Erinnerung

Fühlen, was passiert ist

von Gideon Greif

Die Erinnerung an die Schoa verblasst. Die authentischen Orte, die steinernen Überreste der Vernichtungslager drohen zu verfallen. Die Überlebenden des Holocaust, die Zeugen des Mordens, sterben. Und für junge Menschen wirkt die Schoa altertümlich weit entfernt. Wie kann Erinnerungsarbeit aussehen, die gleichzeitig Jugendliche anspricht, das Gedenken an den Völ- kermord bewahrt und den Ermordeten die ihnen zustehende Ehre erweist?
Oft wird behauptet, dass der technologische Fortschritt die Lösung des Vermittlungsproblems sei, dass geschichtliches Wissen und Bildung mittels Computer und Internet der heutigen Jugend viel besser vermittelt werden könne. Doch wir sollten uns weiterhin auf die klassischen Methoden verlassen: auf Text, Sprache, Bilder und Fotos. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin macht das deutlich. Steine können nicht sprechen. Sie können keinen Schmerz ausdrücken. Und: Sie können keine Fragen beantworten. Deshalb wäre ein Mahnmal, eine Schoa-Gedenkstätte wie Yad Vashem sinnvoller. Denn hier sprechen die Fotos. Sie zeigen das Leiden der Juden ebenso wie die unvorstellbare Grausamkeit der Deutschen.
Dabei sind Fotos aus der Zeit der Schoa durchaus auch problematisch. Zum einen ist das Material sehr fragmentarisch. Zum anderen sind fast alle Bilder aus dem Blick der Täter gemacht. Und man muss sich immer bewusst sein, dass das Leiden auch mit Fotos nicht rekonstruierbar ist. Dennoch setzt Yad Vashem ganz bewusst und optimal auf die Kraft der Bilder. Die Darstellung der Schoa ist eine Mischung aus historischen Fotos und authentischen Exponaten: Tagebücher, Kinderspielzeug, Torarollen und persönliche Gegenstände. Die Mehrheit der Besucher lobt diese Art der Präsentation. »Fühlen und annähern«, so beschreiben sie ihren Zugang zur Schoa.
Aber was ist mit den authentischen Orten der Vernichtung? Es besteht die Gefahr, dass durch Witterungseinflüsse und mangelnde Pflege in einigen Jahren nichts mehr von ihnen übrig ist. Das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ist dafür ein Beispiel. Um diese historischen Orte dennoch zu bewahren, sind drei Dinge notwendig. Erstens müssen die Budgets der Gedenkstätten dringend erhöht werden. Zweitens sollten die authentischen Orte durch Ausstellungen ergänzt werden. Drittens ist es sinnvoll, dort Bildungszentren für Schüler und Studenten einzurichten.
Die Zeit, ein Feind. Das gilt auch für die Überlebenden der Schoa. Ihr Älterwerden birgt die Gefahr in sich, dass mit ihnen auch ihre Erinnerungen an das Grauen verloren gehen. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr Wissen auf jede nur erdenkliche Art für künftige Generationen bewahrt wird. Dabei muss einiges beachtet werden. An jedem Ort der Welt muss es möglich sein, dass die Schoa-Überlebenden ihre persönlichen Erfahrungen per Video, Audio oder Stenografie dokumentieren lassen können. Ihr Zeugnis kann durch nichts ersetzt werden. Darüber hinaus muss weltweit dafür gesorgt werden, dass die Zeitzeugen in Schulen, Universitäten und in den Medien ihre Geschichten erzählen können. Es gibt noch viele Überlebende, die sich gerne mit Jugendlichen treffen würden, um ihre Geschichte zu erzählen. Viele verstehen das als moralische Pflicht, als die Erfüllung des letzten Willens ihrer ermordeten Familienangehörigen und Freunde.
Die Erinnerung an die Schoa zu bewahren, ist keine »jüdische Angelegenheit«. Es ist eine Aufgabe für die gesamte Menschheit. Diese Anstrengung kann nur erfolgreich sein, wenn die Erinnerung durch eine Kombination von authentisch-dokumentarischen und visuellen Elementen erfolgt. Eine einfache Ausstellung mit Fotos und Exponaten, die jedem Besucher verständlich ist, kann auch in unserer modernen Zeit dazu beitragen, die Erinnerung und das Gedenken in die Herzen zu tragen.
Ziel muss es sein, dass dies immer mit pädagogischer Bildung verbunden wird. Und dass die Verantwortung, die Ernsthaftigkeit und die Heiligkeit dabei niemals ausgeklammert wird. Denn große Vorsicht ist geboten, um die Schoa nicht zu verharmlosen. Modernität und Fortschritt bei der Vermittlung sollten richtig proportioniert werden. Einfachheit und Bescheidenheit sind manchmal wertvoll, weil wir nie vergessen sollten, dass wir die Persönlichkeiten und Charaktere der Ermordeten darstellen wollen. Viele von ihnen waren einfache Leute und würden, könnte man sie fragen, ein bescheidenes ehrenvolles Momument einer aufwendigen Installation vorziehen.

Der Verfasser ist Historiker, Pädagoge, Buchautor und Mitarbeiter der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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