Jakov Zotov

Fußball und Bachsonaten

von Anette Kanis

Jakov Zotov, das ist der Junge im Fußballtrikot und den Jeans. Das ist der Junge, der in der Couch mit dem geblümten Überwurf versinkt und mit einem netten Lächeln Fragen beantwortet. Es ist der Junge, den seine Familie und Freunde nur Janek nennen. Jakov Zotov, das ist der ernste, in die Melodie versunkene Klavierspieler im schwarzen Anzug, der Zuhörer durch sein Spiel berührt, dessen Finger in einer Geschwindigkeit über die Tasten tanzen, dass man staunt, wie eine im Alter von zwölf Jahren so virtuos spielen kann. Und der ganz schnell hinter der Bühne verschwindet, wenn der Applaus nicht enden will. So war es bei seinem Auftritt bei der Verleihung der Josef‐Neuberger‐Medaille an Bundeskanzlerin Angela Merkel im Düsseldorfer Schauspielhaus.
Jakov, ein Kind der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, die diesen Preis verleiht, bekam im Herbst des vergangenen Jahres die Chance für diesen prominenten Auftritt vor fast 900 Gästen. Liubov Zotov, seine Mutter, spielt die DVD mit Jakovs Darbietungen vor – Rachmaninoff: Humoreske Opus 10 Nr. 5; Chopin: Fantasie Impromptu Opus 66, und als Zugabe ein Potpourri jüdischer Lieder, kunstvoll arrangiert von ihr selbst. Liubov Zotov macht dies mit leisem Stolz. Nicht, um mit einem Wunderkind zu prahlen, eher immer noch staunend, welche besondere Begabung ihr jüngster Sohn hat.
Jakov spiele bereits Stücke, die dem ersten Semester an der Musikhochschule entsprechen würden, erklärt seine Mutter. Als seine langjährige Lehrerin Natalia Gaponenko im vergangenen Sommer sich von ihm verabschiedet hatte, weil sie das Gefühl bekam, Jakov habe ein Niveau erreicht, wo er jemand anderen brauchte. Als die ersten Wettbewerbe gewonnen waren und als Jakov Außenstehenden in seiner Spielweise aufgefallen sei, habe man sich verstärkt der musikalischen Förderung gewidmet, ergänzt seine Schwester Marina Filatova. Sie ist mehr als 20 Jahre älter als ihr kleiner Bruder und hat sein Management übernommen.
Außergewöhnliche Begabung, aber auch hartes Training und ein nicht zu unterschätzender Ehrgeiz stecken hinter Jakovs perfekten Klangerlebnissen. „Alles auswendig“, habe die Bundeskanzlerin ihm als erstes voller Staunen gesagt als sie, das Protokoll missachtend und die Sicherheitsleute verwirrend, nach Jakovs Auftritt einfach auf die Bühne gestürmt war, ihn umarmte und herzlich gratulierte. Jakov erinnert sich gerne und scheint sich immer noch zu wundern über die spontane Reaktion der Kanzlerin. „Das hatte ich nicht erwartet, ich wollte ja einfach nur spielen“, sagt er und grinst wie es ein zwölfjähriger Junge tut.
An der Wand hinter ihm hängen Fotos der Familie vereint mit Kopien und Ausdrucken von Chopin, Bach, Beethoven und anderen Komponisten, die Jakovs Alltag begleiten. Der Flügel dominiert das Zimmer. An den Wänden reihen sich meterlang Noten, gerettet aus der alten Heimat. Sie erinnern an die musikalische Tradition der Familie. Die Mutter war Konzertpianistin, der Großvater Professor für Musiktheorie, die Großmutter Opernsängerin.
Im Vorfeld der Veranstaltung habe sich Jean‐Miguel Strauss, der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, für Jakov starkgemacht. „Wir sind ihm dankbar, denn es gab etliche Bewerber für diesen Auftritt“, sagt Marina Filatova. Auch Herbert Rubinstein, bis vor Kurzem Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, kennt Jakov Zotov schon seit dessen Zeit in der Yitzhak‐Rabin‐Schule. „Ein intelligenter, ein tüchtiger Junge, lieb und aufgeschlossen“, beschreibt er ihn. Nach den Aufregungen rund um das Konzert im Rahmen der Preisverleihung für Angela Merkel hat Herbert Rubinstein Jakov einen Fußball mitgebracht. Denn Jakov spielt zwar viel Klavier, er tobt sich aber auch gerne mal beim Kicken aus. „Es gibt viele talentierte Kinder bei uns“, weiß Herbert Rubinstein, „aber Jakov ist eines der herausragenden. Kinder, wie Jakov, sind die Zukunft.“
Jakov hat einen Traum, für den er, aber auch seine Familie hart arbeiten. „Für mich ist das Klavierspielen kein Hobby“, sagt er ernst. Es ist sein Leben, mag man meinen. Bis zu fünf Stunden üben pro Tag, da muss das Fußballspiel oft ausfallen. „Meine Kindheit ist schon vorüber“, sagt Jakov abgeklärt. Ein Baumhaus bauen, das hätte er zum Beispiel gerne mal gemacht. „Aber ich muss auf meine Hände aufpassen.“ Sie sind sein Ein und Alles, sein Garant für das anvisierte Berufsziel: Konzertpianist. Sein Traum sind Konzerthallen, das gibt Jakov gerne zu.
Es ist zu hoffen, dass sich auf dem Weg dorthin noch finanzielle Förderer finden, die diesen Traum nicht an schnöden Rahmenbedingungen scheitern lassen. Seien es die Noten, die pro Heft 30 Euro kosten, sei es der schwarze Anzug, den Jakov für seine Auftritte braucht, sei es der Anspruch, selbst Konzerte berühmter Pianisten zu besuchen, um auch auf diesem Weg dazuzulernen – dies alles verschlingt Geld, was die Familie, die vor sieben Jahren aus dem russischen Kazan nach Deutschland gekommen ist und heute in einer kleinen Wohnung im Düsseldorfer Süden wohnt, nicht aufbringen kann.
„Bei den Stiftungen kann man sich erst ab dem 16. Lebensjahr bewerben“, erklärt Jakovs Schwester, doch dann sei schon manches zu spät. So hatte auch den Flügelkauf ein Spender aus der Gemeinde, der anonym bleiben wollte, ermöglicht.
Und natürlich kostet auch der Klavierunterricht Geld. Einmal im Monat macht sich Jakov gemeinsam mit seiner Mutter auf nach Antwerpen. Morgens um sieben Uhr geht es auf die knapp sechsstündige Reise mit Straßenbahn und Zug, abends dann wieder zurück. Seit einem knappen Jahr wird Jakov von Alexander Mogiljevski, einem bekannten Pianisten aus Moskau, unterrichtet, und zwar nach der alten russischen Schule, der Art des Klavierspielens, die er von Anfang an gelernt hat. „Alexander ist sozusagen mein bester Freund, auch eine Vertrauensperson“, schwärmt Jakov über seinen 31‐jährigen Lehrer. Als Ausgleich zum straffen zweistündigen Unterrichtsprogramm spielen die beiden dann auch mal Fußball im Garten. Seine Mutter ist gleichzeitig seine Repititorin, das heißt, sie übt mit ihm noch einmal, was der Lehrer mit ihm begonnen hat.
Der prominente Auftritt im vergangenen Jahr hat mittlerweile noch zwei repräsentative Termine folgen lassen. Jakov spielte bei einem Empfang des nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und bei einer Festveranstaltung in der Essener Villa Hügel. Richard von Weizsäcker fand bewundernde Worte für sein Spiel, Hans‐Dietrich Genscher hat ihm die Hand geschüttelt, Annette Schavan gratulierte. Seine große Schwester erklärt ihm anschließend immer, welche Prominenz mit ihm gesprochen hat.
Er selbst klingt ehrlich, wenn er sagt, „egal, welcher Auftritt das ist, ich bin immer so aufgeregt wie nie zuvor“. Sei es, wenn er im Elternheim der Gemeinde spielt, was er regelmäßig macht, sei es bei einem Schulkonzert. Und Jakov ergänzt: „Es ist immer eine Herausforderung.“

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