Mutter-Tochter-Drama

Gasa mon amour

Von Jessica Jacoby

Der 1950 in Haifa geborene israelische Regisseur Amos Gitai hat lange Jahre in Paris gewohnt. Seit 1992 lebt er wieder in seinem Geburtsland. Stil und Machart seiner Filme sind für viele seiner Landsleute dennoch „europäisch“, sprich, fremd geblieben. Dabei sind die Themen, die der Regisseur aufgreift, meist so israelisch, wie sie es nur sein können. Gitais erster Spielfilm Berlin – Jerusalem (1989) erzählte von Else Lasker‐Schülers Alija in den 30er‐Jahren. Es folgten unter anderem Devarim (1995), der den zionistischen Mythos mit dem Tel Aviver Alltag kontrastiert; Kippur (2000) über den Krieg von 1973; Free Zone (2005), in dem Natalie Portman als amerikanische Neueinwanderin in die Mühlen des Nahostkonflikts gerät. In all diesen Filmen lässt Gitai seine Heldinnen und Helden vor der Folie der großen Politik ihre persönlichen Konflikte erleben und erleiden.
So auch in Trennung von 2007, das an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Disengagement, wie der englischsprachige Originaltitel lautet, bezeichnet im diplomatisch‐militärischen Sprach‐ gebrauch einen Rückzug. Der Rückzug, um den es hier geht, ist der des Jahres 2005, als Israel unter der Regierung von Ariel Sharon beschloss, sich einseitig aus dem Gasastreifen zurückzuziehen und die jüdischen Siedlungen dort durch Polizei und Militär zwangsräumen zu lassen. Israel erlebte eine innenpolitische Zerreißprobe.
In dieser Situation reist die Französin Ana (Juliette Binoche) zurück nach Israel, wo sie als junge Frau einst gelebt hatte. Auslöser für die Reise ist der Tod ihres Vaters. Er hat testamentarisch verfügt, dass ein Großteil seines beträchtlichen Vermögens an Anas uneheliche Tochter Dana (Dana Ivgy) fallen soll. Ana hatte Dana, die inzwischen fast 20 Jahre alt ist, in Israel kurz nach der Geburt zur Adoption freigegeben und danach das Land verlassen. Kontakt zu ihrer Tochter hat sie seither keinen gehabt. Jetzt aber soll sie Dana persönlich von dem Erbe berichten. Begleitet wird Ana auf der Reise von ihrem israelischen Stiefbruder Uli (Liron Levo), der zur Beerdigung des gemeinsamen Vaters nach Frankreich gekommen war. Uli ist Polizist und muss pünktlich zur Räumung der Siedlungen im Gasastreifen wieder im Dienst sein. Wie der Zufall es will, beziehungsweise das arg konstruierte Drehbuch, lebt seine Nichte, Anas Tochter, in einer dieser Siedlungen. Dort kommt es zu einer kurzen Begegnung zwischen Ana und ihrer Tochter, bevor die Siedlung geräumt wird und Ana hysterisch weinend in den Armen ihres Stiefbruders zusammenbricht.
Gitai hat sich einen spannenden zeitgeschichtlichen Hintergrund für seinen Film gewählt. Bei der Besetzung mangelt es nicht an zugkräftigen Stars: Neben Binoche sind das in Nebenrollen Barbara Hendricks, die palästinensische Charakterdarstellerin Hiram Abbas und vor allem die große alte Dame des französischen Films, Jeanne Moreau. Dennoch ist der Film gründlich misslungen. Was nützen Stars, wenn man ihnen keine vernünftigen Rollen bietet und sie nicht zu führen versteht? Was hilft ein interessanter Stoff, wenn das Drehbuch nichts taugt? Um nur ein Beispiel für dessen Inkonsistenz zu liefern: Ana spricht kein Hebräisch, weil „der Vater sich seiner Herkunft nicht sicher gewesen“ ist. Dabei hat sie doch, folgt man dem Plot, als junges Mädchen lange genug in einem Kibbuz gelebt, um ein Kind zu kriegen. Wenigstens ein bisschen Iwrit müsste dabei doch abgefallen sein.
Statt eines Charakters muss Juliette Binoche die nervig kapriziöse Neurotikerin geben, der es an Lernfähigkeit mangelt. Die Kamera weidet sich an ihrer Schönheit – mal bekleidet, mal nackt – in schier endlosen Einstellungen. Die übrigen Figuren kommen ähnlich konturlos daher.
Auch die zeitgeschichtlichen Aspekte verschenkt der Film leider. Bei der Siedlungsräumung bezieht Gitai nicht Stellung, sondern produziert schlecht inszenierte Pseudodramatik, die sich schon deshalb nicht wirklich entfalten kann, weil der Regisseur gleichzeitig stets darauf bedacht ist, die Gewaltlosigkeit der Räumung zu betonen – als unterliege er einem politischen Rechtfertigungsdruck.
Trennung hätte mit diesem Thema und diesen Darstellern ein spannendes Frauendrama werden können sowie ein Film über das heutige Israel und seine kleinen wie großen Konflikte. Die Chance hat Amos Gitai leider vertan. Schade.

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