FÜRTH

Gedächtnisarbeit

Meta Schwarz hätte nur eines gebraucht: Die richtigen Tabletten. Sie hatte Probleme mit den Nieren und lag im Fürther Krankenhaus. Hilfe aber bekam sie nicht. Am 11. April 1940 starb sie, vermutlich hätte sie leben können. »Sie hat keine Medikamente bekommen, weil sie Jüdin war«, sagt Gisela Naomi Blume, die sich seit Jahren mit der Lebensgeschichte von Schoa-Opfern beschäftigt. Meta Schwarz ist eine von vielen jüdischen Opfern des Nationalsozialismus, deren Namen bislang noch auf keiner Liste erschienen und deren Schicksal weitgehend unbekannt ist.
In Fürth hat sie jetzt einen Platz bekommen. Denn am Dienstag vergangener Woche ist das zwölf Jahre alte Denkmal für die Fürther Opfer der Judenverfolgung auf dem Neuen Jüdischen Friedhof um 183 Eintragungen erweitert worden. Insgesamt sind dort nun fast 1.070 Namen eingraviert.
Die Tatsache, dass auch Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch neue Opfer auftauchen, hat laut Blume viele Gründe: Häufig haben sich die Angehörigen in den ersten Jahren nicht gemeldet, heute können sie nur noch schwer ausfindig gemacht werden. Es sind vor allem Frauen, die die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fürth ergänzte. Die bislang nicht berücksichtigten Fürther »Frauen hatten meist in anderen Städten ge- heiratet, sodass wir hier ihre Ehenamen nicht kannten«, sagt Blume. Außerdem kamen auch viele polnischer Juden hinzu. »Ihr Schicksal ist bis heute nicht bekannt, da sie ausgewiesen wurden.« Auch waren Opfer von außerhalb der damaligen Reichsgrenzen in die Konzentrationslager deportiert worden und tauchten deshalb in deutschen Städten auf keiner Liste auf.

trauma Seit 1995 beschäftigt sich die heute 70-Jährige mit den Schoa-Opfern aus Fürth. Sie selbst – eine Woche nach der »Kristallnacht« und nur durch einen Zufall nicht in Fürth geboren –, verlor ihren Vater im Zweiten Weltkrieg. In einem Kriegsgefangenenlager bei Reval wurde er ermordet und verscharrt. »Erschossen, weil man ihn für einen Juden hielt«, sagt Blume, die selbst zum Judentum übergetreten ist. »Diese Erfahrungen haben wohl dazu geführt, mich für das Schicksal ungerechterweise zu Tode Gekommener zu interessieren.« Viele Juden seien auch deswegen nicht in den Opferlisten aufgetaucht, weil eine natürliche Ursache für ihr Sterben angegeben wurde. Häufig seien auch Selbstmorde von den Nationalsozialisten als natürlicher Tod deklariert worden, erklärt Blume weiter. So war es bei Alfred Wagner, der ein Herrenbekleidungsgeschäft in Nürnberg hatte. Kurz vor seiner für März 1942 angekündigten Deportation versuchte er, sich zu vergiften. »Er starb im Krankenhaus. Als Diagnose wurde Herz-Asthma angegeben, um einen natürlichen Tod vorzutäuschen«, erläutert Blume. Angehörige berichteten später die Wahrheit.
»Wir hoffen, dass wir nun alle Opfer erfasst haben und nicht noch weitere hinzukommen werden«, sagt Blume. Wissen könne man das nie. Denn als 1997 das erste Denkmal für die ermordeten Juden von Fürth eingeweiht wurde, habe sie eine Dame angesprochen und ihr gesagt, dass zwar ihr Onkel Viktor auf der Tafel stünde, es fehlten aber ihre Großeltern, ihre Mutter und ein anderer Onkel. »Es handelte sich um die Familie Brenzel.« Ignatz Brenzel, geboren 1873 in Polen, und seine Frau Netty, seit 1914 in Fürth wohnhaft, beider Sohn Philipp und ihre Tochter Karolina verheiratete Leber, alle lange vor 1933 getauft, wurden 1938 nach Polen ausgewiesen und in Auschwitz ermordet.

irrtum Alle vier sind bis heute nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs erfasst. Enkelin und Tochter waren zum Festakt gekommen. Bei der Spurensuche halfen Na- omi Blume auch ihre Kontakte zu ehemaligen Fürthern in den USA. Sie wertete die beiden jüdischen Friedhöfe in Fürth sowie die Unterlagen in den Stadtarchiven Fürth und Nürnberg aus. Dabei fand sie nicht nur die Opfer, sie konnte sogar eine Eintragung korrigieren. Bei ihren Recherchen traf Blume auf das Ehepaar Ludwig und Sofie Frank, die irrtümlich als Schoa-Opfer aufgelistet, das KZ Theresienstadt jedoch überlebt hatten. Beide sind, 1946 vom DP-Lager Deggendorf in die USA emigriert.
Weiter gesucht werden aber muss trotzdem, sagt Meir Schwarz. Der heute 83-Jährige hat seine Mutter Meta kurz vor ihrem Tod in dem Fürther Krankenhaus noch gesehen, bevor er mit einem Kindertransport in seine heutige Heimat Israel gebracht wurde. »Wir wussten, dass wir uns nie wieder sehen.« Es sei wichtig, den nachfolgenden Generationen von den Schrecken der Schoa zu berichten. »Das größte Verbrechen ist das Schweigen. Die Deutschen ha- ben damals geschwiegen, auch die Juden. Hätte man gleich geredet, hätte es vielleicht nicht so viele Opfer gegeben.«

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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