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Führungspositionen für Nichtjuden?

Martin Widerker
ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), Repräsentant von Keren Hayesod und Unternehmer in Stuttgart.

Diese Frage möchte ich mit einem klaren »Ja« beantworten. Alle verantwortlichen Positionen können, mit Ausnahme von Stellen in der jüdischen Erziehung oder der Religion, auch von Nichtjuden bekleidet werden – sofern sie die dafür notwendige Qualifikation haben, gut mit Menschen umgehen können, Verständnis für die Infrastruktur einer Gemeinde haben und mit der jüdischen Geschichte vertraut sind. Wenn ihnen darüber hinaus der Staat Israel und das jüdische Volk sympathisch sind, dann ist das gewiss nicht schädlich. Einigkeit über die Verschiedenheit soll uns leiten. Die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland ist Realität, und dieser wollen und dürfen wir uns nicht verweigern. Wir sind alle Menschen und Gottes Schöpfung. In einer jüdischen Religionsgemeinde soll das Gebot »Liebe den Nächsten wie dich selbst« bei der Suche, Anstellung und im Umgang auch mit nichtjüdischen Angestellten höchste Priorität und Bedeutung haben. Deshalb sind die hebräischen Worte »Schachen«, der Nachbar, und »Schechina«, der Geist Gottes, im übertragenen Sinne sehr eng miteinander verbunden.
Eine Ausnahme gibt es allerdings: die Position des Geschäftsführers. Wobei dabei auch die religiöse Ausrichtung einer Gemeinde eine große Rolle spielt. Der Geschäftsführer einer liberalen jüdischen Gemeinde kann ohne Weiteres ein Nichtjude sein. Für die IRGW, eine orthodox ausgerichtete Einheitsgemeinde, die die Vielfalt von Identitäten, Kulturen und religiösen Strömungen unter ihrem Dach vereint, ziehe ich einen jüdischen Geschäftsführer mit Hebräischkenntnissen vor. 85 Prozent unserer Mitglieder sind Zuwanderer; die meisten von ihnen verstehen sich als ethnische, weniger als religiöse Juden. Ihre Gedanken, Sorgen und Mentalitäten wird auf jeden Fall ein jüdischer Geschäftsführer, der Sachverstand und Integrität mitbringt, besser verstehen.
Unser Gemeindeleben umfasst ein breites Spektrum von Aufgaben. Dazu zählen zum Beispiel Jugendarbeit und Religionsunterricht, genauso wie die Synagoge oder die jüdischen Kulturwochen. Viele dieser Aufgaben verlangen sowohl die Reflexion von Geschichte als auch Visionen für die Weiterentwicklung des Judentums. Und dies mag für einen außerhalb der jüdischen Gemeinschaft Stehenden zu viel verlangt sein. Außerdem setzt dies vielfach ein außergewöhnliches Reflexionsniveau des eigenen (Nicht-)Glaubens im Hinblick auf die Entwicklung des Judentums voraus. Ein Jude oder eine Jüdin hat es da leichter. Zögern und Unsicherheit bei religiösen oder israelischen Themen mögen bei einem Leiter der Buchhaltung unproblematisch sein, aber für eine erfolgreiche Geschäftsführung stellen sie eine große Bürde dar.

ilana katz
ist seit April 2009 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Die Psychologin kam aus Riga nach Deutschland
und leitet heute einen Pflegedienst.

In den letzten 20 Jahren ist die jüdische Gemeinschaft auf mehr als 100.000 Gemeindemitglieder angewachsen. Hinzu kommen noch die Nichtangemeldeten. Dies wissend, wundert man sich, warum sich die Frage stellt, ob Nichtjuden Verantwortungspositionen übernehmen sollen. Eines steht wohl nicht zur Diskussion: Positionen, die dazu gedacht sind, eine politische und rechtliche Vertretung zu bilden, sind Juden vorbehalten. Vorstände und Gemeindeparlamente können schon per Satzung nicht mit Nichtmitgliedern, also Nichtjuden, besetzt werden. Es wäre auch absurd, eine vitale Gemeinschaft von denen vertreten zu lassen, die nicht Teil dieser Gemeinschaft sind.
Doch was ist mit Ehren- und Hauptämtern, die man an Nichtjuden übertragen könnte? In einer von Toleranz geprägten Religionsgemeinschaft wie dem Judentum ist eine grundsätzliche Ablehnung nur aus Gründen der Abgrenzung nicht denkbar. Sind wir zudem nicht in der Lage, diese Positionen mit geeigneten jüdischen Personen zu besetzen, so würde eine ausnahmslose Ablehnung von Nichtjuden uns selbst schaden. Doch diese Konstellation scheint hypothetisch. Bei weit über 100.000 Juden in Deutschland auf nichtjüdisches Personal zurückzugreifen, wäre nicht angebracht.
Und es bleibt auch die Frage, was eben doch anders sein könnte, wenn ein Nichtjude ein Entscheidungsträger in einer jüdischen Gemeinschaft ist. Neben fachlicher ist immer auch menschliche und soziale Qualifikation nötig. Der größte Teil der jüdischen Gemeinschaft ist nicht nur auf das Wissen um religiöse Regeln und Traditionen begrenzt. Es gibt vielmehr das besondere Selbstverständnis eines Juden, das aus der komplizierten Geschichte herrührt – Minderheitenstatus, Verfolgung, Migration und Anpassung –, und nicht zuletzt eine bestimmte Mentalität, die einem Nichtjuden fehlen würde. Vor allem in Bildungseinrichtungen würde dieses Defizit zum Problem, wenn wir uns das Ziel setzen, unsere Jugend jüdisch zu erziehen. Eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist mehr als das bloße Vermitteln von Hebräischkenntnissen und Feiertagslehren. Auch die Person des Lehrers ist entscheidend.
Dies lässt sich auf jede jüdische Institution übertragen: Die Beziehung zwischen Verantwortungsträger und Mitgliedern wäre anfällig für Misstrauen und Missverständnis. Zudem stellt sich die Frage der Außenwirkung. Eine Gemeinschaft, die von sich behauptet, reich an gebildeten und interessierten Menschen zu sein, müsste es nicht nötig haben, sich fremde Hilfe zu holen. Wir sollten uns auf unser Potenzial konzentrieren und unsere Möglichkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nutzen, um ein angesehener und erfolgreicher Teil der deutschen Gesellschaft zu bleiben.

Anita Lasker-Wallfisch

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