende gab es wiederholt Berichte über die frühere Geheimdiensttätigkeit führender Gemeindemitglieder. Einige sollen als Vertrauensleute gearbeitet haben, andere hätten gar eine aktive Rolle innerhalb der tschechoslowakischen Staatssicherheitsbehörde innegehabt. Konsequenzen aus den personellen Verquickungen von jüdischen Einrichtungen und Inlandsgeheimdienst sind bislang allerdings nicht gezogen worden. In vielen Fällen ist bis heute ungeklärt, ob die Zuträger aus freien Stücken bei der Staatssicherheit mitgearbeitet haben.
Wie groß das Interesse des sozialistischen Geheimdienstes an den Interna aus jüdischen Kreisen gewesen ist, ließ sich auch schon in kommunistischen Zeiten erahnen. Eine Welle von inszenierten antisemitischen Prozessen und massiven Aktionen gegen jüdische Einrichtungen zog sich von den 50er‐Jahren an durch die Geschichte des sozialistischen Staates. Beim „Institut zur Untersuchung der totalitären Régime“, das die Informationen über die früheren Geheimdienstmitarbeiter im Internet veröffentlicht, füllen die Dokumente über die jüdischen Gemeinden dutzende Aktenordner. „Die Staatssicherheit hielt jede Person jüdischer Herkunft für potenziell gefährlich, sie betrachtete sie als mögliche Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes“, heißt es in einem Gutachten des Instituts. „Kosmopolitismus“ hieß im Jargon der damaligen Machthaber der Generalverdacht, dem alle Juden unterlagen. Während der Schauprozesse in den 50er‐Jahren sind mehrere Juden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Die berüchtigste Operation des Geheimdienstes gegen jüdische Einrichtungen startete anderthalb Jahrzehnte später: Als das Régime nach der Niederschlagung des Prager Frühlings demonstrativ Stärke beweisen wollte, startete die „Akce Pavouk“ (Aktion Spinne). Mit Bespitzelungen, massiven Repressionen und systematischer Einschüchterung sollte das jüdische Leben in der Tschechoslowakei zurückgedrängt werden. Damals emigrierten zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinden nach Westeuropa.
„Die Staatssicherheit hatte damals alle im Blick, Funktionäre in den Gemeinden genauso wie jüdische Familien, die nicht mal in die Synagoge gingen. Es gab Hausdurchsuchungen, in einigen Fällen sind die Kinder von der Schule verwiesen worden“, sagt ein Kenner des jüdischen Lebens in Prag. Genau zu dieser Zeit war es, dass viele jüdische Gemeindefunktionäre ihre Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst aufnahmen. „Fast alle Juden sind dort registriert, sogar kleine Kinder tauchen als Zuträger in den Akten auf“, heißt es aus den Reihen der jüdischen Gemeinde in Prag. Deshalb fällt es heute so schwer, den Wert der Akten richtig einzuschätzen. Einige der vermeintlichen Zuträger waren offenkundig ohne ihr Wissen in die Kartei geraten, andere lieferten tatsächlich Informationen, um den Repressionen zu entgehen.
Über dem Versuch der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit steht die ungeschriebene Frage, ob jüdisches Leben überhaupt möglich gewesen wäre ohne die enge Verdrahtung zur Staatssicherheit – oder ob sich die Gemeindemitglieder nicht vielmehr erst durch ihre Zusammenarbeit ein Stück Religionsfreiheit erkauft haben. Das zumindest ist die Lesart, die von den betroffenen Funktionären gepflegt wird.
Das ganze Ausmaß des Dilemmas wird deutlich, wenn es um Einzelschicksale geht. Um das von Frantisek Kraus etwa, der als einer von wenigen über seine Vergangenheit spricht. Der heute 83‐Jährige ist Auschwitz‐Überlebender. Kaum war er nach dem Krieg wieder in seiner Heimatstadt Prag zurück, nahmen ihn die Kommunisten als „zionistischen Staatsfeind“ fest. Zu 22 Jahren Haft haben sie ihn verurteilt – und ihm nach den ersten Jahren in einem berüchtigten Gefängnis die Freilassung angeboten, wenn er denn künftig zur Zusammenarbeit bereit wäre. Kraus stimmte zu. In Freiheit wurde er einige Jahre später zum Generalsekretär einiger jüdischer Organisationen, er reiste zu Kongressen ins Ausland. Über all das verfasste er Berichte für die Staatssicherheit, auf deren Geheiß er sogar Mitarbeiter in seinen Einrichtungen entließ. Vor tschechischen Journalisten hat er sich offen zu seiner Spitzeltätigkeit bekannt: „Ich schäme mich nicht dafür“, sagte er im vergangenen Jahr in einem Interview. „Für mich war das die Rettung aus einer furchtbaren Quälerei. Man will so sehr nach Hause. Das Leben ist kurz.“

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