Selbstverteidigung

Für den Notfall

von Christian Jahn

Die Terroranschläge Ende November in Bombay, die Geiselnahmen und das Morden im Chabad‐Haus haben die jüdische Welt aufgewühlt. Damit etwas Ähnliches nicht in Europa passiert, planen zwei Organisationen Hilfe zur Selbsthilfe.
Das Rabbinical Centre of Europe (RCE) hat Anfang des Monats ein Anti‐Terror‐Training in jüdischen Gemeinden Europas angekündigt. Gemeinsam mit der Jewish Emergency Rescue Organization (JERO) habe das RCE ein »gemeinsames Sicherheitsprojekt« aufgelegt, heißt es. Ausbilder‐Teams aus Israel sollen in den kommenden Wochen Freiwillige in jüdischen Gemeinden in Europa auf mögliche Terroranschläge und Katastrophen vorbereiten. Die Freiwilligen sollen ihr Wissen später an die übrigen Gemeindemitglieder weitergeben.
»Das Selbstbewusstsein der Juden weltweit hat in den letzten Jahren stark gelitten«, findet Asher Gold, Sprecher des RCE, »und die Attacken von Bombay waren ein weiterer Schock.« Aus Angst nähmen viele nicht mehr vollwertig am Leben ihrer Gemeinde teil und schickten beispielsweise ihre Kinder nicht mehr in die Schule. »Mit dem Training wollen wir den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Europa auch wieder mehr Mut machen, ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln«, sagt Gold.
Das Training besteht aus zwei Einheiten: Im ersten Teil wird den Freiwilligen beigebracht, wie sie im Katastrophenfall Erste Hilfe leisten und wie sie auch bei großer Opferzahl die Gesamtsituation in den Griff bekommen. Dafür müssen die Freiwilligen in der jeweiligen Gemeinde einen Notfallplan ausarbeiten, in dem Ansprechpartner bei Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst aufgeführt sind. Zu diesen Ansprechpartnern soll ein enger, persönlicher Kontakt aufgebaut und gepflegt werden.
Im zweiten Trainingsteil werden sogenannte Gemeindepatrouillen zur Selbstverteidigung gebildet, so der Plan von RCE und JERO. Sogar der Umgang mit Schusswaffen steht auf dem Programm. »Auf keinen Fall wollen wir eine eigene Miliz aufbauen. Wir leben in einer demokratischen Welt. Nur wo es die lokale Gesetzgebung zulässt, findet die Ausbildung an der Waffe statt«, betont Moses Weissmandl, ein Bekannter von RCE‐Sprecher Gold, der an der Organisation der Trainings mitgewirkt hat.
»Auch die Gemeindepatrouillen sollen eng mit den lokalen Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten und so im Notfall ein schnelles Katastrophen‐Management ermöglichen«, fügt Weissmandl hinzu. Die Integration der jeweiligen lokalen jüdischen Gemeinde in das soziale Umfeld ist in seinen Augen das wichtigste Trainingsziel. »Wenn die Gemeinde mit den lokalen Sicherheitsbehörden, mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst gut vernetzt ist, dann wird dieses Netzwerk im Notfall verlässlich und schnell reagieren«, ist er überzeugt. Er nennt einen Fall aus der Ukraine: »Dort fehlten die Kontakte zu den lokalen Behörden, und der Rettungswagen traf erst 45 Minuten nach dem Notruf am Unfallort ein. So etwas wollen wir verhindern«, sagt Weissmandl.
Die Idee für das Training gab es bereits vor den Terroranschlägen von Bombay. Doch der gezielte Angriff auf das Chabad‐Haus habe die Entwicklung beschleunigt, erklärt Weissmandl. »Eigentlich wollten wir ausführlicher planen. Bombay hat alle wachgerüttelt, und wir haben beschlossen, sofort zu handeln«, sagt er. Noch Ende dieses Jahres soll die erste Trainingseinheit in Moskau stattfinden, danach folgen Paris und weitere 28 europäische Großstädte.
Laut RCE‐Sprecher Gold gebe es zwar keine erhöhte Terrorgefahr für die russische Hauptstadt. »Aber Moskau hat mit rund 100.000 Mitgliedern die viertgrößte jüdische Gemeinde in Europa. Zwischen RCE, JERO und der Gemeinde bestehen sehr gute Kontakte. Russlands Oberrabbiner Berl Lasar habe darauf bestanden, das erste Training in seiner Gemeinde durchzuführen«, sagt Gold.
In der Pressestelle der Föderation der Jüdischen Gemeinden Russlands (FEOR), deren Vorsitzender Oberrabbiner Lasar ist, weiß man Mitte Dezember nach eigenen Angaben nichts von einem Anti‐Terror‐Training. Schneur Galperin, der laut RCE‐Sprecher Gold das Training in Moskau organisiert, möchte sich vorerst nicht dazu äußern. Womöglich will die FEOR keine Unruhe in der Gemeinde stiften und betreibt deshalb eine eher zurückhaltende Informationspolitik.
Dass es mit der Sicherheit nicht allzu gut bestellt ist, dürften die meisten dennoch ahnen: Laut einer Erhebung des oft von russischen Medien zitierten Informations‐ und Analysezentrums SOVA steigt in Russland die Zahl der Übergriffe mit fremdenfeindlichem Hintergrund. Innerhalb der ersten elf Monate dieses Jahres starben 82 Menschen bei Gewaltattacken, 348 wurden verletzt. Im Vorjahr lag die Zahl der Todesfälle noch bei 72. Moskau nimmt mit 48 Ermordeten den traurigen Spitzenplatz ein. Oft sind die Opfer Menschen aus zentralasiatischen Staaten wie Tadschikistan oder Aserbaidschan. Doch immer wieder kommt es auch zu Übergriffen auf jüdische Einrichtungen und Gemeindemitglieder.

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