Antisemitismus

Gefährlich rot

von Wolfgang Kraushaar

Im Streit um die vorzeitige Freilassung der beiden Häftlinge Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar geht ein wesentlicher Aspekt zumeist verloren: Die Einbindung der »Roten Armee Fraktion« (RAF) in den palästinensischen Terrorismus, deren antiisraelische Ausrichtung und die oft damit einhergehenden antisemitischen Implikationen.
Es hat in der Bundesrepublik lange, viel zu lange gebraucht, um zu begreifen, dass sich Antisemitismus und Linksradikalismus keineswegs ausschließen müssen. Als Israel im Juni 1967 aus dem Sechstagekrieg als Sieger hervorgegangen war, wurde dies unter Aktivisten der Neuen Linken offenbar als Gelegenheit zu einem grundsätzlichen Einstellungswechsel betrachtet. Juden erschienen nun nicht länger mehr als Opfer, sondern als Täter. Weil die israelische Armee gesiegt hatte, gab es für viele keine Notwendigkeit mehr, Juden weiterhin als Opfer des Nationalsozialismus zu betrachten. Und die erwachsen gewordenen Kinder aus dem Land der Täter fühlten sich nun offenbar frei von der ihnen wohl lästig gewordenen Verpflichtung, wegen der von ihren Eltern begangenen, mitgetragenen oder geduldeten Verbrechen eine nachdenkliche oder gar demütige Haltung einzunehmen. Das ging so weit, dass selbst vor Naziparolen nicht haltgemacht wurde. Als der Vizepräsident der Hebräischen Universität von Jerusalem im Dezember 1969 in Kiel einen Vortrag halten wollte, wurde dort von einer »ad hoc gruppe internationale solidarität« ein Flugblatt verteilt, das von der SA hätte stammen können. Es endete mit der Parole: »Schlagt die Zionisten tot – macht den Osten rot!«
Seitens der propalästinensischen Linken ist immer wieder betont worden, dass der von ihr propagierte Antizionismus nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden dürfe. Wenn jedoch die von Antisemitismusforschern vertretene These zutreffend ist, dass je aggressiver der Antizionismus auftritt, umso stärker auch der darin verborgene Antisemitismus ansteigt, dann müsste in diesem Fall bereits von einer weitgehenden Übereinstimmung beider Einstellungen gesprochen werden.
Solche Hasstiraden kamen umso überraschender, als die proisraelische Haltung linker Studentenorganisationen jahrelang als Vorreiter für eine Politik der Aussöhnung angesehen worden war. Genau in der Zeit, in der sich bundesweit eine Studentenbewegung herauskristallisierte, wendete sich das Blatt: hin zu einer einseitigen Parteinahme für die Sache der Palästinenser. Nun bildete sich das gesamte weltanschauliche Repertoire aus, das in den Jahren darauf unter den Vorzeichen der RAF auf so verhängnisvolle Weise zur Geltung kam.
Dass die RAF in den Terrorismus palästinensischer Organisationen eingebunden wurde, war für sie elementar. Ohne die Ausbildung ihrer Gründungsmitglieder in Trainingscamps der »Al Fatah« und die über viele Jahre hinweg anhaltende Kooperation mit der »Volksfront zur Befreiung Palästinas« hätte sie lange Zeit wohl kaum existieren können. Die Bekämpfung des Staates Israel gehörte im »antiimperialistischen Kampf« für die RAF ebenso wie für die später gegründete »Bewegung 2. Juni« oder die »Revolutionären Zellen« immer zu den Prioritäten. »Ohne die Unterstützung der Palästinenser wäre die RAF von Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt aktionsfähig gewesen.« Diese Feststellung stammt nicht von einem Geheimdienstler, sondern von Peter-Jürgen Boock, einem der wichtigsten RAF-Mitglieder der zweiten Generation.
Im Rückblick sind es mehrere Stationen gewesen, in denen sich die antizionistische Ausrichtung entwickelte und zu einem einheitsbildenden und kontinuitätsstiftenden Grundelement judenfeindlicher Aktionen wurde. Sie manifestierte sich innerhalb der linksradikalen Westberliner Subkultur am 9. November 1969 mit dem von den »Tupamaros West-Berlin« verübten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus. Sie zeigte sich auch durch eine dauerhafte Kooperation der RAF mit palästinen- sischen Terrorgruppen. Und rückte bei der Flugzeugentführung nach Entebbe 1976 mit der von den »Revolutionären Zellen« durchgeführten Selektion jüdischer Geiseln in die Nähe des von den Nazis praktizierten eliminatorischen Antisemitismus.
Zwischen der extremen Rechten und der extremen Linken schien in ihrer jeweiligen Judenfeindlichkeit auf einmal Einigkeit zu herrschen. Und die anfangs mit Verwunderung zur Kenntnis genommene Tatsache, dass sich mit Horst Mahler der einstmals prominente APO-Anwalt und spätere RAF-Mitbegründer zu einem überzeugten Neonazi entwickelt hat, dürfte im Nachhinein kaum noch als Überraschung erscheinen.
Doch auch Jahre nach Auflösung der RAF scheinen Skepsis und Misstrauen angebracht zu sein. Die Reaktionen, die es hierzulande etwa auf israelische Militärschläge gegen Angriffsbasen der Hisbollah im Libanon gibt, zeigen, wie dünn das antizionistische Mäntelchen ist. So etwa, wenn im ehemaligen FDJ-Zentralorgan »Junge Welt« von Israel als dem »Fremdkörper in der arabischen Welt« und dessen »Vernichtungswerk« im Libanon oder im Gasastreifen die Rede ist. Damit wird wieder versucht, dem jüdischen Staat die Legitimität zu entziehen. Solange aber die Kritik an der israelischen Politik automatisch mit einer Infragestellung der Existenz Israels verknüpft wird, solange bleibt die Gefahr eines linken Antisemitismus virulent.

Der Autor ist Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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